Christine Nöstlinger wird 80

Die Autorin Christine Nöstlinger

Christine Nöstlinger wird 80

Ihre Figuren haben mittlerweile Generationen von Heranwachsenden Mut gemacht. Im Oktober wird die Grande Dame der deutschsprachigen Jugendliteratur achtzig Jahre alt. Der Residenz-Verlag bringt ein "Best of Christine Nöstlinger" heraus.

Darin finden sich neben Glossen und Geschichten auch Nöstlingers Lebenserinnerungen "Glück ist was für Augenblicke". Humorvoll berichtet Christine Nöstlinger von ihrer Kindheit und Jugend in einer Wiener Arbeitsfamilie. Und wer ihr Werk kennt, dem kommen manche Figuren doch sehr bekannt vor.

Da tritt die hysterische Großmutter auf, die die rothaarige Geliebte des Großvaters am Zopf durchs Treppenhaus zieht. Die schwierige Mutter spart das ganze Jahr für teure Weihnachtsgeschenke, tauscht diese aber im Januar aus der Not gegen Kohle oder Nahrungsmittel ein. Der geliebte Vater, der Uhrmacher mit dem vereiterten Bein aus dem Russlandfeldzug, den wir aus "Maikäfer flieg!" kennen, nimmt seine kleine Christine vor der keifenden Mutter stets in Schutz.

Aller Autonomie zum Trotz findet sich Christine Nöstlinger Ende der 60er Jahre mit zwei kleinen Töchtern in der "Hausfrauenfalle" wieder. Eine Rolle, die sie depressiv macht. Also greift sie zwischen Kochtöpfen und Kinderspielzeug zum Zeichenstift. Notgedrungen denkt sie sich zu ihren Bildern auch einen Text aus. Der Rest ist Geschichte.

"Die feuerrote Friederike" wird 1970 ohne eine einzige Änderung veröffentlicht. Die Zeichnungen fallen unter den Tisch, aber von diesem Zeitpunkt an schreibt Christine Nöstlinger jedes Jahr mindestens ein Buch. 2003 erhält sie den Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis. "Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse", "Gretchen Sackmeier", die "Geschichten vom Franz" und viele andere der über einhundert Bücher zählen seit Jahrzehnten zu den Klassikern der deutschsprachigen Kinder-und Jugendliteratur.

Was die Nöstlinger so auszeichnet, ist, dass sie nie die Verbindung zum eigenen, inneren "wilden und wütenden Kind" verloren hat. Erziehung lehnt sie nicht nur als Erzählerin ab. Schnoddrig und trotzig im Ton hat neben den Lesern niemand so viel Verständnis für ihre eigenwilligen Hauptfiguren wie sie.

Deshalb ist es Zeit für ein öffentliches Geständnis: Meine Pubertät war die Hölle. Ohne Nöstlingers "Gretchen Sackmeier-Reihe" aber hätte ich sie nicht überlebt. Gretchen Sackmeier, das ehemals pummelige Mädchen aus Wien, das sich neben der Trennung der Eltern und den Sorgen des Bruders auch noch mit den Verehrern Hinzel und Florian rumschlagen muss.

Christine Nöstlinger würde es ablehnen, Kindern eine Lektüre vorzuschreiben, aber ich hoffe doch sehr, dass meine Tochter Nöstlingers Klassiker bald entdeckt. In diesem Sinn: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und danke für die starken Geschichten!

Eine Rezension von Mareike Ilsemann

Christine Nöstlinger wird 80

WDR 5 Bücher - Autoren im Gespräch | 08.10.2016 | 24:21 Min.

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Literaturangaben:
Christine Nöstlinger: Best of Christine Nöstlinger
Residenz Verlag, 3 Bände, 750 Seiten, 29.90 Euro

Stand: 06.10.2016, 15:24