Wenn der Ladebalken hängt

Aktion für Netzneutralität

Wenn der Ladebalken hängt

Von Wordpress über Kickstarter bis YouPorn: Viele Internetanbieter beteiligen sich am Mittwoch (10.09.2014) an der Aktion "Battle for the Net" und fordern besseren Schutz für die Netzneutralität. Aber wie steht es eigentlich hierzulande um die Gleichheit der Daten?

Anstelle des gewohnten Angebots erscheint ein Ladebalken, der sich nur im Schneckentempo füllt: Zahlreiche Seiten im Internet verlangsamen heute (10.09.2014) symbolisch den Aufbau ihrer Seiten, um gegen das ihrer Meinung nach drohende Zwei-Klassen-Internet zu protestieren. Die Kampagne "Battle for the Net", an der sich unter anderem auch Mozilla, Vimeo, Netflix und Reddit beteiligen, setzt sich für Netzneutralität ein - also dafür, dass Datenpakete, unabhängig davon, woher sie kommen, was sie enthalten und welche Anwendung sie erstellt hat, im Internet gleich behandelt werden. Hintergrund sind Pläne der Regulierungsbehörde in den USA: Sie will es Nutzern gegen einen Aufpreis ermöglichen, ihre Daten schneller durchs Netz zu schicken als der Rest der Welt.

In den USA genau wie hierzulande sitzen die Telekommunikationsanbieter an den Schaltzentralen des Internets. Der Jurist Mario Martini forscht an der Universität für Verwaltungswissenschaften in Speyer zu dem Thema: "Netzneutralität erlangt eine große Bedeutung, seitdem die Anbieter den Internetverkehr mit ihren technischen Möglichkeiten stärker steuern können", sagt er. Die Anbieter selbst können theoretisch darüber entscheiden, was über ihre Leitungen transportiert wird - und mit welcher Geschwindigkeit. Denkbar wäre zum Beispiel, dass der Strom der Daten bei all denen gedrosselt wird, die besonders oft besonders große Dateien herunterladen. Die technischen Möglichkeiten, gezielt bestimmte E-Mails, digitale Filme oder andere Datenpakete zu bevorzugen oder aber zu benachteiligen, gibt es längst.

Einblicke in die Datenpakete der Nutzer

Mit Telekommunikations- und Datennetzen befasst sich auch der Netzwerkingenieur Andreas Grebe von der Fachhochschule Köln. Exemplarisch verfolgt Grebe den Weg eines Datenpakets vom Computer zuhause über den DSL-Router in das weit verzweigte Netz des Telekommunikationsanbieters: "In dessen Netz gibt es durchaus die Möglichkeit, zu filtern, indem man zum Beispiel IP-Adressen oder Port-Nummern blockiert." Eine weitere Möglichkeit ist die "Deep Packet Inspection", ein Programm, das die Daten analysiert, um herauszufinden, ob ein Nutzer zum Beispiel gerade telefoniert oder ein Video herunterlädt.

Wichtige Knotenpunkte im weit verzweigten Internet sind die sogenannten "Peering Points", von denen einer in Frankfurt am Main zu finden ist. Dort tauschen die Netzbetreiber und viele andere Firmen wie Google, Facebook oder Microsoft ihren Datenverkehr untereinander aus. Ähnlich wie in einem Paket-Verteil-Zentrum werden hier die Daten auf ihrem Weg vom Sender zum Empfänger in die richtige Richtung geleitet. Andreas Grebe weiß, was an diesen Internet-Knoten theoretisch alles möglich ist: "An den Peering Points gibt es ebenfalls die Möglichkeit, bestimmte Dienste zu bevorteilen. Man könnte zum Beispiel die Bandbreite, die zum Dienst Facebook zur Verfügung steht, höher ansetzen also die Bandbreite, die zu allen anderen Diensten zur Verfügung steht." Das würde bedeuten: Die Webseiten von Facebook ließen sich in diesem Szenario blitzschnell aufrufen, alle anderen dagegen viel langsamer.

Politik in der Pflicht

In der Möglichkeit, die transportierten Datenpakete zu analysieren und zu beeinflussen, sehen einige bereits eine Verletzung der Netzneutralität. Jurist Martini beruft sich auf das Telekommunikationsgesetz: "In Paragraf 41 a finden wir eine Regelung, die erahnen lässt, was Netzneutralität meint: Dort ist die Rede vom diskriminierungsfreien Zugang zu Inhalten und Anwendungen." Aber was bedeutet ein diskriminierungsfreier Zugang? Ist eine zubuchbare Premium-Option für mehr Surf-Comfort und ruckelfreie Internet-Videos schon eine Diskriminierung aller anderen? Mario Martini sieht auf jeden Fall die Politik in der Pflicht: "Voraussetzung ist, dass Netzneutralität ein rechtliches Gebot ist, das der Gesetzgeber verankert. Die Bundesregierung kann also eine Rechtsverordnung erlassen, um Netzneutralität zu sichern. Die ist aber noch nicht erlassen." Es gibt also noch Klärungsbedarf - für die Politik, aber auch für die Gesellschaft und das Netz: Wo beginnt und wo endet die Gleichheit der Daten?

Autorin des Radiobeitrags ist Daniela Knoll.

Stand: 10.09.2014, 11:01