Das Elend der Zuchtnerze

Pelzfarmen in Deutschland

Das Elend der Zuchtnerze

Mit Pelzen lässt sich noch immer viel Geld verdienen. Doch eine Verordnung zwingt Nerzfarmer zum Umdenken - und Umbau der Farmen. Die Produzenten klagen und lassen alles beim Alten. Ein heimlicher Besuch auf einer Nerzfarm.

Etwa 60 km südlich von Berlin steht eine der letzten Pelzfarmen in Deutschland: Im Dorf Frankenförde, zwischen Schweinefarmen und Spargelfeldern, werden Nerze für die Pelzindustrie gezüchtet. Stefan Klippstein von der Tierschutzorganisation "Deutsches Tierschutzbüro" fordert das Verbot solcher Pelzfarmen. Er ist 29 Jahre alt, gelernter Tierpfleger und fährt regelmäßig die Pelzfarmen in Deutschland ab, um die Zustände zu dokumentieren und zu veröffentlichen.

Pelzbranche boomt weltweit

Pelz ist nach wie vor sehr gefragt - vor allem in Russland und China, aber eben auch in Deutschland. Seit 1990 hat der deutsche Einzelhandel seinen Umsatz mit Pelzbekleidung fast stetig gesteigert und machte 2013 damit einen Umsatz von fast 1,1 Milliarden Euro. Obwohl die Pelzbranche weltweit boomt geht die Pelzproduktion in Deutschland bergab. Vor knapp zehn Jahren gab es noch 28 Pelzfarmen mit etwa 400.000 Nerzen. Inzwischen sind es noch acht Farmen mit etwa 80.000 Tieren.

Die Farm in Frankenförde wird von einem hohen Metallzaun geschützt. Direkt davor stehen gelbe Schilder: "Betreten verboten - Wertvoller Tierbestand". Der Tierschützer Stefan Klippstein findet ein Loch im Zaun, das den Blick freigibt auf etwa ein Dutzend Reihen von Gitterkäfigen aus Draht, die im Freien stehen und nur von einem Blechdach bedeckt werden. Jeder Käfig ist etwa 30 Zentimeter breit, knapp einen Meter hoch und besteht aus zwei Etagen. Jeder Käfig schließt auf einer Seite mit einer Holzkiste ab. Kot und Urin fällt durch die Käfigreihen. Einige Nerze sitzen oder springen in den Drahtkäfigen herum, die meisten Tiere jedoch haben sich verkrochen.

Neue Haltungsverordnung für Pelztiere

Eigentlich sei diese Art der Haltung gar nicht mehr erlaubt, sagt Klippstein. Im Jahr 2006 hat Deutschland eine neue Haltungsverordnung für Pelztiere erlassen. Sie schreibt mindestens drei Quadratmeter Fläche pro Käfig vor und ab 2016 Zugang zu einem Wasserbecken. "Die Pelzfarmer sagen, das wäre unwirtschaftlich", sagt Klippstein. "Deswegen rüsten sie diese Farmen nicht um, sondern klagen vor den zuständigen Gerichten." Und solange geklagt wird, dürfen die Farmen nicht geschlossen werden.

Susanne Kolb-Wachtel ist Geschäftsführerin des Deutschen Pelzinstituts, des Lobbyverbands der deutschen Pelzindustrie. "Ich muss Ihnen jetzt mal ganz ehrlich sagen: Pelztiere werden im Verhältnis zu anderen Tieren, die wir in irgendeiner Form nutzen, mit Sicherheit besser gehalten", sagt sie. Die neue Verordnung allerdings sei nicht realistisch. "Nach der jetzigen Pelztierhaltungsverordnung ist der Preis für die Aufzucht eines Nerzes um fast 2.000 Prozent gestiegen."

Streit ums Wasserbecken

Die Pelzfarmer wehren sich außerdem gegen die verordneten Wasserbecken. Weil die Tiere ihren Bauch über den Boden schleifen, wenn sie nass aus dem Wasserbecken kommen, werde ihr Fell für die Pelzproduktion unbrauchbar, so das Argument. Ein Wasserbecken schade den Tieren zudem und verstoße sogar gegen das Tierschutzgesetz, fügt Kolb-Wachtel hinzu. "Das Problem ist, dass die Tiere da aufsteigende Blasenentzündung kriegen, dass sie Lungenentzündung kriegen, dass sie sich nicht trocken machen können, wenn sie ins Wasser gehen - die haben ja jetzt nicht ein Handtuch da liegen zum Abtrocknen."

Veterinärmediziner haben an der LMU München im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft untersucht, wie sich die neu vorgeschriebene Pelztierhaltung auf die Nerze auswirkt. Das Ergebnis: Die Tiere benutzten das Wasserbecken oft und gerne. Auch andere Nerzforscher glauben nicht, dass ein Wasserbecken den Tieren schaden könne - schließlich leben sie in der Natur in der Nähe von Gewässern und schwimmen und tauchen ausgiebig. Das sagt auch Georgia Mason von der Universität im kanadischen Guelph. "In den meisten Studien zeigte sich, dass Nerze Wasser dankbar annehmen. Aber ich verstehe, warum die Farmer Wasserbecken abgeneigt sind: Das Wasser ist sehr schwer sauber zu halten." Georgia Mason sieht das pragmatisch: "Wenn man vorschreibt, dass Farmnerze Schwimmwasser haben sollen, heißt das, dass man die Produktionskosten so stark erhöht, dass man eine Branche dichtmacht. Es ist eine gute Methode, um Pelzfarmen per Gesetz aus der Existenz zu drängen."

Ende der Pelzproduktion in Deutschland?

In Deutschland neigen sich die Zeiten der Pelzproduktion dem Ende zu, glaubt Susanne Kolb-Wachtel vom Deutschen Pelzinstitut. Viele Nerzfarmer haben inzwischen das Rentenalter erreicht. Statt einen teuren Umbau nach neuer Haltungsverordnung zu bezahlen, haben viele Farmer ihren Betrieb geschlossen. Derzeit kommt der Hauptteil des weltweit produzierten Pelzes aus Europa, vor allem aus Skandinavien. Aber China steht bereits auf Platz zwei. "Mit Gesetzen kann man lokal Praktiken loswerden, die man nicht mag", sagt Georgia Mason. "Aber im Großen und Ganzen macht das nicht viel Unterschied. Das ist die traurige Wahrheit."

Autorin des Hörfunkbeitrags ist Brigitte Osterath.

Stand: 18.08.2014, 12:00