Ägypten: Zusammenhalt steht auf dem Spiel

Ein bewaffneter Soldat bewacht eine koptische Kirche

Ägypten: Zusammenhalt steht auf dem Spiel

Nach den Anschlägen auf Kopten in Ägypten hat Präsident Abdel Fattah al-Sisi einen dreimonatigen Ausnahmezustand verhängt - um die Sicherheit im Land zu gewähren. Welche Folgen hat das? Ein Kommentar von Björn Blaschke.

Die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS), die sich zu den Attentaten von Tanta und Alexandria bekannt hat, will den Zusammenhalt der ägyptischen Gesellschaft brechen; sie will die Christen des Landes terrorisieren und aufstacheln. Der IS möchte Gegengewalt der Christen provozieren, die dann möglicherweise wieder Gegengewalt erzeugt.

Obendrein will der IS erreichen, dass sich ägyptische Muslime von den ägyptischen Christen distanzieren. Nur so ist die Botschaft zu verstehen, die der IS nach den jüngsten Attentaten verbreitete. In dieser Botschaft heißt es wörtlich: "Die Kreuzzügler und ihre abgefallenen Alliierten sollen wissen, dass die offene Rechnung zwischen uns und ihnen sehr lang ist."

"Kreuzzügler" - damit meint der IS alle Christen; die "Abgefallenen" - das sind die ägyptischen Staatsvertreter und die, die hinter ihnen stehen, die angeblich den Islam verraten, weil sie gegen den IS und andere Islamisten vorgehen. Im Klartext ist das eine Drohung, es heißt nichts anderes als: "Muslime, haltet Euch von den Christen fern, sonst wird es Euch genauso ergehen wie ihnen." Denn: Der allergrößte Teil der Ägypter hasst den IS. Muslime durch alle Schichten hindurch haben sich solidarisch mit den Christen erklärt. Die Attentate von Tanta und Alexandria seien ein Angriff auf das gesamte Volk, auf Ägypten.

Dennoch wird der IS wahrscheinlich versuchen, weiter Terror zu verbreiten. Aus zwei Gründen: erstens weil Papst Franziskus Ende des Monats Ägypten besuchen will. Das ist ein guter Anlass für den IS, die Provokation weiter zu treiben. Und zweitens haben die Anschläge von Tanta und Alexandria dem Staat einen heftigen Schlag versetzt: Präsident Abdel Fattah al-Sisi hatte Sicherheit versprochen, konnte dieses Versprechen aber offenbar nicht halten.

In diesem Zusammenhang ist auch der Ausnahmezustand zu sehen. Er soll eine Antwort auf die Forderung der Ägypter sein, die sich eine stärkere Präsenz der Armee auf Ägyptens Straßen wünschen, weil sie sich mehr Sicherheit erhoffen. Der Ausnahmezustand ist eher als ein Signal zu verstehen, denn tatsächlich bräuchten ihn die Sicherheitskräfte nicht. Für sie gilt immer: "Wenn Gefahr in Verzug, dann Verdächtige lieber mal verhaften"-Willkür!

Und darin liegt die eigentliche Gefahr: Dass der Staat durch den Ausnahmezustand nun legalisiert willkürlich gegen alle vorgeht, die staatskritisch sind. Der IS muss zweifellos bekriegt werden. Parallel muss der ägyptische Staat das Land aber mit Augenmaß voranbringen. Neben dem Aufbau einer gesunden Wirtschaft ist da die Entwicklung von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie nötig und der Kampf gegen die Willkür. Sonst gefährdet am Ende der Staat das, was die Gesellschaft heute noch auszeichnet - ihren Zusammenhalt.

WDR 5 Echo des Tages Ganze Sendung (10.04.2017)

WDR 5 Echo des Tages | 10.04.2017 | 29:46 Min.

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Stand: 10.04.2017, 20:10