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"AfD ist religionsfeindlich, nicht antisemitisch"

Micha Brumlik

"AfD ist religionsfeindlich, nicht antisemitisch"

Die AfD ist keine antisemitische Partei, meint der Publizist Micha Brumlik im Interview bei WDR 5. Tatsächlich schlage sich die AfD auf die Seite Israels – weil der Staat als Bollwerk der westlichen Demokratie gegen den Islam gelte.

WDR 5: Wieviel Antisemitismus gehört zur AfD?

Micha Brumlik: Also auf der programmatischen Ebene findet sich dort kein Antisemitismus. Wenn man davon absieht, dass einer der stellvertretenden Parteivorsitzenden, Alexander Gauland, sich angemaßt hat mitzuteilen, dass seiner Meinung nach das Schächtverbot kein Kerngehalt des Judentums angreife - im Unterschied zu einem möglichen Verbot der Beschneidung. Das war nicht Gaulands Sache. So hat er sich nicht zu äußern.

Wolfgang Gedeon in der Tat ist ein überzeugter Antisemit. Und das war dem einen oder anderen wichtigen Politiker der AfD auch durchaus bekannt. Jörg Meuthen wusste von diesen Verstrickungen, ohne dass er wahrscheinlich Gedeons Bücher gelesen hatte, ähnliches gilt auch von Björn Höcke.

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Aber auf der programmatischen Ebene wird man, im Unterschied zur Islamfeindlichkeit, Antisemitismus bei der AfD nicht finden. Was die Leute am Stammtisch denken oder sagen, das wissen wir nicht. Etwas anderes steht allerdings nach den Ereignissen der letzten Tage fest: dass ein Teil der Landtagsfraktion bereit gewesen ist, den Antisemitismus von Gedeon in Kauf zu nehmen, billigend in Kauf zu nehmen.

WDR 5: Auf der programmatischen Ebene, sagen Sie, ist kein Antisemitismus zu finden. Gibt es aber sowas wie einen latenten Antisemitismus im Profil der AfD?

Brumlik: Also ich kann das, wie gesagt, abgesehen von Äußerungen, die ich eben zitiert habe, bisher nicht behaupten.

WDR 5: Es gibt andere Kommentatoren, die von einer notdürftig verschlüsselten antisemitischen Propaganda sprechen, wenn dort immer gegen anglo-amerikanisch dominierte Lebensart oder zinsbasierten Globalkapitalismus gewettert wird.

V.l.n.r.: Marcus Pretzell (MdEP, AfD), Landesvorsitzender der AfD in Nordrhein-Westfalen, Dr. Frauke Petry, Landes- und Fraktionsvorsitzende der AfD in Sachsen, Alexander Gauland, AfD-Landesvorsitzender in Brandenburg, Berlin

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Brumlik: Ja, das sind natürlich Chiffren des Antisemitismus seit den 1930er Jahren. Aber es wird eben nicht explizit ausdrücklich ausgesprochen. Das ist richtig, dass man gegen diese Form von anglo-amerikanischem Kapitalismus glaubt, protestieren zu müssen und dass man, indem man die Zinsfrage aufnimmt, auch ein altes Thema von Antisemiten wieder aufnimmt. Nur Juden werden nicht genannt und im Unterschied dazu gibt es auch bei der AfD Stimmen, wie etwa in Frankreich oder in Österreich, die sich dann sehr massiv auf den Staat Israel beziehen – und zwar positiv.

WDR 5: Inwiefern?

Brumlik: Naja, insofern der Staat Israel als Bollwerk der westlichen Demokratie und natürlich vor allem als Bollwerk gegen den Islam gilt.

WDR 5: Und das passt dann eben besser zur Islamfeindschaft. Wie verhält die sich diese Islamfeindschaft zu diesen leicht antisemitischen Tendenzen oder zu denjenigen in der AfD, die sich jetzt offen antisemitisch geäußert haben?

Brumlik: Ich kann nur sagen, die Islamfeindschaft steht im Parteiprogramm drin. Das ist der offizielle gemeinsame Wille aller Parteimitglieder. Alles andere sind Meinungen, die man am Stammtisch oder in irgendwelchen Internetkommunikationen findet. Das wird es so oder anders auch in anderen Parteien geben.

Micha Brumlik

ist Publizist und aktuell als Seniorberater des Zentrums für Jüdische Studien in Berlin-Brandenburg tätig. Er befasst sich intensiv mit ethischen Fragen, dem Judentum und tagespolitischen Themen.

