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Lebensrettung um jeden Preis

Mehrere Puten sind auf engem Raum in einem Stall

Radikale Tierschützer agieren am Rand des Gesetzes

Lebensrettung um jeden Preis

Bilder von eingepferchten Schweinen oder sterbenden Hühnern in Massentierhaltungen kennen wir alle. Aufgenommen werden sie selten von Journalisten, sondern von radikalen Tierschützern. Sie dringen illegal in Ställe ein, um dort zu filmen. Das sind nicht die einzigen Gesetzesübertretungen, die die Aktivisten begehen.

In dem Stall von Rudi Schwarz haben die Hühner ein Sandbad, Nisthöhlen, Äste zum Sitzen und jede Menge Platz: Gerade mal 15 Tiere teilen sich den 100 Quadratmeter großen Stall in der Nähe von Hagen. Als die Hühner zu Rudi Schwarz kamen, muss das eine ganz schön große Umstellung für sie gewesen sein.  "Wir haben einerseits Legebatteriehühner, die befreit wurden, andererseits freigekaufte Hühner", berichtet Schwarz. "Letzteres sehen wir  nicht so gerne, weil die Halter dann Hühner nachkaufen. Im anderen Fall werden die Hühner nachts aus Legebatterien befreit und auf die entsprechenden Lebenshöfe verteilt."

Tierbefreiung als Diebstahl

Woher die befreiten Tiere stammen, erfährt Rudi Schwarz selber nicht. Die Heimlichkeit hat einen guten Grund, denn bei Licht betrachtet ist Tierbefreiung Diebstahl. Juristisch gesehen macht sich Rudi Schwarz mit jedem befreiten Huhn, das er in seinem Lebenshof aufnimmt, der Hehlerei schuldig. Doch er hat nicht das Gefühl, etwas Unrechtes zu tun: "Ich betrachte das nicht als Diebstahl", sagt er, "weil ich mich nicht an den Hühnern bereichere. Im Gegenteil, die Hühner kosten eine Menge Geld. Wir bieten Tieren ein friedliches Leben und nicht den Tod, den sie sonst schon längst erlitten hätten."

Weil 200 Euro für den Frührentner viel Geld sind, übernimmt der Hamburger Verein "Free Animal" die Hälfte der Futterkosten. Die Hühner streifen bis zu ihrem natürlichen Tod jeden Tag über den Hof. Als Tierrechtler isst Rudi Schwarz nicht einmal ihre Eier. Anders als Tierschützer sind Tierrechtler der Überzeugung, dass der Mensch Tiere gar nicht nutzen darf. Fleisch, Eier, Milch, Leder, Honig, Fell, Wolle – all diese Produkte sind für Rudi Schwarz tabu.

Minderschwere Straftaten

Tierrechtler stehlen nicht nur Legehennen oder nehmen befreite Tiere auf.  Die Mitglieder des Dortmunder Vereins "Die Tierbefreier" stören auch Jagden mit Trillerpfeifen, besetzen Baugelände, auf dem Labore für Tierversuche entstehen sollen oder erklimmen mit Transparenten in der Hand die Vordächer von Pelzgeschäften. All das sind minderschwere Straftaten oder nur Ordnungswidrigkeiten, die hauptsächlich Öffentlichkeitswirkung haben. Es gibt aber auch im Untergrund operierende Zellen der "Animal Liberation Front", kurz ALF, die schwere Sachschäden anrichten. Da werden beispielsweise hunderte Nerze aus Pelztierfarmen befreit oder Mastanlagen in Brand gesteckt.

"Die ALF kann damit direkt eingreifen", sagt Andre Gammerschlag.  Er ist Vorsitzender des Vereins "Die Tierbefreier" und zugleich Sprecher der Animal Liberation Front – ohne selber an deren Taten beteiligt zu sein. "Wenn eine Mastanlage brennt, in der 50.000 Hühner platziert werden, brauchen die Betreiber ein Jahr, um sie wieder neu aufzubauen. Diese Hühner leben einen Monat. Das heißt, zwölf mal 50.000 Hühner. Das bedeutet, dass 600.000 Hühner in dem Baujahr dort nicht großgezüchtet und getötet werden können."

