Vegetarier, Wurstesser und die Wirtschaft

Vegetarier, Wurstesser und die Wirtschaft

Vegetarisch ist Mainstream, sagen die einen. Trotzdem zählen Schnitzel und Currywurst nach wie vor zum liebsten Kantinenessen. Sind Vegetarier und Veganer eine Randerscheinung? Oder krempeln sie den Lebensmittelmarkt um?

Einkaufen im Verganer-Markt


Rund vier Prozent der Deutschen ernähren sich mittlerweile fleischfrei, so das Kölner Institut für Handelsforschung. Der Vegetarierbund kommt sogar auf zehn Prozent und spricht von einem "Veggie-Boom". Acht von zehn Vegetariern sind Frauen. Vor zehn Jahren noch in der Außenseiterecke, ist das Vegetarische längst Mainstream, sagt Dr. Markus Keller vom Institut für alternative und nachhaltige Ernährung in Gießen. "Es ist positiver besetzt und wird selbstbewusster transportiert."

Autoren des Features "Dok 5 - Fleisch ist kein Gemüse" sind Michael Brocker und Antje Kießler.


Rund vier Prozent der Deutschen ernähren sich mittlerweile fleischfrei, so das Kölner Institut für Handelsforschung. Der Vegetarierbund kommt sogar auf zehn Prozent und spricht von einem "Veggie-Boom". Acht von zehn Vegetariern sind Frauen. Vor zehn Jahren noch in der Außenseiterecke, ist das Vegetarische längst Mainstream, sagt Dr. Markus Keller vom Institut für alternative und nachhaltige Ernährung in Gießen. "Es ist positiver besetzt und wird selbstbewusster transportiert."

Autoren des Features "Dok 5 - Fleisch ist kein Gemüse" sind Michael Brocker und Antje Kießler.

Auch in NRW, dem Land der Fleischesser, passiert ein Umdenken, sagt Matthias Rohra vom Vegetarierbund. Viele Restaurants, vor allem in Großstädten, stellen sich auf den neuen Wunsch nach fleischfreiem Essen ein: Köln hat allein 20 rein vegetarische Restaurants und sieben vegane, Düsseldorf 17 vegetarische und fünf vegane. Von den Großstädten werde die fleischfreie Ernährung dann weiter aufs Land getragen.

Vegan bedeutet: Neben Fleisch und Wurst sind alle tierischen Produkte wie Milch, Käse, Eier tabu. Das hat bisweilen seinen Preis. Soja-Milch kostet etwa die Hälfte mehr als Kuhmilch. Viele Veganer verzichten auch auf Kissen aus Daunen oder Schuhe und Autositze aus Leder - und greifen stattdessen zu Alternativen wie Baumwolle, Schaumstoff und Hanf (Daunen) oder aber Kork, Pilzen und Ananas-Blättern (Leder).

Und noch eine Haltung breitet sich aus und beeinflusst den Markt: Jeder vierte Bundesbürger ist Flexitarier. Das heißt, er isst seltener Fleisch als der Bevölkerungsdurchschnitt. Die Gründe: Ablehnung der Massentierhaltung, gesundheitliche Aspekte, ökologisches Bewusstsein. Immerhin ist die Fleischindustrie für 18 Prozent aller Treibhausgase verantwortlich, mehr als der weltweite Flugverkehr.

Auf das gesellschaftliche Umdenken und die neuen Kundenwünsche stellen sich auch traditionelle Fleischproduzenten ein. "Wenn man Fleisch und Wurst herstellt, wäre es grob fahrlässig, wenn man sich damit nicht beschäftigen würde", sagt Godo Röben, Marketingchef der Rügenwalder Mühle. Das Konsumverhalten ändert sich, ein Riesenumbruch sei in Gang. "Die Wurst ist die Zigarette der Zukunft", sagt Röben.

Das Unternehmen bei Oldenburg hat 2014 als erster Fleischkonzern Teile des Sortiments umgestellt – weg vom Fleisch hin zu fleischfreien Produkten wie vegetarischen Frikadellen oder vegetarischem Aufschnitt. Das habe anfangs viel Überzeugungsarbeit gekostet, vor allem bei alteingesessenen Metzgern. Heute macht die Rügenwalder Mühle 20 Prozent des Umsatzes mit "vegetarisch".

