Michael Roes über "Zeithain"

Michael Roes über "Zeithain"

Michael Roes über "Zeithain"

Der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm lässt 1730 seinen Reiterleutnant Hans Hermann von Katte köpfen, weil der Kronprinz Friedrich mit Katte durchbrennen wollte. Roes‘ imposante Romanbiographie Kattes liefert ein Stück Queer history und taucht tief in die preußische Mentalitätsgeschichte ein.

In der Rahmenhandlung des Romans findet ein junger Engländer namens Philip Stanhope im Sekretär seines Vaters die Briefe eines gewissen Hans Hermann von Katte an dessen Tante Melusine. Die genoss als Geliebte des hannoveranischen Königs George in London ein angenehmes Leben, während im ordnungsliebenden Preußen das Schicksal des von Katte seinen Lauf nahm. Philip macht sich im 21. Jahrhundert auf eine moderne Kavaliersreise und klappert die Lebensstationen des Vorfahren aus dem 18. Jahrhundert ab.

In der Haupthandlung lässt Michael Roes Hans Hermann von Katte selbst erzählen. Von den zeitlosen Kindheitssommern auf dem Gut des Vaters im Brandenburgischen Wust, von der Schulzeit im pietistischen Pädagogium des Pastors Francke in Halle, vom Studium der Juristerei in Königsberg, einer Kavaliersreise nach Paris und London, der ersten homosexuellen Begegnung mit einem Seemann, und von der Freundschaft mit dem Kronprinzen Friedrich und ihrem tragischen Ende.

Auf beiden Zeitebenen des Romans geht es um schwierige Vater-Sohn-Beziehungen, um den Konflikt zwischen der Freiheit des Einzelnen und der gesellschaftlichen Ordnung, um Männlichkeitsentwürfe und unterdrückte Homosexualität. Ein sorgfältig recherchierter historischer Roman, der über eine tragische Figur, das alte Preußen eindringlich zum Leben erweckt und Traditionslinien aufdeckt, bis die in die Gegenwart nachwirken.

Eine Rezension von Mareike Ilsemann

Michael Roes über "Zeithain"

WDR 5 Bücher - Autoren im Gespräch | 12.08.2017 | 09:24 Min.

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Literaturangaben:
Michael Roes: Zeithain
Schöffling & Co, 808 Seiten, 28 Euro

Stand: 10.08.2017, 12:26