Wie Musikgeschmack entsteht

Musikpsychologie

Wie Musikgeschmack entsteht

Ob man lieber Punkrock- oder Pop-Konzerte besucht, klassische Musik oder Acid Jazz hört, ist eine Sache des Geschmacks. Und der bildet sich früher als lange Zeit angenommen: nicht in der Pubertät, sondern bereits in der Grundschule.

Warum die einen eine Vorliebe für britischen Pop haben, andere sich an avantgardistischen Kompositionen von Karl-Heinz Stockhausen erfreuen und wieder andere den deutschen Schlager lieben, erforscht Reinhard Kopiez. Er ist Musikpsychologe an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover. "Kinder sind viel offener gegenüber unkonventioneller Musik", sagt er. Ein Ergebnis seiner Forschung: Je später Kinder an ungewöhnliche Klänge herangeführt werden, desto eher lehnen sie diese ab, sagt er. Kopiez entwickelte für seine Studie im Jahr 2011 einen klingenden Fragebogen. Rund 200 Grundschüler sollten Musikbeispiele unterschiedlicher Genres bewerten. Von Pop über Klassik, bis hin zu ethnischer Musik und Jazz. Er fand heraus, dass die Offenheit gegenüber Musik unterschiedlicher Stilrichtungen mit zunehmendem Alter abnimmt. Das beginne schon in der zweiten Grundschulklasse, sagt er.

Musikgeschmack festigt sich in der Grundschule

Das ist neu, denn bisher konzentrierten sich die Musikforscher vor allem auf die Zeit der Pubertät. Sie nahmen an, dies sei die Phase, in der sich Musikgeschmack festigt. Im Alter von elf bis achtzehn Jahren, lösen sich Jugendliche von den Eltern als Vorbild ab und identifizieren sich durch Musik mit bestimmten Personengruppen und Eigenschaften. Das stiftet Identität. "Vor dem Hintergrund von Facebook, Spotyfy und Talentshows, beschleunigt sich dieser Prozess höchstwahrscheinlich noch nach vorn", glaubt der Wissenschaftler. "Musik ist eigentlich wie ein Button, den ich an mein Revers hefte und da steht drauf: ich bin der sowieso, weil ich diese Musik höre."

Die Urteile, die Grundschulkinder sich bilden, bleiben, sagt Reinhard Kopiez. Einen wichtigen Einfluss darauf hat auch der Musikunterricht in der Schule. Christine Pätzel unterrichtet Musik an einer Grundschule in Berlin. Indem sie die Kinder Klänge erleben lässt, erweitert sie deren Erfahrungsschatz. "Wenn ich Musikinstrumente einsetze, achte ich darauf, dass sie aus verschiedenen Materialien sind: Aus Holz, aus Sand, aus Stoff, sie klingen, sie scheppern. Alles was Kinder in so einer lauten Stadt gar nicht mehr hören, können sie hier in einem Schonraum erfahren", erzählt die Lehrerin.

Wer selbst Musik macht, ist offener

Wie sehr sich musikalische Vorlieben im Laufe eines Lebens verändern, ist eine Frage, die die Forschung noch immer nicht eindeutig beantworten kann. Der Grund ist simpel: Es gibt keine Daten über die lebenslange Entwicklung des Musikgeschmacks. Die größte Langzeitstudie aus dem Jahr 2009 umfasst nur zwölf Jahre.

Sicher ist hingegen ein anderer Aspekt. Unser Musikgeschmack hängt ab von dem, was wir kennen. Bekannte und vertraute Klänge führen zu hohem Gefallen. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, müssen sich Musiklehrer etwas einfallen lassen. Christine Pätzel nimmt mit ihren Schülern Stücke aus der Popmusik auseinander und vertont sie neu. "Wenn sie diese Musik nachgespielt haben und wir dann dahin kommen, dass der Ursprung – vielleicht die Melodie oder ein bestimmter Teil davon – ganz alt ist, dann haben sie eine große Ehrfurcht vor der alten Musik." So bestätigt sich in der Praxis, wovon die Forschung ausgeht. Wer selbst Musik produziert, ist offener gegenüber den unterschiedlichen Musikstilen und lässt sich auch auf Musik fernab des Mainstreams ein.

Autorin des Hörfunkbeitrags ist Nadine Gräser.

Stand: 18.08.2014, 17:25