Bauernverband kritisiert radikale Tierschützer

Dass sie mit ihren Sabotageakten Arbeitsplätze vernichten und Existenzen gefährden, sei den Mitgliedern der Animal Liberation Front klar, sagt Gammerschlag. Es gelte abzuwägen: "Direkte Aktionen sind eine Notwehrhandlung für Dritte, um deren Ermordung zu verhindern."  Für die Mitglieder der Animal Liberation Front ist das Lebensrecht von Nutztieren wichtiger als die Eigentumsrechte von Nutztierhaltern. Kompromissloses Eintreten für das Lebensrecht von Tieren ist keine Position, aus der heraus man mit dem Bauernverband verhandeln würde. Der bemerkte in einem schriftlichen Statement an den WDR: "Die Diskussion mit radikalen Tierschützern findet eigentlich nicht statt, da hier konspirativ und nicht transparent vorgegangen wird. Die offene Diskussion mit den Bauern ist offenbar nicht gewollt, stattdessen wird in Ställe eingebrochen, werden versteckt Mikrokameras installiert, Landwirte mit laufender Kamera überrascht."

Keine Kopfschmerzen wegen Hausfriedensbruch  

Ein Schweinestall, irgendwo in Norddeutschland. Zwei Aktivisten von "Animal Rights Watch" (ARIWA) sind in einen Schweinemastbetrieb eingedrungen, um zu filmen. Die Bilder zeigen qualvolle Enge, dürstende Schweine und zum Schluss einen Schrank voller Medikamente. "Unangemeldete Kontrollen" nennen die Aktivisten diese nächtlichen Besuche. Wolfgang Siebert ist 39 und Sprecher von ARIWA. Im Hauptberuf ist er Sportlehrer in der Eifel. Als Treffpunkt für ein Interview hat er ein veganes Restaurant am Kölner Südbahnhof vorgeschlagen. Ihm bereiten die ARIWA-Aktionen keine Kopfschmerzen: "Ich müsste mir unterlassene Hilfeleistung vorwerfen lassen, wenn ich an so einer Anlage vorbei gehen würde. Denn die Zustände in dieser Tierhaltung sind so schlimm, dass das rechtfertigt, dass man an den Rand des Gesetzes geht. Oder auch ein bisschen darüber hinaus."

Das Risiko, dass die Aktivisten von ARIWA eingehen, ist überschaubar. Die zu erwartenden Strafen sind relativ gering, da sie keinen Einbruch, sondern nur Hausfriedensbruch begehen. Und den auch nur in einem minderschweren Fall, schließlich stehen sie nicht im Schlafzimmer des Bauern, sondern nur in dessen Stall.

Die Bilder sind für die Industrie ein Problem

Die Bilder aus den Ställen, von den Transporten und aus den Schlachthöfen sind für die Industrie ein Problem. Auch dann, wenn sich die Landwirte an sämtliche Vorschriften halten, schockieren sie viele Verbraucher. Konventionelle Nutztierhaltung entspricht nicht dem, was die Verbraucher unter artgerecht verstehen und was sie für akzeptabel halten. Unter dem Druck der Öffentlichkeit verschärfen sich die Gesetze: Legebatterien und das Stopfen von Gänsen sind inzwischen verboten. Über die betäubungslose Kastration von Ferkeln und das Kürzen von Hühnerschnäbeln wird diskutiert.

Die in Bedrängnis geratenden Landwirte versuchen sich gegen die Tierrechtler zu wehren. Die gewalttätigen Aktionen extremistischer Tierrechtler trügen "die Züge terroristischer Akte", heißt es auf der Internetseite der Kampagne "Stoppt den Terror gegen unsere Tierhalter".  Bislang sind in Deutschland jedoch alle Versuche gescheitert, aus dem heimlichen Filmen und der Veröffentlichung des Materials einen Straftatbestand zu machen.

Autorin des Radiobeitrags: Katharina Nickoleit

Stand: 25.03.2014, 00:00