Langeweile - gute oder (zu) lange Weile?

Mann sitzt verträumt in seiner Küche

Langeweile - gute oder (zu) lange Weile?

Wenn das Gehirn zu oft auf Leerlauf schaltet, kann das Depressionen hervorrufen, glauben Wissenschaftler. Dennoch ist Langeweile nicht per se ungesund. Wer sich entspannt seinen Tagträumen hingegeben kann, erholt sich.

Das Gefühl der Langeweile kann einem ganz schön die Laune vermiesen. Mittlerweile beschäftigt sich auch die Wissenschaft mit dem Thema. Denn Langeweile steht mit bestimmten Krankheiten in Zusammenhang. Dem Neuropsychologen James Danckert von der kanadischen University of Waterloo fiel auf, dass die Patienten, die unter einem Schädel-Hirn-Trauma litten, oft nur teilnahmslos herumsaßen. Meist waren bei ihnen durch einen Unfall Hirnregionen geschädigt worden, die nötig sind, um gezielt zu denken, zu planen und Entscheidungen zu treffen. "Wir konnten zeigen, dass die Beziehung zwischen Langeweile und Depression bei Menschen mit Schädel-Hirn-Trauma besonders stark ist", sagt er. "Je häufiger Menschen gelangweilt sind, desto häufiger werden sie auch depressiv und umgekehrt." Dieser Zusammenhang werde bei Hirn-Trauma-Patienten noch einmal verstärkt, weil sie Probleme mit ihrer Selbstregulation und Selbstkontrolle hätten.

Elektroschocks gegen die Langeweile

Aber was passiert, wenn unser Gehirn normal funktioniert und wir uns trotzdem langweilen? Um das heraus zu finden, baten Forscher Versuchspersonen in einen leeren Raum, in dem sie 15 bis 20 Minuten auf sich allein gestellt waren und ihr Handy nicht benutzen durften. Der Versuch aus dem Jahr 2014 zeigte, wie unterschiedlich Menschen reagieren können. Etwa die Hälfte der Versuchspersonen versank in Tagträumen. Sie erinnerten sich an frühere Ereignisse oder planten den nächsten Urlaub. Die andere Hälfte dagegen hielt den Zustand nicht aus. Fast zwei Drittel der Männer und jede vierte Frau drückte sogar mindestens einmal auf einen Knopf, der ihnen einen leichten Elektroschock verpasste. Ihre Abneigung, sich nur mit sich selbst zu beschäftigen, war so stark, dass sie für jede Form von Ablenkung dankbar waren.

Gehirn schaltet in den Leerlauf

Barron Trump, neben Melania Trump, gähnt während der Inauguration

Ob es ihn langweilte? Barron Trump während der Inauguration

James Danckert fand bei seinen gelangweilten Versuchspersonen eine Hirnregion, die nahezu abgeschaltet wurde. Es war der so genannte vordere insuläre Cortex. Diese Hirnregion ist nötig, um in einen Zustand überzugehen, in dem wir unser Denken und Verhalten gezielt kontrollieren und steuern. Ist sie abgeschaltet, treibt das Denken völlig leer dahin. Bei manchen Betroffenen geschieht das offenbar so stark, dass sie sich nicht mehr selbst ablenken können.

Ablenkung mit Essen und Alkohol

Der Psychologe Eric Igou von der irischen University of Limerick bestätigte in Experimenten, dass stark gelangweilte Menschen häufiger ess- oder alkohlsüchtig sind oder sich ungesund ernähren. Das sinnlose Gefühl der Langeweile erzeugt bei ihnen ein Bedürfnis nach Sinn, das aber schlecht befriedigt wird. "Gelangweilt zu sein, erinnert Menschen daran, dass das Leben nicht sinnvoll ist und das drückt sich dann so aus: Sie flüchten sich quasi in die Kalorien, in die fetthaltige Nahrung und das reduziert die Aufmerksamkeit, die auf diesen existenziellen Konflikt gerichtet sein könnte", sagt Eric Igou.

Breites Spektrum langweiliger Zustände

Studierende im Hörsaal

Langweilige Vorlesung kann für Erholung im Hörsaal sorgen

Wenn Menschen entspannt vor sich hin träumen, könnte man von positiver Langeweile sprechen. Für James Danckert aber ist das keine wirkliche Langeweile, sondern nur eine Vorstufe davon. Thomas Götz, Professor für Empirische Bildungsforschung an der Universität Konstanz, widerspricht. Er glaubt, dass es ein breites Spektrum von langweiligen Zuständen gibt und unterteilt sie in verschiedene Typen von Langeweile. Eine davon taufte er "indifferente Langeweile". Die tritt zum Beispiel dann auf, wenn ein Student nach einem langen Tag abends in einer Vorlesung sitzt, die ihn nicht sonderlich interessiert. "Die Zeit vergeht langsam, aber eigentlich ist es ganz angenehm, sich hier zu langweilen, weil man ganz froh ist, dass man ein bisschen runterfährt", sagt Thomas Götz. "Das ist ja fast eine Facette von Erholung: Es ist langweilig, aber eigentlich ganz nett."

Autor des Hörfunkbeitrags ist Martin Hubert.

Stand: 17.02.2017, 15:00