Noemi Schneider über "Das wissen wir schon"

Die Autorin Noemi Schneider über ihr ersten Roman

Noemi Schneider über "Das wissen wir schon"

Die Ich-Erzählerin in diesem Generationenporträt dreht Dokumentarfilme, hat wunderbare Freunde und eine wahnsinnig coole Mutter. Aber trotzdem fühlt sich das Leben so an, als habe jemand die Musik abgestellt.

Eine Midlife-Crisis kann es nicht sein. Die Ich-Erzählerin ist erst Mitte Dreißig. Sie würde gerne irgendwo ankommen, aber weiß nicht, wie das geht. Sie hat schon ausgefallene Dokumentarfilme gedreht, muss sich aber wieder mit lästigen Projektbeschreibungen rumschlagen. Sie geht demonstrieren, weiß aber, dass der Kapitalismus immer siegt. Sie vermisst den verstorbenen Vater, der sie aufgezogen hat, während die Mutter in der Weltgeschichte unterwegs war. Auch in der Krisensituation ist die emanzipierte Mutter nicht ansprechbar. Sie hat nicht nur ein paar Flüchtlinge bei sich aufgenommen, sondern auch noch Patenkind Mustafa, einen Zweiundzwanzigjährigeren, der dem Islamismus verfallen ist. Die Tochter soll helfen, den Gefährten ihrer Kindheit vor der Abschiebung zu bewahren.

Noemi Schneider hat ein ausgelassenes und lebhaftes Generationenporträt geschrieben, das den Zeitgeist satirisch aufs Korn nimmt. Nur die Innerlichkeit der durchaus interessanten Ich-Erzählerin kommt stellenweise bei aller Rasanz des Plots etwas zu kurz. Aber das könnte Absicht sein. Sie steht stellvertretend für viele junge Kreative, deren Eltern schon alles erreicht haben und die in einer hochindividualisierten Gesellschaft nach Selbstgewissheit suchen.

Eine Rezension von Mareike Ilsemann

Noemi Schneider über "Das wissen wir schon"

WDR 5 Bücher - Autoren im Gespräch | 04.02.2017 | 09:11 Min.

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Literaturangaben:
Noemi Schneider: Das wissen wir schon
Hanser Berlin, 192 Seiten, 29.00 Euro

Stand: 02.02.2017, 14:27