Schubladen machen das Leben leichter

Wofür wir Vorurteile brauchen

Schubladen machen das Leben leichter

Vorurteile sind schlecht - aber nicht nur: Kategorien erleichtern uns den Alltag. Trotzdem stellt sich die Frage, wie man seine Mitmenschen nicht ständig in die falsche Schublade steckt. Und wie wir falsche Vorurteile abbauen.

Ohne Kategorien kämen wir im Leben nicht weit: Ein Kind kann nicht jeden Bello oder Fiffi, der ihm auf der Straße entgegen kommt, erst persönlich kennenlernen, um dann zu wissen, wie mit ihm umzugehen ist. Es lernt, dass sie alle zur Kategorie Hund gehören und man mit ihnen daher am besten vorsichtig sein sollte, auch wenn man manchem harmlosen Tier damit Unrecht tut. So halten wir es auch mit Menschen, sagt Andreas Beelmann, Psychologie-Professor an der Universität Jena: "Wir sind darauf ausgelegt, unsere soziale Welt zu kategorisieren. Das führt dazu, dass wir Menschen in Gruppen einteilen. Das beginnt schon sehr früh im Leben und das ist auch notwendig, um mit der Vielfalt der Welt zurechtzukommen. Es ist also keineswegs schlimm, ganz im Gegenteil."

Welches sind die ersten Schubladen, in die Kinder ihre Mitmenschen stecken? Das hängt ganz von der Umgebung ab, wie Psychologe Beelmann erklärt: "Kinder fangen mit vier, fünf Jahren an, soziale Kategorien zu übernehmen. Das erste ist meistens Junge - Mädchen, aber das muss nicht sein. In Gebieten, wo es zum Beispiel sehr starke gesellschaftliche Konflikte gibt - nehmen wir mal den Nahen Osten -, da sind soziale Kategorien - Palästinenser, Islam auf der einen und Israeli, Judentum auf der anderen Seite - Kategorien, mit denen Kindern schon ganz früh in Kontakt kommen. Und dann kann es sein, dass das eher bedeutsam wird für die Kinder als die Geschlechterkategorie."

Manche Gruppen werden extrem negativ gesehen

Aber wir teilen Menschen nicht nur in Gruppen ein, um den Überblick zu behalten. Für die eigene Identität ist es wichtig, dass man sich selbst zu einer Gruppe zugehörig fühlt - und die eigene bewertet man in der Regel besser als die sogenannte "soziale Fremdgruppe". Manche dieser Fremdgruppen werden extrem negativ gesehen, auch über Ländergrenzen hinweg. Susan Fiske, Psychologin an der Universität Princeton, hat das besonders bei Obdachlosen und Drogenabhängigen festgestellt: "Überall auf der Welt sind die Reaktionen auf sie extrem negativ." Fiske hatte Versuchspersonen Bilder von Angehörigen verschiedener Gruppen gezeigt - und dabei verfolgt, was sich im Gehirn der Probanden tat. Besonders verräterisch war, wie sich eine Region direkt hinter der Stirn verhielt.

"Der mediale präfontale Kortex wird verlässlich aktiv, sobald Menschen an andere Menschen denken, Bilder von ihnen sehen oder über ihre Persönlichkeitseigenschaften nachdenken." Das gelte für Angehörige ihrer Gruppen sowie fremder Gruppen - ob sie diese mögen oder nicht. "Aber es zeigt sich keine Reaktion, wenn sie Bilder von Obdachlosen sehen. Deshalb sprechen wir von einer Art Entmenschlichung."

Das ist die schlimme Seite unserer Vorurteile - und es ist wichtig, solche Reaktionen zu überwinden. Einfach ist das nicht, denn es liegt in unserer Natur, blitzschnell über eine Person zu urteilen, die wir kennenlernen. Interessant ist dabei: Diese Schnell-Urteile sind keineswegs haltlos. Wir können innerhalb kürzester Zeit einigermaßen zuverlässig einschätzen, wie extravertiert, selbstbewusst, religiös oder gewissenhaft jemand ist.

Subtile, unbewusste Prozesse spielen auch eine Rolle

Wie wir auf Menschen aus anderen Gruppen reagieren, hängt nicht nur vom Wissen über sie ab. Auch subtile, unbewusste Prozesse spielen eine Rolle. Manchmal neigen wir schneller dazu, einen Anderen in eine Schublade zu stecken. Es hängt davon ab, ob wir gerade eher auf Unterschiede oder auf Gemeinsamkeiten achten. Wird dieser Denkstil verändert, ändern sich auch unsere Vorurteile. Am Beispiel der Reaktion auf Skinheads hat das Psychologie-Professor Thomas Mussweiler von der Universität Köln in einem Experiment gezeigt.

Seine Versuchspersonen bekamen jeweils alte Drucke von Marktplätzen vorgelegt. Dann wurden sie gruppenweise aufgefordert, alle Gemeinsamkeiten, bzw. Unterschiede zu finden. Anschließend wurden die Probanden unter einem Vorwand in einen Wartesaal gebracht, in dem acht Stühle standen. Vor einem Stuhl standen Springerstiefel und eine Bomberjacke hing über der Lehne. Suchten sich die Versuchspersonen jetzt einen Stuhl in der Nähe des Platzes des vermeintlichen Skinheads oder gingen sie auf Abstand? Diejenigen, die vorher in der Bildaufgabe auf Unterschiede achten sollten, setzten sich eher näher dran.

Mussweiler erklärt das Ergebnis seines Experiments so: "Wenn ich Vergleiche durchführe, die sich besonders auf Gemeinsamkeiten konzentrieren, dann gleiche ich meine Erwartung über das Verhalten dieser Person an das Stereotyp an. Wenn ich aber Vergleiche durchführe, die sich eher auf Unterschiede konzentrieren, dann kontrastierte ich meine Erwartungen über das Verhalten dieses mit dem Verhalten des prototypischen Skinheads. Das heißt, ich gehe nicht mehr davon aus, dass der unbedingt so brutal und grobschlächtig ist."

Sichtweise anderer einnehmen - baut Vorurteile ab

Ob sich aus diesen Erkenntnissen eine Methode zum Abbau von Vorurteilen entwickeln lässt, bleibt noch abzuwarten. Programme gegen Vorurteile, die beim Denkstil ansetzen, gibt es schon. Da geht es dann darum, Menschen nicht nur als Mitglieder einer Kategorie zu sehen, etwa der Kategorie Skinhead. Der Bomberjacken-Besitzer gehört womöglich auch zur Kategorie Elektriker oder zur Kategorie Vater - schon ändern sich die Erwartungen. Andere Übungen zielen darauf ab, dass Kinder lernen, probeweise die Sichtweise anderer einzunehmen - indem sie sich etwa vorstellen, was eine Person fühlt und denkt, wenn sie beschimpft wird. Wenn Kinder das gut können, dann ist ihre Neigung, falsche Vorurteile zu bilden, schon geringer.

Autor des Radiobeitrags ist Jochen Paulus.

Stand: 17.11.2014, 16:05