Der Frust muss raus

Der Frust muss raus

"Arschkeks", "Kotzbrocken", "Pissnelke" - Malediktologen begeben sich gewissermaßen in die Kanalisation der Sprache und erforschen, warum wir so gerne schimpfen und fluchen. Aber nur wenige wagen sich überhaupt an das Thema heran. "Leonardo" hat mit einer Malediktologin gesprochen.

Mann und Frau streiten sich durchs Autofenster

"Malediktologie", schon mal gehört? Vielleicht nicht - aber das, womit sich diese Wissenschaft beschäftigt, ganz bestimmt: Malediktologen erforschen das Fluchen und Schimpfen in unterschiedlichen Sprachen und begeben sich dabei auf Gebiete der Linguistik, Soziologie und Psychologie.

"Malediktologie", schon mal gehört? Vielleicht nicht - aber das, womit sich diese Wissenschaft beschäftigt, ganz bestimmt: Malediktologen erforschen das Fluchen und Schimpfen in unterschiedlichen Sprachen und begeben sich dabei auf Gebiete der Linguistik, Soziologie und Psychologie.

"Scheiße!" - Schauspieler Götz George machte das Wort in den 80ern als Horst Schimanski im Tatort des WDR fast salonfähig. Und doch: Schimpfwörter werden immer als Tabubruch empfunden. So kommt es wahrscheinlich auch, dass sich nur wenige Akademiker mit der Malediktologie beschäftigen. Sonja Gipper, Linguistin an der Uni Köln, traut sich - und erklärt, warum Menschen eigentlich fluchen.

"Schimpfen hat verschiedene Funktionen", erklärt Linguistin Gipper. "Zum Einen soll es einfach die Emotionen nach außen transportieren. " Man könnte auch sagen: Der Frust muss raus. "Bei Kindern, die schimpfen lernen, ersetzt das Schimpfen als Ausdruck von negativen Gefühlen teilweise die körperliche Reaktion", sagt die Linguistin.

Eine zweite wichtige Funktion des Fluchens oder Schimpfens hat mit Grenzen tun: "Die eigene Identität drückt sich dadurch aus, wie man sich von anderen Menschen oder Gruppen abgrenzt. Wenn Sie ein bestimmtes Schimpfwort verwenden - zum Beispiel ,blöde Kuh' - drücken Sie ja aus, dass sie sich selbst nicht blöd finden, also grenzen Sie sich ab." Fußballfans finden in der Regel noch sehr viel deutlichere Worte für die Anhänger ihres Lieblingsgegners, um sich von ihnen abzugrenzen.

Das gibt es auch: "Kontrolliertes Schimpfen". Wer kontrolliert schimpft, überlegt genauer, was er sagt, und achtet darauf, wie weit er geht. Ungefähr so wie der Gallier Obelix, dem die römischen Legionäre zwar allen Grund zum Fluchen geben, von dem aber selten Schlimmeres zu hören ist als der Ausruf "Die spinnen, die Römer!" Hier ist der dicke Gallier im französischen Spielfilm "Asterix und die Wikinger" von 2006 zu sehen.

"Ich habe fertig": Die legendäre Wutrede des Fußballtrainers Giovanni Trapattoni bei einer Pressekonferenz 1998 war so ziemlich das Gegenteil des "Kontrollierten Schimpfens". Solche Ausbrüche geschehen meistens völlig ungeplant. Ähnlich ordnen die Malediktologen auch das automatische, reflexhafte Fluchen ein - zum Beispiel, wenn der Computer abstürzt.

Auch die Schimpfwörter unterliegen übrigens dem Wandel der Zeit, genau wie die Gesellschaft, die Sprache und die geltenden Tabus. Ein Feigling war früher ein "Hasenfuß" - heute ist er ein "Weichei" oder ein "Warmduscher". Auch das "Arschloch" - hier als "Kleines Arschloch" nach Walter Moers im gleichnamigen Film von 1996 - ist in gewisser Weise abgenutzt, wie Sonja Gipper erklärt: "Dadurch, dass man sich an Schimpfwörter gewöhnt, die ja zunächst bestimmte Tabus brechen, dann aber immer normaler werden, braucht man neue Wörter, um den Schimpfwörtern wieder ihren negativen Gehalt geben zu können".

Autorin des Radiobeitrags ist Eva Wolk.

Stand: 27.02.2014, 12:31 Uhr