Der Nocebo-Effekt

Warnschild mit der Unterschrift "Nocebo", im Hintergrund Medikamente und Beipackzettel

Wenn Gedanken krank machen

Der Nocebo-Effekt

Manche Menschen lesen den Beipackzettel von Medikamenten und können die Nebenwirkungen schon spüren. Andere bekommen vom Arzt eine Fehldiagnose und fühlen sich gleich krank, obwohl sie gesund sind.

Derek Adams, ein 26-jähriger US-Amerikaner, leidet unter Depressionen. Er nimmt an einer medizinischen Studie teil, in der ein neues Antidepressivum getestet wird. Als seine Freundin ihn verlässt, ist er verzweifelt und will sich das Leben nehmen. Er schluckt 29 Kapseln des Studienmedikaments auf einmal. Kurz darauf fängt er an zu zittern und heftig zu atmen, sein Blutdruck sinkt dramatisch.

Ein besorgter Nachbar fährt ihn in die Notaufnahme. Obwohl die Ärzte dort über Stunden alles versuchen, geht es Adams immer schlechter. Schießlich findet einer der Ärzte heraus, dass er zu den Kontrollpatienten der Studie gehört: Er hat Tabletten ohne Wirkstoff geschluckt. Als der vermeintlich Todkranke davon erfährt, verschwinden seine Symptome. Eine Viertelstunde später kann er das Krankenhaus verlassen.

Entdeckt bei Medikamentenstudien

Professor Paul Enck, Leiter der Psychosomatik-Forschung an der Uniklinik Tübingen

Paul Enck: "Der Patient registriert Symptome, die er dem Medikament zuschriebt"

Adams' Fall wurde vor einigen Jahren in einer psychiatrischen Fachzeitschrift beschrieben und ist ein besonders drastischer Beleg für die Wirkung des sogenannten Nocebo-Effekts. Beim Nocebo-Effekt lösen psychische oder gedankliche Vorgänge negative Wirkungen im Körper aus. Er ist sozusagen der finstere Bruder des sehr viel bekannteren Placebo-Effekts, bei dem positive Wirkungen im Körper hervorgerufen werden. Entdeckt wurde der Nocebo-Effekt bei Medikamentenstudien. Am Beginn einer solchen Studie wird der Patient darüber informiert, dass er möglicherweise ein Scheinmedikament erhält. Professor Paul Enck, Leiter der Psychosomatik-Forschung an der Uniklinik Tübingen, erklärt den Zusammenhang: "Einzig diese Information ist es, die die Nocebo-Wirkungen erzeugt." Der Patient registriere Symptome, die er dem Medikament zuschreibe. "Weil er kein Medikament genommen hat, sind es Nocebo-Wirkungen."

Beipackzettel mit langer Liste von Nebenwirkungen

Informationen über die Nebenwirkungen von Medikamenten werden nicht nur in Pharmastudien weitergegeben, sondern jeden Tag tausendfach im medizinischen Alltag. So enthält beispielsweise jeder Beipackzettel aus juristischen Gründen eine lange Liste aller Nebenwirkungen, auch wenn diese nur äußerst selten auftreten.

Tabletten und Packungsbeilage

"In sehr seltenen Fällen"

Dort steht dann beispielsweise die Formulierung "in sehr seltenen Fällen" - was etwa eins zu einer Million entspreche, erklärt Enck. "Es gibt Patienten, die darauf reagieren und sagen, das hilft mir gar nichts, wenn das eins zu einer Million ist, wenn ich der eine bin unter einer Million." Die Information - "sehr selten" - werde dann nicht richtig interpretiert.

Bei manchen Patienten treten dann genau die Nebenwirkungen auf, die auf dem Beipackzettel standenvielleicht Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel oder Herzrasen. Wegen solcher vermeintlicher Nebenwirkungen, die eigentlich Nocebo-Effekte sind, werden viele Medikamente sogar abgesetzt, sagt Dr. Winfried Häuser, Ärztlicher Leiter des Schwerpunktes Psychosomatik am Klinikum Saarbrücken. "Ein Teil der Medikamente, die in die Mülltonne wandern, werden deswegen entsorgt, weil die Menschen befürchten, dass sie diese nicht vertragen."

