Küchenexperimente - Wildes Shampoo

Küchenexperimente - Wildes Shampoo

Von Sascha Ott

Die Wissenschaft hat schon alles durchschaut? Von wegen! Bei jedem Duschbad erleben wir ein ungelöstes Rätsel der Physik.

Fragt man Physiker nach den ungelösten Rätseln ihrer Wissenschaft, dann fallen schnell Begriffe wie "Dunkle Materie" oder "Urknall" (Die Suche nach dem "Higgs-Teilchen" hat sich ja zum Glück inzwischen erledigt). Dabei sind es manchmal die simpelsten Alltagsphänomene, die Wissenschaftler verzweifeln lassen. So stand zum Beispiel einst der britische Ingenieur Alan Kaye unter der Dusche und machte eine kleine Beobachtung, die ihn fortan nicht ruhen ließ.

DER VERSUCH

Ich mache das Experiment von Herrn Kaye nicht unter der Dusche, sondern am Küchentisch – sozusagen unter Laborbedingungen. Dazu brauche ich einfach:

  • eine normale Flasche Haarshampoo oder Duschgel;
  • ein platte Oberfläche, z.B. eine Tischplatte oder (um die Ferkelei nachher besser entsorgen zu können) ein Backblech.

Die Durchführung des Versuchs ist denkbar simpel und wird im Grunde von jedem wohl täglich unter der Dusche erlebt. Aber wahrscheinlich haben bisher die Wenigsten wirklich so genau hingeschaut, dass Ihnen der Effekt aufgefallen ist. Ich halte also die Flasche etwa einen halben Meter über den Tisch, drehe sie auf den Kopf und lasse einen dünnen gleichmäßigen Strom Shampoo auf das Blech laufen.

DAS ERGEBNIS

Das Shampoo hüpft, es springt, es schießt hervor. Immer wieder jagen feine Spritzer aus der Pfütze, in die ich das Shampoo gieße, hervor. Wie kleine Lassos werden sie etwa fünf bis zehn Zentimeter zur Seite herausgeworfen. Und solange Shampoo von oben nach läuft, so lange hält auch das Gehüpfe auf der Tischplatte an.

DIE ERKLÄRUNG

Manch einer mag denken: Shampoo auf den Tisch schütten – was für ein läppisches Experiment! Aber weit gefehlt. Nichts ist zu läppisch für die Wissenschaft. Und deshalb haben die Shampoo-Hüpfer sogar ihren eigenen wissenschaftlichen Namen: Der „Kaye-Effekt“, eben weil er von besagtem Alan Kaye vor 50 Jahren erstmals beschrieben wurde. Und das Tolle ist: Der Kaye-Effekt gehört zu den ungelösten Rätseln der Wissenschaft. Immer wieder wurden die Shampoohüpfer mit Hochgeschwindigkeitskameras beobachtet und in Fachartikeln beschrieben. Aber die präzise Erklärung des Kaye-Effekts steht im Grunde noch aus.

Sicher ist nur: Man braucht eine zähe, sogenannte strukturviskose Flüssigkeit wie eben Shampoo oder Duschgel. Diese zähen Gels haben eine besondere Eigenschaft: sie werden flüssiger, wenn Druck auf sie ausgeübt wird. Das zähe Shampoo türmt sich beim Auftreffen auf dem Tisch zuerst kurz auf, bevor es zu einer Pfütze zusammensinkt. Der Shampoostrahl übt dabei beim Auftreffen Druck auf den schon aufgetürmten Shampooberg aus. Dadurch entsteht aufgrund der Strukturviskosität eine hauchdünne Schicht flüssigeren Shampoos. Und wenn das Shampoo nun in eine geeignete Mulde hineintrifft, dann gleitet es auf diesem Film dünnflüssigen Shampoos hoch und wird herauskatapultiert.

FAZIT

Es ist doch immer wieder schön, dass die Wissenschaft mit all ihren Hightech-Messgeräten und Hochgeschwindigkeitskameras nicht alles erklären. Dass wir bei jedem Duschbad einen Effekt produzieren, an dem sich Generationen von Physikern die Zähne ausgebissen haben.

Redaktion:
Peter Ehmer

Stand: 07.02.2014, 16:05