Sex und die Stadt

Sigmund Freud (1938/39)

Freud und das Zeitalter der Hysterie

Sex und die Stadt

Sigmund Freud hat in seinem Leben über 600 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht, an die 15.000 Briefe und Krankengeschichten geschrieben und selbstverständlich Patientinnen und Patienten behandelt.

75 Jahre nach seinem Tod halten viele Psychologen zentrale Ideen des Begründers der Psychoanalyse für überholt. Dennoch: er gilt nach wie vor als einer der Großen der Wissenschaftsgeschichte. Kaum ein anderer Wissenschaftler ist derart in der Kultur des 21. Jahrhunderts verankert wie der vor 75 Jahren verstorbene Psychoanalytiker.

Viele Zweifel an Freuds Theorien

Freuds vielleicht wichtigste Erkenntnis, dass die meisten psychischen Probleme in der Sexualität wurzeln, wurde schon von dem von ihm selbst gewählten Nachfolger Carl Gustav Jung, Begründer der kollektiven Tiefenpsychologie, angezweifelt. Und seine Theorie des Ödipuskomplexes? Viele Wissenschaftler glauben mittlerweile, er gehe auf ein Kindheitserlebnis Freuds zurück. Nach der heute vorherrschenden Meinung kann diese Theorie keine allgemeine Gültigkeit mehr beanspruchen.

Als Sigmund Freud seine 40-jährige Patientin Emmy v. N. zum ersten Mal trifft, sieht er eine "noch jugendlich aussehende Frau mit feinen, charakteristisch geschnittenen Gesichtszügen auf dem Divan liegend.“ Sie ist intelligent und gebildet. Umso befremdlicher findet es Freud, dass sie beim Reden "alle paar Minuten plötzlich abbricht, das Gesicht zum Ausdruck des Grausens und Ekels verzieht, die Hand mit gespreizten und gekrümmten Fingern gegen mich ausstreckt und dabei mit veränderter, angsterfüllter Stimme die Worte ruft: Seien Sie still, – reden Sie nichts, – rühren Sie mich nicht an!" Sie stottert oft, und produziert schnalzende Geräusche. Sie weigert sich Wasser zu trinken, weil sie sich damit angeblich den Magen verdirbt. Das alles überzeugt Freud medizinisch nicht.

"Hysterie ist der Beginn der Psychoanalye"

Freud diagnostizierte Hysterie. Das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert war die große Zeit dieser Krankheit. Der aus Griechenland stammende, emeritierte Frankfurter Psychiatrieprofessor Stavros Mentzos ist auf sie spezialisiert – wie seinerzeit Freud. "Hysterie, kann man sagen, ist der Beginn der Psychoanalyse. Denn es gab so viele Fälle in Wien, die Freud und sein väterlicher Freund Breuer sehr beschäftigten, sodass sie ständig Material hatten zu studieren.“

1895 veröffentlichen Sigmund Freud und sein Kollege Josef Breuer ein Buch, in dem sie ihre Erfahrungen mit hysterischen Patientinnen beschrieben. Die Schilderungen fielen ziemlich farbig aus. "Es waren dann eben sehr ausgefallene Verhaltensweisen, die auch in der Literatur von Freud und Breuer ebenso beschrieben werden, dass sie an den Sexualakt erinnerten“, kommentiert die Heidelberger Psychiatrieprofessorin Sabine Herpertz die Arbeit von Freud und Breuer.

Sexuelle Wünsche von Frauen waren tabuisiert

Sexuelle Wünsche von Frauen waren damals ein Tabu, doch in sexuell anmutenden Bewegungen und anderen Symptomen kamen sie an den Tag, so jedenfalls Freuds Theorie. Vielleicht wurden solche Eskapaden überflüssig als die Gesellschaft später offener wurde. Stavros Mentzos hat noch eine andere Idee, warum die klassischen hysterischen Symptome im Lauf des 20. Jahrhunderts immer seltener wurden. Freuds Theorie, dass die Betroffenen auf diese Weise eigentlich ganz andere Probleme ausdrücken, war zu bekannt geworden. Stavros sieht andere Gründe für hysterische Verhaltensweisen: "Eine Großtante von mir, die hat mal einen großen hysterischen Anfall bekommen, nicht aus sexuellen Gründen oder so, sondern einfach als ihr Sohn ihr mitgeteilt hatte, er wollte auswandern, der einzige Sohn.“

Von der Hysterie zur Persönlichkeitsstörung

Vor etwa dreißig Jahren wurde die Hysterie schließlich offiziell abgeschafft – nicht zuletzt, weil sie vor allem bei Frauen diagnostiziert wurde, obwohl Männer durchaus vergleichbare Symptome zeigten. Ihr direkter Nachfolger ist die histrionische Persönlichkeitsstörung. Die Betroffenen haben meist ein geringes Selbstbewusstsein. Deshalb versuchen sie, durch theatralisches Auftreten mit dramatischen Gefühlsäußerungen im Mittelpunkt zu stehen. Aus dem gleichen Grund geben viele sich verführerisch und flirten ständig. "Doch auf die Dauer geht das ständige Suchen nach Aufmerksamkeit oft nicht gut und es ist sehr anstrengend“, sagt Sabine Herpertz, die Leiterin der psychiatrischen Klinik der Universität Heidelberg.

Doch auch in etlichen anderen psychischen Störungen steckt noch viel von der Hysterie. Sie hat nur ihr Gesicht gewandelt. Noch immer drücken viele Patienten ihre psychischen Probleme durch körperliche Beschwerden aus, wenn auch nicht mehr so spektakulär. Organisch nicht erklärbare Schmerzen, unklare Verdauungsbeschwerden ‑ die psychosomatischen Kliniken sind voll mit Patienten, die früher womöglich dramatische hysterische Symptome entwickelt hätten.

Autor des Hörfunkbeitrags: Jochen Paulus

Stand: 22.09.2014, 21:07