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"Selfies" von Jussi Adler-Olsen

Buchcover: "Selfies" von Jussi Adler-Olsen

"Selfies" von Jussi Adler-Olsen

"Selfies" ist ein Krimi, der in die Spannung erst reinwachsen muss. Dennoch führt er die Bestsellerlisten an. Ein Beweis für die unerschütterliche Treue der Fans von Jussi Adler-Olsen.

Wenn man bedenkt, dass dieses Buch seit Wochen schon die Bestseller-Listen anführt, dann stehen die Leser entweder nicht auf Krimis oder sie haben einfach eine Engelsgeduld. Denn ein Krimi, das wird der siebte Schinken um die skurrile Truppe des Kopenhagener Sonderdezernats Q erst, wenn man längst die Hoffnung auf Spannung aufgegeben hat.

Bei Seite 147 wollte ich jedenfalls völlig entnervt das Buch zur Seite legen – und wäre da nicht meine WDR-Redakteurin gewesen, die mich zum Weiterlesen drängte – ich hätte mich um einen, zugegeben, dann doch geschickt von langer Hand vorbereiteten Schluss gebracht. Einen Schluss, der sich so ab Seite 300 etwa ankündigt.

Da erst nimmt die Sache um den Tod junger Frauen Fahrt auf, die so nach und nach von einer durchgeknallten Rachsüchtigen mit dem Auto überrollt werden. Da erst verknüpfen sich die bis dahin lose herumhängenden Fäden unterschiedlichster Erzählstränge zu einem großen Ganzen. Und da erst verstand ich so langsam die Faszination, die diesen siebten Band um das Ermittlerteam mit Chef Carl Morck so hoch hinaus auf die Charts pushte.

Bis dahin blieb mir sein Bestsellerstatus rätselhaft. Wer hat schon so viel Geduld, fragte ich mich, hunderte von Seiten das zerfaserte Seelenleben von Ermittlerin Rose zu ertragen? Oder geht es darum gar nicht? Sind Leser einfach nur treu? Wählen einen Krimi nach dem Motto: Einmal gut immer gut? Ihre Treue jedenfalls schlägt sich allein in Deutschland in millionenfacher Auflage der seit 2008 erscheinenden Folgen um Carl Morck nieder.

Vor zwei Jahren wurde Adler-Olsen hierfür mit dem Ripper Award ausgezeichnet, "weil er"- wie es hieß – hierdurch "zur Weiterentwicklung der Kriminalliteratur beiträgt". Tja, bei mir jedenfalls hat er zur Weiterentwicklung von Geduld und Beharrlichkeit beigetragen.

Eine Rezension von Ingrid Müller-Münch

Literaturangaben:
Jussi Adler-Olsen: Selfies – Der siebte Fall für Carl Morck, Sonderdezernat Q
Übersetzung aus dem Dänischen von Hannes Thiess
dtv, 573 Seiten, 23 Euro

Stand: 04.05.2017, 13:30