Wenn der Realitätssinn verloren geht

Frau legt vor sich fünf Bleistifte in gleicher Ausrichtung und mit gleichem Abstand zueinander auf Schreibtisch

Service Psychologie - Neurose, Psychose

Wenn der Realitätssinn verloren geht

Von Beate Weides

Als neurotisch wird in unserer Gesellschaft jemand bezeichnet, der ein bisschen überspannt ist. Manchen kommt sicher Woody Allans „Stadtneurotiker“ in den Sinn. Doch Neurose ist eine ernstzunehmende Krankheit, über deren Ursachen es seit Freud viel Streit gegeben hat. Auch das Verständnis der Psychose hat sich mit der Zeit verändert. Psychologen setzen neuerdings verstärkt darauf, psychische Krisen früh zu erkennen. Sie hoffen, selbst eine Psychose womöglich verhindern zu können.

Was ist eine Neurose?

Der Begriff "Neurose" ist heute etwas veraltet. Man versteht darunter Krankheitsbilder, für die es längst eigene Namen gibt: Angst- oder Zwangsstörungen und Depressionen. Auch posttraumatische Belastungsstörungen gehören dazu. Aber von Neurose spricht man auch, wenn jemand über längere Zeit Schmerzen hat, für die es keine organischen Ursachen gibt. Alle diese Krankheiten treten meist in einer Lebenskrise auf. Psychoanalytiker nehmen an, dass dahinter ein ungelöster Konflikt aus der Kindheit steht.

Was versteht man unter einer Psychose?

Alle Menschen kennen die Gefühle, die ein Neurotiker hat. Alle sind schon mal ein bisschen depressiv, antriebslos oder sehr ängstlich. Beim Neurotiker sind diese negativen Gefühle eben sehr stark. Und sie gewinnen mit der Zeit immer mehr die Oberhand. Was ein Psychotiker erlebt, liegt dagegen jenseits dessen, was ein Mensch normalerweise kennenlernt. Ein Psychotiker halluziniert oder hört Stimmen, entwickelt Wahnideen. Der Bezug zur Realität geht zeitweise verloren. Die häufigste Form einer Psychose ist die Schizophrenie.

Seit wann gibt es die Begriffe Neurose und Psychose?

Der Begriff "Neurose" leitet sich ab vom griechischen Wort "neuro" für Nerv. Im 18. und 19. Jahrhundert dachte man, alle Geistes- und Gemütskrankheiten beruhten darauf, dass etwas im zentralen Nervensystem falsch läuft. Erst Sigmund Freud kam auf den Gedanken, dass auch seelische Prozesse die Nerven beeinflussen können. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Begriff "Psychose" erstmals verwendet.

Was sind die Ursachen für Neurosen und Psychosen?

Viele Faktoren scheinen eine Rolle zu spielen. Darüber wurde in der Vergangenheit oft heftig gestritten. Heute sind sich die meisten Fachleute einig, dass Neurosen jedenfalls kaum biologische Ursachen haben. Jeder kann im Prinzip neurotisch werden, wenn er oder sie nicht früh gelernt hat, im Leben auch mit Krisen und Schicksalsschlägen fertig zu werden. Wer eine Psychose bekommt, ist jung, zwischen 14 und 25, und offenbar besonders anfällig. Die Krankheit bricht schon aus, wenn das Leben ein bisschen schwierig wird: Er oder sie macht das Abitur oder erlebt die erste Liebe. Deshalb gilt hier vor allem eine Fehlfunktion des Gehirns als treibende Kraft.

Wie werden Neurosen und Psychosen behandelt?

Psychotische Patienten werden zumindest in der akuten Phase zunächst nur mit Medikamenten behandelt. Für andere Therapien sind sie oft erst später zugänglich. Bei Neurosen können dagegen verschiedene Formen von Psychotherapie helfen. In der Mitte stehen Zwangsstörungen und schwere Depressionen. Da verspricht es mehr Erfolg, Medikamente und Psychotherapien zu kombinieren. Wie haben Hirnforscher die Sicht auf Psychosen und Neurosen verändert?

Unser Denken und Fühlen beeinflusst und formt das zentrale Nervensystem viel stärker als bisher angenommen. Das zeigen Computerbilder des Gehirns. Nicht nur Kopfverletzungen, ein Hirntumor oder Drogenmissbrauch, beziehungsweise Medikamente (Neuroleptika), verändern Hirnstrukturen. Auch durch Psychotherapie können sich Netze von Nervenzellen verändern. Sowohl in ihrer Funktion als auch in ihrer Größe. Insofern wollen viele Fachleute inzwischen nicht mehr zwischen Neurosen und Psychosen unterschieden wissen.

Was heißt das für die Praxis?

In aktuellen Studien deutet sich an, dass selbst Psychosen abgemildert oder sogar vermieden werden könnten, wenn sie früh erkannt würden. Eine Psychose kündigt sich nämlich an: Die Betroffenen werden schwermütig. Sie können sich nur noch schlecht konzentrieren. Und sie ziehen sich von anderen zurück. Es wäre schon hilfreich, die Krankheit wenigstens hinauszuschieben. Die jungen Menschen könnten die Schule oder die Ausbildung abschließen und wären gefestigter, wenn die Krankheit doch noch ausbricht.

Wo gibt es Zentren, an die sich Betroffene wenden können?

In NRW gibt es Früherkennungszentren für psychische Krisen und Psychosen in Düsseldorf, Köln, Bonn, Aachen und Bochum.

Redaktion:
Ruth Schulz

Stand: 05.09.2013, 16:05

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