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Feature - Rio Doce

Feature - Rio Doce

"Größte Umweltkatastrophe Brasiliens", "brasilianisches Fukushima": Schlagzeilen vom November 2015. Nach einem Dammbruch hatten sich Unmengen von Minen-Abbauresten in den Rio Doce ergossen. Drei Monate später ist das Leben am Fluss noch immer fast unmöglich.

Panorama einer Berglandschaft mit einer rotbraunen Schlammschneise in der Mitte, entwurzelte Bäume, ein Bach.

Am 5. November 2015 brachen bei einem Eisenerzbergwerk im Herzen Brasiliens zwei Mauern eines Staudammes, in dem viele Jahre Rückstände aus einer Eisenerzmine versenkt wurden. Eine gewaltige Schlammwelle aus 40 bis 60 Milliarden Litern Abbauresten riss wie ein Tsunami alles mit sich, was in ihrem Weg stand. Sie hinterließ eine Schneise der Verwüstung, bevor sie sich in den Rio Doce ergoss.  (Autor des Radiobeitrags von WDR 5 Neugier genügt ist Carsten Upadek.)

Am 5. November 2015 brachen bei einem Eisenerzbergwerk im Herzen Brasiliens zwei Mauern eines Staudammes, in dem viele Jahre Rückstände aus einer Eisenerzmine versenkt wurden. Eine gewaltige Schlammwelle aus 40 bis 60 Milliarden Litern Abbauresten riss wie ein Tsunami alles mit sich, was in ihrem Weg stand. Sie hinterließ eine Schneise der Verwüstung, bevor sie sich in den Rio Doce ergoss.  (Autor des Radiobeitrags von WDR 5 Neugier genügt ist Carsten Upadek.)

Der Rio Doce, auf Deutsch "Süßer Fluss", ist der wichtigste Strom im Südosten Brasiliens. Entlang des Flusses leben über drei Millionen Menschen. Die Schlammmassen aus dem Bergwerkdamm färbten den Fluss rotbraun und "zementierten" zahllose Spezies: Fische, Vögel, Reptilien. Der Rio Doce transportierte den tödlichen Schlamm über 600 Kilometer bis an die Atlantikküste.

Am Atlantik, nahe der Mündung des Rio Doce, laicht nicht nur diese Unechte Karettschildkröte, die bekannteste Meeresschildkröte – sondern auch ihre seltene Verwandte, die Lederschildkröte. Mit einem bis zu 2,5 Meter langen Panzer ist sie die größte Meeresschildkröte der Welt. Vor der Küste hat der Schlamm einen 200 Kilometer langen, milchigen Teppich erzeugt. Wie sich die Abbaureste aus der Mine auf die seltenen Tiere auswirken, ist unklar.

Fischer Domingos Ponche zeigt die Sedimente, die sich auf dem Grund des Flusses und unter dem Sandstrand abgesetzt haben. Er hält sie für giftig. Seit alle Fische verschwunden sind, nimmt Domingos Ponche Beruhigungsmittel. Der für den Unglücksstaudamm verantwortliche Bergbaukonzern Samarco zahlt ihm und seiner Familie monatlich ein Grundeinkommen von umgerechnet 280 Euro, ein Jahr lang. Das reiche aber nicht zum Leben, beklagt der Fischer.

Domingos Vater Ilton ist 78 Jahre alt. Sein Leben lang fischte er im Rio Doce – selbst noch im Rentenalter, weil die Pension nicht einmal für seine Medikamente reichte. Seit dem Unglück sind er und seine Frau Edicléia nervös, unruhig und reizbar, sagt sein Sohn. Sie können sich nicht mit der Situation abfinden. Domingos hat Angst, dass die beiden das nicht überleben.

In der Kleinstadt Galiléia beklagt die Leiterin des Gesundheitsamtes, Meirimácia Gonçalves Santos, einen extremen Anstieg der Zahl von Patienten mit Durchfall. Ihr Medikamentenvorrat ist aufgebraucht. Sie fühlt sich allein gelassen im Kampf gegen den Konzernmulti Samarco und erwartet – entgegen den offiziellen Studien –, dass die Krebsfälle in Galiléia durch die Metallablagerungen im Wasser stark steigen werden.

Der vierjährige João Vitor ist an diesem Tag schon der vierte Patient von Ärztin Mayara Freitas Reis mit Durchfallproblemen. Bevor der Schlamm den Rio Doce verschmutzt hat, gab es etwa einen Durchfallpatienten pro Woche. Galiléia ist wie hunderte andere Orte am Rio Doce vom Flusswasser abhängig. Die Verschmutzung trifft besonders die Kleinbauern und Fischer, die auf den Inseln und direkt am Flussrand leben.

Der historische Bahnhof ist eine der Sehenswürdigkeiten der barocken Altstadt von Mariana im Bundesstaat Minas Gerais. Die Stadt zählt zu schönsten historischen Städten der Region, die seit dem Goldrausch im 18. Jahrhundert für ihre Bodenschätze berühmt ist. Vor ihren Toren barsten am 5. November 2015 die beiden Staumauern des Damms Bento Rodrigues, die Flut tötete mindestens 17 Menschen.

Direkt neben dem Bahnhof steht eine historische Lokomotive, die einst Mineralien aus der Region an die Küste transportierte. Neben Gold werden um die Stadt Mariana herum auch Uran, Blei, Zink und besonders Eisenerz abgebaut. Bis heute lebt die Stadt vom Bergbau. Er bringt jährlich 1,25 Millionen Euro an Steuern und garantiert 3.500 Arbeitsplätze.

Nahe dem Staudamm besaß Geraldo Marcos da Silva, genannt Geraldunga, einen Bauernhof – bis die Flutwelle kam. Wo heute eine Spur der Verwüstung zu sehen ist, waren früher eine Wiese, Melkstall, Pflanzungen. Der Anblick heute bewirkt in Geraldunga vor allem Trauer, sagt er.

In einem kleinen Bach, der durch den Scheitel des Tales fließt, glitzern blaue und silberne Metallablagerungen. Experten schätzen, dass es Jahrzehnte dauern wird, bis sich die Natur erholt hat.

Das Bauernhaus von Geraldunga war einst weiß. Jetzt kleben bis knapp unter dem Dach getrocknete Schlammbrocken an den Wänden. Bis zu dieser Marke stieg der Pegel aus schlammigen Abbauresten. Geraldunga selbst stand zum Zeitpunkt des Unglücks am Hang auf der anderen Talseite und sah fassungslos, wie sei Zuhause, sein ganzer Besitz, im Schlamm versank.

Im Bauernhaus von Geraldunga ist es schwer, einzelne Möbel zu identifizieren. Sie scheinen im Wasserstrudel hin und hergespült und beim Trocknen eins mit dem Schlamm geworden zu sein. An Wiederaufbau denkt Geraldunga nicht. Es gibt noch eine dritte Staumauer, die größte und älteste. Diese Staustufe ist nicht gebrochen. Aber in Mariana unken alle, das sei nur eine Frage der Zeit. Geraldunga könnte hier nicht mehr ruhig schlafen, sagt er.

Stand: 26.01.2016, 16:37 Uhr