Mehr Schmerzen durch missverstandene Diagnosen

Dr. Winfried Häuser, Ärztlicher Leiter des Schwerpunktes Psychosomatik am Klinikum Saarbrücken

Häuser: "Verstärkung des Schmerzerlebens"

Darüber hinaus können auch gesprochene Worte Nocebo-Effekte auslösen. Häuser: "Wenn Patienten zum Arzt gehen, weil sie zum Beispiel Rückenbeschwerden haben, und es wird ein CT durchgeführt oder ein Kernspin der Hals- und Lendenwirbelsäule, und der Radiologe erklärt den Patienten den Befund, kann das massive Nocebo-Effekte auslösen." Wenn ein Arzt sagen würde, "ihre Wirbelsäule ist ja zehn, zwanzig Jahre älter als Sie", würde das bei einigen Patienten die Vorstellung auslösen, sie seien schwer krank. "Und das kann zum Beispiel auch das Schmerzerleben verstärken", so Häuser.

Ein Beispiel: Die Bibliothekarin Frau S. leidet seit ihrer Kindheit an einer Verengung der Herzklappe, einer Erkrankung, die zwar nicht lebensbedrohlich ist, deretwegen sie aber regelmäßig ins Krankenhaus muss. Als sie wieder einmal in der Klinik liegt, kommt der Chefarzt bei einer Visite kurz an ihr Bett. Er erklärt seinen Begleitern, es handele sich um einen typischen Fall von "TS" und geht weiter. Die Patientin ist erschüttert. Sie glaubt, das Kürzel bedeute "terminale Situation" und sie müsse bald sterben. Ein junger Assistenzarzt erläutert ihr, dass TS nur die Abkürzung für Trikuspidalklappen-Stenose ist, doch sie glaubt ihm nicht. Frau S. bekommt Atemnot, in ihren Lungen sammelt sich Flüssigkeit. Der Assistent alarmiert den Chefarzt, die Patientin dringend aufzuklären. Als dieser wenige Stunden später zu der Frau kommt, ist sie bereits an einem Lungenödem gestorben.

Starke psychische Kräfte

Wenn ein Mensch durch die Worte eines anderen todkrank werden kann, müssen starke psychische Kräfte am Werk sein. Es gibt im Wesentlichen zwei Mechanismen, sagt der Psychologe Paul Enck. "Negative Erwartungen haben in der Tat den Effekt, dass bestimmte Endorphine zum Beispiel, Hemmstoffe, nicht mehr ausgeschüttet werden, wenn ich erwarte, dass die Schmerzen größer werden."

Spritze

Spritzen gelten als besonders wirksam

Wie stark eine Information körperliche Vorgänge beeinflussen kann, wurde in einem Experiment an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf untersucht. Mit einer Heizplatte fügten die Forscher den Testpersonen Schmerzen zu. Sie gaben ihnen gleichzeitig ein starkes Schmerzmittel und informierten sie darüber. Wie erwartet, gaben die meisten Teilnehmer an, kaum Schmerzen zu spüren. In einem zweiten Durchgang erhielten sie genauso viel Schmerzmittel, doch nun behaupteten die Forscher, sie hätten auf eine wirkungslose Kochsalzlösung umgestellt. Diesmal empfanden die Versuchspersonen fast genauso starke Schmerzen wie ohne Medikament. Ihre Erwartung hatte das Medikament fast wirkungslos gemacht.

Größere Pille gleich mehr Wirkung?

Dass es sich bei diesen Effekten um messbare körperliche Vorgänge handelt, konnten die Hamburger Forscher ebenfalls zeigen. Sie wiederholten das Experiment in einem Kernspintomographen. Das Ergebnis war eindeutig: Erwarteten die Probanden eine wirkungslose Kochsalzlösung, waren ihre Schmerzzentren deutlich aktiver. Was Menschen von einem Medikament erwarten, kann von vielen Dingen abhängen. "Es gibt eine Reihe von impliziten Annahmen, die Leute häufig machen, wenn es um Medikamente geht", erklärt Enck. Dazu gehört, die Annahme, dass größere Pillen wirksamer sind. Oder dass Medikamente, die geschluckt werden, besser helfen, als eine medizinische Creme. Spritzen gelten als besonders wirksam.

Der Nocebo-Effekt ist mittlerweile wissenschaftlich anerkannt. Ein Projekt der deutschen Forschungsgemeinschaft, in dem auch Paul Enck mitarbeitet, befasst sich mit den Effekten sowohl von Placebo als auch Nocebo. Welche Konsequenzen kann man aus den bisherigen Ergebnissen ziehen? Enck: "Ich denke, das Wichtigste ist eigentlich, dass Ärzte lernen, dass das unbedachte Wort, ausgesprochen gegenüber einem Patienten, mehr Unheil anrichtet, als man gemeinhin glaubt."

Stand: 05.09.2014, 16:05