Kosmische Bomben?

Meteorit schlägt in Tscheljabinsk ein

Meteorit von Tscheljabinsk größer als gedacht

Kosmische Bomben?

Von Jan Friese

Anfang 2013 ging über dem Ural ein Meteorit nieder und explodierte in der Atmosphäre. Die entstandene Druckwelle richtete große Zerstörungen an. Aber es war wohl Glück im Unglück, wie Wissenschaftler nun bekanntgeben.

Mehr als 1200 Menschen wurden verletzt, Hauswände eingedrückt, ganze Fensterreihen zerbarsten. Trotzdem die Katastrophe hätte wesentlich schlimmer ausfallen können. Der kosmische Gesteinsbrocken war wesentlich größer als ursprünglich angenommen. Im Februar 2013, unmittelbar nach dem Ereignis, war man noch davon ausgegangen, dass der Meteorit einen Durchmesser von drei bis neun Metern gehabt hätte. Inzwischen weiß man, er hatte wohl einen Durchmesser von rund 20 Metern und ist in der Atmosphäre mit einer enormen Wucht detoniert.

Sprengkraft einer modernen Atomwaffe

Die Explosion des Meteoriten entsprach nach Meinung der Experten einer Sprengkraft von etwa 500 bis 600 Kilotonnen, fast 40 bis 50 mal stärker als die Atombombe von Hiroshima. Im schlimmsten Fall hätte es nicht nur Verletzte gegeben, sondern wohl auch sehr viele Tote, denn Tscheljabinsk ist eine Millionenstadt.

Rettende Flugbahn

Der sehr flache Eintrittswinkel in unsere Atmosphäre war wohl die Rettung. Der Meteorit traf zwar mit einer sehr hohen Geschwindigkeit auf die irdische Atmosphäre, stürzte aber nicht senkrecht Richtung Boden, sondern flog in einer sehr flachen und langgezogenen Diagonalen durch unsere Luftschichten. Dadurch verlängerte sich der zurückgelegte Weg zwischen seinem Eintritt und potentiellen Aufschlag. Der Meteorit explodierte offenbar in sehr großer Höhe, Experten schätzen 30 bis 45 Kilometer über dem Erdboden, etwa zwei- bis dreimal höher als ein Linienflugzeug. Bei einem steilen Eintrittswinkel hätte er die Luftschichten wahrscheinlich wesentlich schneller und weiter durchdrungen und wäre eingeschlagen oder nur wenige Kilometer über der Oberfläche explodiert.

Warum explodiert ein Meteorit?

Sehr grob vereinfacht, ist die Ursache für die Explosion der Zusammenstoß mit unserer Luft. Im All hatte der Meteorit auf seiner Flugbahn keinen nennenswerten Widerstand, der ihn abbremste. Als das Objekt von Tscheljabinsk auf unsere Erdatmosphäre traf, betrug seine Geschwindigkeit vermutlich 50.000 bis 70.000 Kilometer pro Stunde. Im Vergleich zum Weltall ist unsere Atmosphäre dicht und fest wie eine Wand. Die gesamte Bewegungsenergie des Meteoriten wird bei plötzlichen Abbremsen in Hitze und Druck umgewandelt. Es reißt den Meteoriten regelrecht auseinander. Auch die entstehenden Bruchstücke bieten plötzlich enorm große neue Reibungsflächen. Große Energiemengen werden schlagartig frei. Man spricht vom so genannten "Airburst".

Puzzlearbeit für Forscher

Neben dem Zusammensuchen kleiner Meteoritenfragmente am Boden, half den Forschern vor allem das Bergen eines großen Bruchstückes. Ein 600 Kilogramm schwerer Brocken war in einen See gestürzt und lieferte neue Informationen über Beschaffenheit des kosmischen Geschosses. Für die Berechnung der Flugbahn nutzten die Wissenschaftler unter anderem die Daten der Flugüberwachung, auch dort war der Eintritt aufgezeichnet worden. Dazu kam die Analyse der Explosionsschäden am Boden - Augenzeugenberichte und vor allem jede Menge Videomaterial. Der Meteorit von Tscheljabinsk dürfte wohl das best dokumentierte Ereignis seiner Art sein. Hunderte von Autokameras filmten den niedergehenden Feuerball, da im Ural viele Autofahrer Kameras auf dem Armaturenbrett installieren, um bei Verkehrsunfällen den Ablauf korrekt zu dokumentieren.

Stand: 07.11.2013, 16:05