Silvester in Köln: Die Folgen einer Nacht

Silvester in Köln: Die Folgen einer Nacht

Von Jochen Hilgers und Daniela Junghans

Sie wollten einfach nur feiern, doch es wurde die schlimmste Nacht ihres Lebens. Hunderte junge Frauen wurden in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof sexuell belästigt, viele andere wurden bestohlen. Seitdem hat sich vieles verändert.

Hauptbahnhof Köln

Als das Ausmaß der Ereignisse klar wurde, waren alle schockiert. Politik, Polizei, Medien. Doch schon wenige Tage später folgten Reaktionen: die Politik versprach ein härteres Vorgehen vor allem gegen straffällige junge Männer aus den Maghreb-Staaten, den Herkunftsländern der meisten Tatverdächtigen. Die Polizei bekam mehr Personal und soll die Videoüberwachung ausbauen. Und die Medien diskutierten darüber, ob man nicht deutlich mehr über kriminelle Ausländer berichten müsse. Flüchtlingsorganisationen verzeichnen gleichzeitig einen Rückgang der ehrenamtlichen Helfer. Die Ereignisse von Köln haben ihre Spuren in unserer Gesellschaft hinterlassen.
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Silvester in Köln: Die Folgen einer Nacht

WDR 5 Dok 5 - Das Feature | 18.12.2016 | 52:42 Min.

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Ausstrahlung am 18. Dezember 2016, Wiederholung am 19. Dezember 2016
Von: Jochen Hilgers und Daniela Junghans
Redaktion: Leslie Rosin
Produktion: WDR 2016

Silvester in Köln - Die Folgen einer Nacht

Die Ereignisse der Kölner Silvesternacht haben Spuren in unserer Gesellschaft hinterlassen. Was sind die Folgen? Für Frauen, die Flüchtlingspolitik, den Rechtspopulismus? Wir fassen einige Aussagen und Fakten aus dem Dok 5 - Feature "Silvester in Köln - Die Folgen einer Nacht" zusammen.

Wartesaal

Folgen für Frauen und die Debatte um sexualisierte Gewalt
"Ich wurde auf dem Weg durchgängig angefasst von Männern. Ein Mann hat meinen Rock hochgezogen und meinen Hintern angepackt. Ich hatte noch nie in meinem Leben so Angst wie in dieser Situation." Ein Auszug aus den Anzeigen der Opfer. Sexualisierte Gewalt, vor allem, wenn es nicht um Vergewaltigungen geht, ist in der Vergangenheit oft abgetan worden, sagt Josefine Paul (Grüne), die im Untersuchungsausschuss zur Silvesternacht sitzt. Das hat sich geändert. Die Bilanz der Silvesternacht ist so erschreckend, dass auch die Definition von sexueller Gewalt ins öffentliche Bewusstsein gerät.

Folgen für Frauen und die Debatte um sexualisierte Gewalt
"Ich wurde auf dem Weg durchgängig angefasst von Männern. Ein Mann hat meinen Rock hochgezogen und meinen Hintern angepackt. Ich hatte noch nie in meinem Leben so Angst wie in dieser Situation." Ein Auszug aus den Anzeigen der Opfer. Sexualisierte Gewalt, vor allem, wenn es nicht um Vergewaltigungen geht, ist in der Vergangenheit oft abgetan worden, sagt Josefine Paul (Grüne), die im Untersuchungsausschuss zur Silvesternacht sitzt. Das hat sich geändert. Die Bilanz der Silvesternacht ist so erschreckend, dass auch die Definition von sexueller Gewalt ins öffentliche Bewusstsein gerät.

Was bedeuten die Übergriffe für die Flüchtlingshilfe?
Köln wird über Nacht zum Synonym für sexuelle Übergriffe durch Migranten. Auch am anderen Ende der Republik bekommen Flüchtlingshelfer die Auswirkungen deutlich zu spüren. Marion Junge, linke Landtagsabgeordnete aus dem sächsischen Kamenz erinnert sich, dass es zu Beginn des Jahres "dieses Umswitchen" gab. Viele Helfer hätten sich aus Angst zurückgezogen und gesagt, "wenn die Ausmaße so sind wie jetzt in Köln, sind wir nicht mehr bereit, mitzuhelfen".

Die Besorgten "haben laut artikuliert, dass sie von dieser Politik wenig halten"
Laut NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) sei die Silvesternacht für manchen ein Beispiel dafür gewesen, "dass eine solche Zuwanderung, dass man Flüchtlingen hier Schutz bietet, falsch ist". Diejenigen, die Angst und Sorge bezüglich der Flüchtlingsströme nach Europa, und speziell nach Deutschland hatten, hätten sich durch die Silvesternacht bestätigt gefühlt. "Sie haben dann auch laut artikuliert, dass sie von dieser Politik wenig halten."

"Das stigmatisiert mich"
Samy Charchira kommt aus Marokko. Er ist Sozialpädagoge, sitzt im Landesvorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbands NRW und berät die Islamkonferenz. "Ich lebe seit 25 Jahren in Düsseldorf und bin tatsächlich noch nie kontrolliert worden." Aber zwei oder drei Wochen nach den Ereignissen an Silvester sei er vom Eingang über den ganzen Hauptbahnhof bis zum Gleis von drei Polizeibeamten begleitet worden, weil er für sie anscheinend dem Profil eines typischen Nordafrikaners entsprach. "Das macht natürlich was mit mir. Das macht etwas mit den Menschen, die mir dabei zuschauen. Das stigmatisiert mich."

