Service Sachbuch - Ein Schneckenporträt

Buchcover "Schnecken - Ein Portrait"

Zum langsam lesen

Service Sachbuch - Ein Schneckenporträt

Von Marija Cornelia Bakker

Dieses Büchlein ist mehr als ein Sachbuch. Es geht um eine kluge und witzige Liebeserklärung an "die Schnecke". Und auch wer die Liebe nicht teilt, wird doch beeindruckt sein, wie dieses Tier Spuren in der Geschichte der Erde hinterlassen hat.

Informationen zum Buch

Schnecken - Ein Portrait
mit zahlreichen farbigen Abbildungen
Florian Werner, Judith Schalansky (Hg.)
151 Seiten, flexibler Einband, fadengeheftet und mit Kopfschnitt, Kleinoktav-Format
ISBN: 978-3-95757-164-9
Preis: 18,00 €

Schnecken sind deutlich älter als die Faltengebirge dieser Erde, also Himalaya, Alpen oder die Karpaten, die gibt es seit etwa 50 Millionen Jahren. Schnecken kriechen dagegen schon eine halbe Milliarde Jahre auf der Erde herum. Es gibt nicht die Schnecke, sondern 100.000 verschiedene Arten. Sie sind schweren Anfeindungen ausgesetzt, nicht nur durch tierische Fressfeinde, sondern auch durch die Menschen, die alles auf sie projizieren, was gerade passt. Wollust oder Keuschheit, Sterblichkeit oder Auferstehung - die Schnecke taugt auch für Widersprüchliches als Symbol. Sie dient den Menschen als Vorbild für Architektur, Literatur und Musik. Die Schnecke tritt sogar bei ihren absurden Wettrennen an und wird von ihnen doch so oft in die Pfanne gehauen, nicht nur in Frankreich.

Langsamkeit und Schneckenschleim

Viel aus der Wirkungsgeschichte der Schnecke liest sich schon in Andeutungen im Vorwort. "Anlauf“, nennt Autor Florian Weber das, und es bereitet auf die nächsten "Runden" vor. Die Kapitel heißen nicht Kapitel, sondern "Runden". Es beginnt mit der Langsamkeit (erste Runde) . Darin unter anderem interessante Erläuterungen zum Thema Schneckenschleim. Es gibt ein Sekret zur Fortbewegung, eines zum Schutz des Geleges, eines für das Liebesspiel und, je nach Anforderung, hat es unterschiedliche Haftkräfte, wie der Autor beispielhaft erklärt:

"Einmal durfte ich eine Hain-Bänderschnecke beobachten, die versuchte, die glatte Metallober­fläche einer Trompete zu erklimmen. Nachdem sie einige Male abgerutscht war, quoll plötzlich aus ihrem Kriechfuß eine Unzahl kleiner Bläschen: Die Schnecke schien es der Trompete, der Welt, mir zeigen zu wollen. Und siehe: Der neue, blasenhaltige Schleim war tatsächlich klebri­ger, und die Bänderschnecke kroch ohne Probleme bis zum Mundstück“.

Musikalisches Haus

Es wundert nicht, dass die Schnecke sich auf diesem Blasinstrument nach vorne wagt, denn - das wird kurze Zeit später erläutert, gilt sie selbst als Vorbild für Posaune, Horn und Trompete. "Schneckenhäu­ser gehören zu den frühesten verwendeten Naturtrompeten", heißt es im Text. Auf stillere Weise findet die Schnecke sich auch in Streichinstrumenten wieder. Denn: die spiralförmige Verzierung oberhalb des Wirbelkopfs wird ebenfalls als Schnecke bezeichnet. Und schließlich - nicht nur die Welt ist voller Schnecken - hat jeder Mensch ja auch eine Schnecke in sich:

"(…) Ohne den gleichnamigen Bereich des Innenohrs, der das Rezeptorfeld zur Hörwahrneh­mung beherbergt, könnten wir keine Musik wahrnehmen. - Tragische Ironie: Schnecken selbst (…) sind taub“.

Das ist vielleicht besser so, mag man sich denken, denn dann müssen die Tiere unsere Beschimpfun­gen wie ‚Schleimer‘ oder ‚Kriecher‘, die auf sie zurückgehen, nicht anhören

Essen und Ekel

Der Autor spürt dem menschlichen Widerwillen gegenüber Schnecken nach und übt sich schließlich in Selbstüberwindung: Er besucht eine Schneckenzucht in Frankreich und probiert sein Lieblingstier in Knoblauchbutter. Der Höhepunkt kommt aber im Folge-Ka­pitel, Überschrift: Sex. - Ja, es gibt Stellungen, die sind atemberaubend, aber: Die Freude, über Schne­ckenkamasutra, Bond Girl Fetische oder flotte Dreier unter Zwittern zu lesen, sollten jeder selbst erle­ben. Dazu hier keine weiteren Zitate. Was dieses Buch nämlich wirklich besonders macht und unter­scheidet von anderen Tierporträts, ist die philosophisch-politische Ebene, die der Autor einbringt, und das, ohne irgendein Gefühlsleben in die Tiere hinein zu interpretieren. Im Gegenteil, hier werden eher die Menschen am Kragen gepackt und einmal aufgerüttelt: Zum Beispiel in Fragen der Geschlechtsi­dentität:

"Die Tatsache, dass es eine ganze Tierklasse gibt, deren Angehörige sich über die dominanten Kategorien von Sex und Gender hinwegsetzen, muss daher ein Stachel im Fleisch aller Ver­fechter heterosexueller Paarbeziehungen sein … Durch ihre schiere Existenz hinterfragen Schnecken unser Verständnis von Identität, Familie, Gesellschaft. Sie sind fleischgewordene, kriechende Heteronormativitätskritik“.

Schnecken überall

Mit dem Zuklappen dieses Buches ist nicht Schluss. Denn es bewahrheitet sich, was der Autor über Schnecken als Symbol der Auferstehung schreibt. Nach der Lektüre ist man geneigt, überall Schnecken zu entdecken, in der Berliner Reichstags­kuppel, in unserem Geld, in der Wettervorhersage. Das ist eine wunderbare verlängerte Leseerfahrung, die nicht nur Schneckenfreunden Spaß machen wird.

Redaktion:
Anna Sebastian

Stand: 04.12.2015, 16:05