"Ich will meinen Enkeln sagen können: Ich habe alles fürs Klima getan"

Katrin Göring-Eckardt

"Ich will meinen Enkeln sagen können: Ich habe alles fürs Klima getan"

Klimaschutz ist ihr großes Wahlkampfthema. Die Grünen wollen nicht weniger als den Planeten retten – notfalls auch in einer Jamaika-Koalition, sagt Katrin Göring-Eckardt, Spitzenkandidatin der Grünen, im WDR 5-Interview.

WDR 5: Die Grünen beschwören, dass diese Wahl eine echte Richtungsentscheidung sei. Das sehen die Wähler, gemessen an den Umfragen, nicht ganz so dramatisch. Fehlen den Grünen die Themen?

Katrin Göring-Eckardt: Nein! Zu den Umfragen gehören ja auch die Vielen, die sich in den letzten zwei, drei Tagen entscheiden. Ich finde das sehr spannend, was da gerade passiert. Die Themen fehlen gerade nicht. Wir haben nicht nur die Hurrikans in den Vereinigten Staaten. Wir haben die Ernteausfälle in Deutschland. Selbst der Präsident des Bauernverbands weist darauf hin, dass das mit der Klimakrise zu tun hat. Wir haben Fipronil, den Läusegiftskandal. Wir haben den Dieselskandal. Es gibt in der Tat genug zu tun. Das sind die Debatten, die unseren Wahlkampf bestimmen und nach denen wir gefragt werden.

Die Grünen: Blick nach oben

WDR 5 Morgenecho - Interview | 20.09.2017 | 05:50 Min.

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WDR 5: Sie sprechen sehr oft von Ihrem Kernthema, nämlich der Rettung des Planeten. Ist das vielleicht eine Nummer zu groß?

Göring-Eckardt: Nein, ist es nicht. Wenn man sich anschaut, was nochmal vier Jahre Nichtstun für unser Land, aber eben auch für Europa und in der Tat für den Planeten bedeuten würde, dann weiß man schon, dass es darum geht.

Ich selbst habe fünf Enkelkinder, und wenn die mich in zehn, in zwanzig Jahren fragen: Was habt ihr eigentlich damals gemacht, als Donald Trump aus dem Klimavertrag aussteigen wollte? Was habt ihr gemacht, um Europa voranzubringen und wenigstens dort dafür zu sorgen, dass gedrängelt wird, dass das Klimaabkommen von Paris, auf das sich alle Länder geeinigt haben, tatsächlich eingehalten wird? Seid ihr wirklich aus der Kohle ausgestiegen und habt dafür gesorgt, dass andere Arbeitsplätze entstanden sind? Habt ihr euch um die saubere Luft gekümmert? Da möchte ich sagen können: Ja, da hab ich alles für getan.

WDR 5: Wir nehmen Sie nun mal - theoretisch - in eine Regierungsverantwortung: Was geht denn in einer möglichen Jamaika-Koalition mit der Union und der FDP zum Beispiel in Sachen Klimaschutz?

Göring-Eckardt: In Sachen Klimaschutz, das weiß man in Nordrhein-Westfalen ganz gut, da hat die FDP alles, was an erneuerbaren Energien da war, nach hinten geschoben und agiert jetzt wieder mit der Kohle. Die FDP tut immer so, als ob sie eine besonders moderne, zukunftsgewandte Partei sei. Ich erlebe das komplette Gegenteil. Insofern wird das eine harte Auseinandersetzung.

Das ist auch die Richtungswahl, um die es geht. Es geht ja nicht darum, dass man am Sonntag ein schönes Jamaika-Bündnis wählt. Es geht um entweder die FDP oder uns. Das sind tatsächlich zwei unterschiedliche Richtungen in der Klimaschutzpolitik, aber übrigens auch bei der Gerechtigkeit, Stichwort Mietpreisbremse, die die FDP dezidiert nicht möchte.

WDR 5: Sie sprechen von einer "harten Auseinandersetzung", das heißt: Ausschließen möchten Sie das Jamaika-Bündnis nicht.

Nationalflagge von Jamaika

Jamaika-Koalition: Eine Option für die Grünen

Göring-Eckardt: Da habe ich sehr viel Demut vor den Wählerinnen und Wählern. Die entscheiden am Sonntag, welche Optionen es gibt. Wenn es jenseits der Großen Koalition, die unserem Land wirklich nicht gut getan hat, Optionen gibt, dann finde ich, soll man sprechen. Ich halte es nicht für wahnsinnig erfolgversprechend, sich mit der FDP an einen Tisch zu setzen. Es gibt ja auch Punkte, wo man sich einig ist, Stichwort Einwanderungsgesetz.

Aber in der zentralen Frage Klimaschutz und bei der zentralen Frage Gerechtigkeit wird das extrem schwer. Deswegen wäre es mir natürlich zehnmal lieber, wenn wir nur – auch schwierige – Gespräche mit der Union führen müssten. Aber das entscheiden die Wählerinnen und Wähler.

WDR 5: Was wäre denn mit einer Union möglich, die zum Beispiel Joachim Herrmann (CSU) als Innenminister sieht.

Göring-Eckardt: Mit der Union kann man über den Klimaschutz reden. Frau Merkel hat als Kanzlerin den Klimaschutzvertrag unterschrieben. Aber mit Herrn Herrmann über Sicherheit zu reden, wird nicht einfach werden. Die Frage ist ja, machen wir weiter so, dass wir immer neue Gesetze einführen und noch eine Kamera aufhängen? Oder sorgen wir endlich dafür, dass es genügend Polizei gibt und dass diese Polizistinnen und Polizisten und die Sicherheitsbehörden bundesweit und in Europa auch anständig zusammenarbeiten. Wir haben das ja im Fall Amri erlebt.

WDR 5: Aber da sind Sie sich ja mit der Union einig. Die Grünen wollen mehr Polizei und alle anderen auch. Das sollte doch kein Problem sein.

Schild in München mit Aufschrift "Dieser Bereich wird videoüberwacht"

Grüne fordern: Mehr Polizei statt Videoüberwachung

Göring-Eckardt: Hoffentlich ist das kein Problem, weil am Ende wollte die Union jedes Mal neue Sicherheitsgesetze. Diese neuen Sicherheitsgesetze waren nie unterfüttert mit mehr Personal, sondern da hat man sich gerade erst kurz vor den Wahlen dazu entschieden, noch ein paar neue Stellen zu schaffen. Ich finde es dramatisch: In den letzten zwölf Jahren waren im Bund Innenminister der Union in der Verantwortung und die Sicherheitslage hat sich alles andere als verbessert.

WDR 5: Sie lesen jeden Tag einen Bibelspruch. Hilft Ihnen das mit Blick auf die Wahl?

Göring-Eckardt: Das mache ich schon sehr viele Jahre, mit Wahlen hat das gar nicht so viel zu tun. Aber es ist erstmal gut, sich einmal am Tag daran zu erinnern, dass es auch noch was Anderes und was Größeres gibt. Dafür hilft es mir in der Tat.

Die Fragen stellte Ulrike Römer im Morgenecho vom 20.09.2017. Für eine bessere Rezeption weicht die schriftliche Fassung des Interviews an einigen Stellen vom gesendeten Interview ab. Die intendierte Ausrichtung der Fragen und Antworten bleibt dabei unberührt.

Stand: 20.09.2017, 09:30