Was Schlafentzug mit uns macht

Fall Middelhoff

Was Schlafentzug mit uns macht

Die Anwälte von Thomas Middelhoff sagen, dass er in Haft mehr als 600 Stunden lang alle 15 Minuten geweckt wurde. Der Schlafentzug habe bei ihm zu einer Autoimmunkrankheit geführt. Der Ex-Manager sei haftunfähig, die Anwälte sprechen sogar von Folter.

Was genau Schlaf alles in unserem Körper bewirkt, ist noch gar nicht hundertprozentig erforscht. Einiges weiß man aber natürlich schon: Im Schlaf sinken Körpertemperatur und Blutdruck, Puls und Atmung werden langsamer – aber das Gehirn bleibt sehr aktiv, und das nicht nur beim Träumen: Informationen werden verarbeitet, Gedächtnisinhalte verfestigt. Inhalte werden vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis übernommen – das heißt, es geht um die Vernetzung, Bewertung und Einordnung von Informationen. Und offenbar findet auch eine Art Entrümpelung statt: Molekulare Abfallstoffe werden aus dem Hirn ausgeschwemmt.

Kurzfristig kann der Körper Schlafentzug kompensieren, aber nicht sehr lange. Man kann sich also offensichtlich nicht an Schlafentzug gewöhnen. Wie wichtig Schlaf ist, kann man auch daran sehen, dass so gut wie alle Lebewesen ihn brauchen. Es gibt nur ein paar wenige Ausnahmen: neugeborene Wale und Delfine sind die ersten Wochen ihres Lebens dauerhaft wach – aber die sind so ziemlich die einzigen.

Was passiert mit dem Körper, wenn ihm Schlaf vorenthalten wird?

Schlafentzug hat starke Auswirkungen auf verschiedene Systeme des Körpers - zum Beispiel auf den Hormonhaushalt und das Immunsystem, darunter auch Entzündungsreaktionen im Körper, sowie auf die Regulierung der Körpertemperatur. Ein gutes Beispiel dafür, was Schlafmangel für Auswirkungen haben kann, sind Schichtarbeiter: Sie haben ein höheres Risiko, an Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmten Krebsarten zu erkranken.

Die deutlichsten Effekte hat Schlafentzug aufs Gehirn: Hirnscans an übernächtigten Personen, die Denkaufgaben lösen sollten, zeigten, dass bestimmte Areale im Gehirn bei ihnen schwächer durchblutet sind. Es gab auch Forscher, die belegen konnten, dass die Neubildung von Nervenzellen beeinträchtigt wird. Und eine Studie hat gezeigt: Langer Schlafentzug verursacht möglicherweise irreparable Schäden an den Hirnzellen, und zwar in einem Areal, das für Aufmerksamkeit und geistige Leistungsfähigkeit zuständig ist. Im Tierversuch an Ratten ging es sogar so weit, dass die Tiere an dem Schlafentzug gestorben sind – wobei man nicht ganz sicher ist, ob letzten Endes wirklich das dauerhafte Wachsein oder doch "nur" der Stress des Versuchsaufbaus tödlich war.

Wie wirkt sich Schlafentzug auf unsere Seele aus?

Die ersten Symptome, die sich beobachten lassen, wenn jemand vom Schlafen abgehalten wird, sind Erschöpfung und, logischerweise, Schläfrigkeit. Außerdem Gereiztheit, Konzentrationsschwierigkeiten, Störungen beim Sprechen oder Lesen. Zudem wird das Urteilsvermögen beeinträchtigt. Wir denken und reagieren langsamer, machen mehr Fehler. In vielen Tests haben Wissenschaftler schon anschaulich demonstriert, wie Schlafmangel die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Im Fahrsimulator sind die Ergebnisse von übernächtigten Probanden beispielsweise schlechter als die von Betrunkenen. Über die Wirkung auf unsere Emotionen weiß die Forschung noch nicht sehr viel, klar ist aber: Die Stimmung verschlechtert sich deutlich und man empfindet zum Beispiel Schmerzen stärker. Wenn der Schlafmangel dann bestehen bleibt, man also sein Schlafkonto dauerhaft überzogen hat, kann es zu Apathie, Verwirrung, Sinnestäuschungen und Halluzinationen kommen - und es können sogar psychotische Symptome auftreten, also Störungen, die denen einer Schizophrenie ähneln.

Inwiefern gilt Schlafentzug als Folter?

Es ist weltweit allgemein anerkannt, dass Schlafentzug Folter ist und deshalb als Menschenrechtsverletzung gilt. Er fällt unter den Begriff "Weiße Folter" - ist also eine Methode, deren Folgen von außen nicht sichtbar sind. Man weiß zum Beispiel, dass Schlafentzug in der Sowjetunion und auch in der DDR eingesetzt wurde, mit dem Ziel, den Widerstand und die Willenskraft von Gefangenen zu brechen. Auch in einem Bericht über die Haftbedingungen in dem US-Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba war die Rede davon, dass die Häftlinge bis zu 180 Stunden lang am Schlafen gehindert wurden. Das soll bei mehreren von ihnen unter anderem zu Halluzinationen geführt haben. Es zeigt sich also auch hier: Schlaf ist ein grundlegendes Bedürfnis aller Lebewesen. Und, selbst wenn man auch noch nicht alles über die Funktion von Schlaf weiß, steht fest: Einen Menschen vom Schlafen abzuhalten, hat starke Auswirkungen auf die ganz grundlegenden biologischen Funktionen seines Körpers.

Stand: 08.04.2015, 15:13