Der Kult ums gesunde Essen

Gesund ernähren

Der Kult ums gesunde Essen

Obst und Gemüse sind gesund. Pommes und Hamburger sind ungesund. Das scheint für alle klar zu sein. Uwe Knop, Ernährungswissenschaftler, sagt jedoch: "Dafür gibt es keine Beweise." Die Einteilung in gesund und ungesunde Ernährung mache keinen Sinn.

WDR 5: Sie haben eine große Lust, Ernährungstrends wie "Esst mehr Kohlenhydrate" auseinanderzunehmen. Warum?

Uwe Knop: Da gibt es eigentlich nicht viel auseinanderzunehmen. Wenn man sich fragt, wo die Beweise für die Wirksamkeit liegen, wird man nichts finden. Und das ist die Crux an der ganzen Sache. Die Leute glauben an etwas, was irgendjemand erzählt, wofür die Ernährungswissenschaft aber keinerlei valide Evidenz vorlegen kann. Das sollte man sich immer vor Augen führen.

WDR 5: "Die Ernährungswissenschaft ist in einer bemitleidenswerten Lage." Das ist ein Zitat eines Professors, der die Qualität von wissenschaftlichen Studien bewertet. Wieso ist das so?

Knop: Weil sie auf Beobachtungsstudien basiert. Das sind Studien, die keine Kausalitäten liefern können, also Ursache-Wirkungsbeziehungen. Sie liefern nur ganz schwache, vage Korrelationen im Ernährungsbereich. Das sind statistische Zusammenhänge.

Uwe Knop

Ernährungswissenschaftler und Autor Uwe Knop

Um das verständlicher zu machen, was dabei herauskommen könnte: "Diejenigen, die WDR 5 hören, haben weniger Herzinfarkte als diejenigen, die SWR 3 hören". Daraus würde die Ernährungswissenschaft machen: "Liebe Leute, hört WDR 5, das schützt euer Herz."

Das ist natürlich völliger Blödsinn. Aber wenn Sie jetzt die Radiosender durch Ballaststoffe oder Obst und Gemüse ersetzen, dann sehen sie das System. Und deswegen ist die Ernährungswissenschaft bemitleidenswert, weil man immer nur einen kleinen statistischen Zusammenhang hat, aber niemals eine Ursache-Wirkungsbeziehung belegen kann.

WDR 5: Das heißt, wenn man sagt: "Esst mehr Obst und Gemüse", dann kann man das nicht wissenschaftlich nachweisen, dass das besser oder gesünder ist?

Knop: Richtig. Dafür gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis, dass Obst und Gemüse irgendeinen Effekt auf die Gesundheit haben. Das wird immer gerne aus dem Bereich der Ernährungsfunktionäre und Ernährungsinstitutionen propagiert. Aber sie haben keinen Beweis dafür. Auch dafür, dass man fünfmal am Tag Obst und Gemüse essen soll, wie eine Kampagne sagt, gibt es keine Beweise. Es kann sogar sein, dass die Menschen, wenn sie ernährungssensibel sind, einen sensiblen Darm haben, davon Blähungen bekommen, Schmerzen, Krämpfe, vielleicht sogar einen Reizdarm. Man kann nicht einfach irgendetwas empfehlen, wofür man keine Evidenz hat. Der Schuss kann auch nach hinten losgehen.

WDR 5: Aber Moment mal: Jemand, der viel Obst und Gemüse ist, ernährt sich doch gesünder als jemand, der sich am liebsten von Pommes und Schokolade ernährt.

Knop: Der Mensch hat gerne einfache Lösungen und einfache klare Aussagen. Nur da schließt sich der Kreis zu dem Zitat, das Sie genannt haben: "Die Ernährungswissenschaften sind in einer bemitleidenswerten Lage." Man kann diese klaren Aussagen nicht treffen. Sie können nicht sagen: "Obst und Gemüse sind gesund. Und Pommes und Hamburger sind ungesund." Das hat selbst die deutsche Gesellschaft für Ernährung festgestellt, die sagte, die Einteilung in gesunde und ungesunde Lebensmittel macht keinen Sinn. Egal, welches Thema Sie auf den Tisch packen: Die Ernährungswissenschaft hat für nichts, aber auch gar nichts einen Beweis. Das einzige, was existiert, sind vage Hypothesen und Vermutungen. Deshalb vergleiche ich das immer gerne mit dem modernen Glaskugelleben. Mehr ist es nicht.

Die Fragen stellte Andrea Oster im WDR 5 Morgenecho vom 02.03.2017.

Für eine bessere Rezeption weicht die schriftliche Fassung des Interviews an einigen Stellen vom gesendeten Interview ab. Die intendierte Ausrichtung der Fragen und Antworten bleibt dabei unberührt.

Der Kult ums gesunde Essen

WDR 5 Morgenecho - Interview | 02.03.2017 | 04:26 Min.

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Ernährungswissenschaftler Uwe Knop war neben der Bloggerin Andrea Spang und Prof. Dr. Karl Lauterbach (MdB SPD und Mediziner) auch Gast bei den WDR 5 Funkhausgesprächen am 3. März 2017:

Wenn Ernährung zur Sünde wird - Kult ums gesunde Essen

WDR 5 Funkhausgespräche | 02.03.2017 | 55:18 Min.

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Stand: 02.03.2017, 12:00