Folgen für die Kölner Polizei
Nach der (zu Beginn von der Polizei als ruhig bewerteten) Silvesternacht wird der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers von NRW-Innenminister Jäger in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Sein Nachfolger Jürgen Mathies findet zu Dienstbeginn Mitte Januar eine Behörde vor, die völlig am Boden liegt. Die ersten Wochen verbringt Mathies fast nur mit Gesprächen. "Ich will es ganz deutlich sagen, dass das für mich als Polizeibeamten eine ganz schreckliche Situation und ein ganz schreckliches Gefühl ist, wenn Menschen der Polizei nicht vertrauen, weil sie sich nicht beschützt fühlen." Die Menschen sollen sich wieder sicher fühlen - das ist Mathies' Auftrag.

Mehr Polizeikräfte, mehr Ausstattung
Was sich für den Kölner Polizeipräsidenten verändert hat: Er bekommt fast alles zur Verfügung gestellt, was er beantragt, sowohl materiell als auch personell. Vor der Silvesternacht war Videoüberwachung auf öffentlichen Plätzen ein umstrittenes Thema in der Bevölkerung. Jetzt wird sie von einer Mehrheit sogar gefordert. Außerdem wird die Neueinstellung von 2.000 Polizisten pro Jahr nach der Silvesternacht beschlossen.

Folgen für die Berichterstattung in den Medien
"In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte." So steht es im Pressekodex. Nach der Silvesternacht beginnt eine Debatte über den Umgang der Journalisten mit ausländischen Straftätern.

Soll die Nationalität eines Straftäters genannt werden?
Uwe Vetterick, Chefredakteur der Sächsischen Zeitung: "Die Leute haben kein Verständnis dafür und verstehen nicht, warum die Nationalität von Straftätern oder Strafverdächtigen nicht genannt wird." In einer wissenschaftlichen Befragung hätten die Leser unter anderem den Anteil krimineller Ausländer viel höher geschätzt, als er tatsächlich ist. Die Sächsische Zeitung entscheidet sich zu einem ungewöhnlichen Schritt. Sie nennt immer die Nationalität von Tatverdächtigen und Straftätern. Uwe Vetterick erklärt: "Wir sind für uns zu dem Entschluss gekommen, dass das Nicht-Nennen der Nationalität von Straftätern und Tatverdächtigen Raum für Gerüchte schafft, Gerüchte, die vor allem denen schaden, die wir eigentlich schützen wollen, die wir vor Stigmatisierung schützen wollen."

Instrumentalisierung der Silvesternacht
Die russischen Medien räumen den Vorfällen in Köln großen Raum ein. Die Instrumentalisierung der Silvesternacht überrascht den Leiter des ARD-Hörfunkstudios in Moskau, Hermann Krause. 95 Prozent der russischen Bevölkerung folgten den Thesen, die vor allem über die russischen Fernsehkanäle verbreitet werden: dass Deutschland sich dem Terror und der Flüchtlingskrise ausgeliefert hat, dass Angela Merkel einen riesigen Fehler gemacht habe, den sie auch nicht bereit sei zu korrigieren. Plötzlich sind sich Moskau und Washington einig. Auch Donald Trump nutzt die Kölner Ereignisse in seinem Wahlkampf: "Gucken Sie sich an, was in Köln passiert ist. Köln hatte keine Probleme. Jetzt haben sie Übergriffe, Vergewaltigungen. Haben Sie von Silvester gehört – ein Desaster."

Folgen für das Ansehen Kölns und Deutschlands
Für Alison Smale, Büroleiterin der New York Times in Berlin, ist Köln nicht zu einer "No-Go-Area" für Touristen geworden, wie es danach oft heißt. Die Reporterin hat nicht nur Negatives rund um die Silvesternacht aus Köln erfahren. Den meisten Zuspruch erhält sie für eine menschlich anrührende Geschichte einer jungen Amerikanerin, die mit ihrem deutschen Freund an dem Abend nach Köln gefahren war. "Sie haben sich sehr schnell aus den Augen verloren", erzählt Smale. Letztendlich habe sie von einem syrischen Flüchtling Unterstützung erhalten, der sich selber mit anderen Syrern in Köln zu Silvester getroffen hatte. "Und der hat ihr geholfen, ihren deutschen Freund in der Menge wieder zu finden."

Folgen für die Täter
Im November 2016 sitzen die Präsidenten von Oberlandesgericht, Land- und Amtsgericht Köln zusammen und ziehen für die Presse Bilanz. Die Ergebnisse, die sie präsentieren, sind dünn: Nur 18 Strafverfahren sind rechtskräftig beendet, sechs weitere sind noch anhängig. Und das bei 1.222 angezeigten Taten. Den 513 Anzeigen wegen sexueller Übergriffe stehen gerade einmal 5 Anklagen gegenüber. Davon wurden 2 Täter verurteilt, ein weiterer wegen Beleidigung auf sexueller Grundlage, also Grapschen. Die meisten Verurteilten kommen nach den Verfahren sofort frei, weil ihre vorherige Untersuchungshaft auf die jeweilige Strafe von durchschnittlich sechs Monaten angerechnet wird. Fast alle befinden sich vermutlich noch in Deutschland. Nur eine Verurteilung zu mehr als einem Jahr Freiheitsstrafe rechtfertigt eine Abschiebung.

Stand: 02.12.2016, 12:39