Irrtum des Immunsystems

Computersimulierte Nervenzelle.

Ursachen der Multiplen Sklerose

Irrtum des Immunsystems

Von Sigrun Damas

Die "Krankheit der tausend Gesichter", so heißt die Multiple Sklerose (MS) im Volksmund. Ihre Symptome können sehr unterschiedlich sein. Warum die Krankheit auftritt, versuchen die Forscher jetzt zu verstehen.

Die Multiple Sklerose ist eine nicht heilbare, chronisch-entzündliche Krankheit des zentralen Nervensystems. Dabei werden zunächst die Hüllen der Nervenfasern, später auch die Nervenzellen selbst zerstört. Schuld daran ist ein fehlgeleitetes Immunsystem, das irrtümlicherweise gegen den eigenen Körper vorgeht. Deswegen gehört die MS zu den Autoimmunkrankheiten.

Rauchen begünstigt MS

Wodurch die Multiple Sklerose genau ausgelöst wird, ist bis heute nicht vollständig verstanden. Die gängige Hypothese ist, dass erbliche Faktoren in Kombination mit Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Einer dieser Umweltfaktoren ist das Rauchen. Raucher haben ein doppelt erhöhtes Risiko, eine Multiple Sklerose zu entwickeln. Vermutet wird auch, dass das Rauchen der Mutter während der Schwangerschaft das MS-Risiko ihres Kindes erhöht. Rauchen schädigt das Immunsystem.

Zu wenig Vitamin D?

Ein zweiter Risikofaktor könnte nach Ansicht vieler Forscher Vitamin-D-Mangel sein. Studien zeigen, dass viele MS-Kranke einen deutlich erniedrigten Vitamin-D-Spiegel im Blut haben, auch schon zu Beginn der Erkrankung. Vitamin D bildet der Körper, wenn Sonnenlicht - genauer UV-Strahlung - auf die Haut trifft. Lange Zeit dachte man, Vitamin D sei nur für die Knochenbildung wichtig. Heute vermuten Forscher, dass es eine regulierende Funktion im Immunsystem wahrnimmt. Fehlt Vitamin D, neigt das Immunsystem möglicherweise zu Irrtümern und überschießenden Reaktionen – so die aktuelle Hypothese. Ob die Gabe von Vitamin D zur Therapie MS-Kranker geeignet ist, wird derzeit untersucht.

Viren unter Verdacht

Als dritten Risikofaktor sehen Forscher die Infektion mit bestimmten Viren. Als Hauptverdächtiger gilt dabei das Epstein-Barr-Virus (EBV). Es ist bekannt als Auslöser des Pfeifferschen Drüsenfiebers. Statistiken zeigen, dass sich das MS-Risiko erhöht, wenn ein Mensch im jungen Erwachsenenalter am Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankt. Aber längst nicht jeder, der das Epstein-Barr-Virus trägt, bekommt MS. Wer eine sogenannte "stumme" Infektion durchgemacht hat, also eine Infektion ohne besondere Krankheitssymptome, der ist – nach Einschätzung der Forscher - weniger MS-gefährdet.

Zu viel Hygiene?

Auch andere Autoimmunerkrankungen sind seit den 50er Jahren auf dem Vormarsch. Wissenschaftler vermuten, dass dies unter anderem an veränderten Lebensbedingungen liegt – etwa an verbesserter Hygiene und am vermehrten Einsatz von Antibiotika. Diese Hypothese basiert auf der Beobachtung, dass Kinder, die auf dem Bauernhof groß werden, später wesentlich seltener an Störungen des Immunsystems leiden als Stadtkinder. Das Immunsystem braucht offenbar in der Kindheit die Auseinandersetzung mit vielen Keimen, um später intakt zu bleiben. Ist das nicht der Fall, werden Autoimmunkrankheiten wie Allergien und möglicherweise auch Multiple Sklerose wahrscheinlicher. Es gibt also viele Hypothesen. Welche Faktoren zum Entstehen einer Multiplen Sklerose beitragen, ist allerdings nicht abschließend geklärt. Auch auf die Frage, warum die Krankheit von Patient zu Patient unterschiedlich verläuft, ist noch völlig offen. Derzeit versuchen Forscher, Biomarker im Blut der Patienten zu finden, die eine Prognose und auch einen zielgerichteten Einsatz von Medikamenten erlauben.

Redaktion: Monika Kunze

Stand: 17.06.2015, 10:29