Generell aber gilt: Mit 0,6 Prozent am Gesamtumsatz im Lebensmittelmarkt sind vegane und vegetarische Produkte beileibe kein Massenmarkt. Und trotzdem gewinnt das Segment an Bedeutung. 2015 lag der Umsatz mit vegetarischen und veganen Lebensmitteln bei 450 Millionen Euro – das ist ein Anstieg von über 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Weitere Firmen wie Wiesenhof und Meica schlossen sich der Rügenwalder Mühle an und beliefern mit fleischfreien Fertigprodukten die großen Supermarktketten. Tofu gibt es nicht mehr nur im Bio- und Naturkost-Fachhandel. Immer mehr Händler machen mit in einem stark umkämpften Lebensmittelmarkt. Auch die Discounter haben nachgezogen - in deren Kühlregalen finden sich vegetarische Hackbällchen oder Veggie-Bratwurst.

Oft gilt: Fleischfrei muss aussehen und schmecken wie Fleisch, nur dann verkauft es sich gut. Untersuchungen der Zeitschrift "Ökotest" und Stiftung Warentest 2016 zeigten jedoch ein ernüchterndes Bild. Viele Fleischersatzprodukte seien zu fettig, zu salzig, überwürzt oder enthielten glutamathaltige Zusätze, um den Geschmack zu verstärken. Nur ein Produkt bekam die Note "gut".

Fakt ist: Trotz Veggie-Boom steigt die Fleischproduktion. Pro Minute werden in Deutschland knapp 1.500 Tiere geschlachtet. Der Fleischkonsum sinkt hierzulande jedoch seit Jahren. Die deutsche Fleischproduktion geht immer mehr in den Export. Schweinehälften und Hähnchenkeulen sind vor allem in Südostasien gefragt, so der Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie.

Der Raum Versmold in NRW gilt als "Fettfleck der Nation", weil dort die Konzentration der Fleischwarenbetriebe besonders hoch ist. In Rheda-Wiedenbrück ist die Zentrale des Schlacht- und Zerlegekonzerns Tönnies; 20 Millionen Schweine werden jährlich geschlachtet. Der Konzern gehört zu den größten Lieferanten des Einzelhandels. Das Segment Vegetarier betrachtet man bei Tönnies eher skeptisch. "Wir glauben an unsere Kernkompetenz und das ist Fleisch", sagt Tönnies-Sprecher André Vielstädte, "und wenn man es sich rein statistisch anschaut, glauben wir an die 96 Prozent."

Auch politisch geht es um die Wurst: Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) will Fleisch von Tieren, die auf einem Bauernhof besonders artgerecht leben, künftig mit einem Label kennzeichnen. Das Problem: Dieses "Tierwohl"-Label ist absolut freiwillig, Landwirte können mitmachen, müssen aber nicht. Es gibt keine gesetzlichen Vorschriften. "Etikettenschwindel", sagen Verbraucherschützer. Minister Schmidt will außerdem Fleischbezeichnungen für vegetarische und vegane Produkte verbieten. Begriffe wie "vegetarisches Schnitzel" oder "vegane Currywurst" seien irreführend.

Krempeln Vegetarier und Veganer den Lebensmittelmarkt um? Oder behalten die Wurstesser die Oberhand? Trotz gesundheitlicher Aspekte, Umweltbewusstsein und aller Veggie-Angebote lässt sich Otto Normalverbraucher seine wahren Lieblingsgerichte bislang nicht nehmen: Schnitzel und Currywurst führen nach wie vor die Top Ten der Lieblingsgerichte in Firmenkantinen an. Und in Zukunft? Forscher tüfteln bereits an einer "neuen" Sorte Fleisch, die nicht aus dem Schlachthaus kommt, sondern in Bioreaktoren gezüchtet wird: "In-vitro-Fleisch". Sauberer, gesünder, nachhaltiger? Wird sich zeigen.

Stand: 12.04.2017, 13:15 Uhr