Geboren wurde Brumlik 1947 in der Schweiz als Sohn deutsch-polnischer Holocaust-Überlebender. Wenige Jahre später siedelte die Familie wieder nach Deutschland über. Nach dem Abitur in Frankfurt am Main zog er als landwirtschaftlicher Hilfsarbeiter in einen israelischen Kibbuz und begann, in Jerusalem Philosophie zu studieren.

Zurück in Frankfurt setzte Brumlik seine wissenschaftliche Laufbahn fort: Diplom in Pädagogik, Promotion in Philosophie, Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik. Fünf Jahre lang leitete er das Fritz Bauer Institut zur Erforschung der Geschichte des Holocaust an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

WDR 5: Das Verhältnis der Kirchen zur AfD ist ja auch äußerst gespannt. Die AfD spricht ja ganz gern vom christlichen Abendland, aber ist sie nicht trotzdem religionsfeindlich?

Brumlik: Sie ist religionsfeindlich und auch hier ist wieder eine Äußerung von Alexander Gauland bezeichnend, der für das christliche Abendland ist, sich selbst aber als "Kulturchristen" bezeichnet hat. Damit will er sagen, dass ihn die Inhalte des christlichen Glaubens selbst nicht interessieren, sondern vielleicht Bach-Konzerte oder schöne gotische Kirchen oder anderes mehr.

WDR 5: Ich würde gerne nochmal auf diese Religionsfeindlichkeit zurückkommen. Es gibt ja einen Philosophen, einen stellvertretenden Sprecher der AfD in Baden-Württemberg, Marc Jongen, der eigentlich die monotheistischen Religionen, wie sie hier gelebt werden, ablehnt. Eine neue Religiosität solle die alte ersetzen. Können Sie uns erklären, was für ein Verhältnis zur Religion und Religiosität dahinter steckt?

[ARCHIV] AfD-Vize Alexander Gauland am 30.04.2016 auf dem Bundesparteitag der Partei "Alternative für Deutschland" in Stuttgart

AfD-Vize Alexander Gauland bezeichnet sich als "Kulturchristen"

Brumlik: Das sind gewissermaßen Formen des Erbes eines religiösen, eines religionstheoretischen Denkens, wie es das bereits um die vorletzte Jahrhundertwende gegeben hat. Nämlich, dass der christlich-jüdisch-muslimische Monotheismus als nicht intensiv genug galt und mit seinen rigorosen moralischen Forderungen die Menschen überfordere. Stattdessen käme es wieder darauf an, tiefer und intensiver über die Welt, über die Natur und anderes nachzudenken. Das heißt nicht, dass jemand wie Jongen ausdrücklich für eine Form von Neuheidentum ist, aber er übernimmt Argumente, die es in dieser Art und Weise zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegeben hat, nicht zuletzt in Deutschland.

WDR 5: Was tritt denn da an die Stelle des Göttlichen im Jenseits, an die Stelle von Transzendenz, in dieser Weltanschauung?

Brumlik: Also wenn ich das richtig sehe, ist das so eine Immanenz der Transzendenz, eine gewisse Form der Ehrfurcht vor der Natur, die sich dann auch ganz gut verträgt mit einer Form des Willens zur ökologischen Bewahrung des Planeten und der Welt. Von Schöpfung wird in diesem Zusammenhang natürlich nicht gesprochen, weil das ja wieder christlich, jüdisch, islamisch ist.

WDR 5: Und welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang Gemeinschaft, die eigene Gemeinschaft?

Brumlik: Die eigene Gemeinschaft ist auf jeden Fall die Gemeinschaft des ethnisch verstandenen Herkunftsvolks, das seine eigenen Traditionen hat. Traditionen, die nach Möglichkeit mindestens wieder kenntlich gemacht werden sollen, wenn nicht sogar wiederbelebt.

WDR 5: Und diese eigene Gemeinschaft, die soll dann diese Leerstelle füllen, die die Religion und das Transzendente hinterlässt?

Brumlik: Ja, genauso ist es.

Interview mit Micha Brumlik: "Die AfD ist religionsfeindlich"

WDR Religion | 07.07.2016 | 08:38 Min.

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Die Fragen stellte Christina-Maria Purkert für Diesseits von Eden vom 10.07.2016.

Für eine bessere Rezeption weicht die schriftliche Fassung des Interviews an einigen Stellen vom gesendeten Interview ab. Die intendierte Ausrichtung der Fragen und Antworten bleibt dabei unberührt.

Stand: 08.07.2016, 14:40