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Ändert sich "Normalnull", wenn der Meeresspiegel steigt?

Tauchgondel an einer Führung über dem Meeresspiegel

Die Kleine Anfrage - Höhenbestimmung

Ändert sich "Normalnull", wenn der Meeresspiegel steigt?

Von Anne Preger

Ursprünglich war der Meeresspiegel der Ausgangspunkt, um die Höhe eines Ortes zu bestimmen. Müssen also alle Höhenangaben korrigiert werden, wenn der Meeresspiegel steigt?

An Küsten haben Menschen sich schon früh für Höhe interessiert. Ihre überlebenswichtige Frage: Ist der Deich hoch genug, um einer Sturmflut zu trotzen? Die Amsterdamer gingen systematisch vor: An der Haarlemmer Schleuse maßen sie ein Jahr lang die Wasserhöhe des Meeresarms IJ bei Ebbe und Flut  - vom 1. September 1683 bis zum 1. September 1684. Danach wurde verfügt, dass Deiche mindestens 2,87 m höher sein sollten als das mittlere Hochwasser jenes Jahres. Die Bezugshöhe wurde Amsterdamer Pegel und später Amsterdamer Normalnull genannt.

Unterschiedliche Meeresspiegel

Im Laufe der Jahrhunderte fingen auch andere Küstennationen in Europa an, den Wasserstand des Meeres zu messen. Je nachdem ob der Pegel im Mittelmeer, dem Atlantik, der Nord- oder Ostsee liegt, unterscheiden sich die Referenzhöhen aber. Belgien orientiert sich bei seinem Pegel in Ostende außerdem am Niedrig-Wasserstand. Wer also die Grenze nach Belgien überquert, hebt sein Niveau sprunghaft um 2,33 Meter an - zumindest wenn er deutsche und belgische Höhenkarten nebeneinanderlegt.

Zugspitze ist gewachsen

Auf einer deutschen topographischen Karte beziehen sich die Höhenangaben auf den Pegel in Amsterdam. Deutschlands höchster Gipfel, die Zugspitze, lag früher auf einer Höhe von 2961,47 Metern, gefolgt vom Zusatz "über NN", d.h. "über Normalnull". Doch inzwischen arbeiten die amtlichen Vermesser mit Normalhöhen. Diese Höhenangaben berücksichtigen die Erdanziehung. Die kann von Ort zu Ort leicht unterschiedlich sein. Aus NN wurde deswegen in den frühen 1990er Jahren Normalhöhennull, abgekürzt NHN. Für Kartennutzer ändert sich meist nichts. In Nordrhein-Westfalen liegen NN und NHN höchstens ein paar Zentimeter auseinander. Beim höchsten deutschen Gipfel macht sich die Umstellung allerdings auch vor dem Komma bemerkbar: Inzwischen wird die Höhe der Zugspitze mit 2962,06 m ü. NHN angegeben.

Abgekoppelt

Wenn der Meeresspiegel, z. B. infolge des Klimawandels steigt, wird das die Höhe der Zugspitze allerdings nicht verändern. Denn die Höhenmessung ist vom tatsächlichen Wasserstand des Meeres abgekoppelt. Ausschlaggebend ist der historische Wasserstand aus den Jahren 1683/84 in Amsterdam. In Deutschland liegt der Ausgangspunkt des Höhen-Messnetzes in Wallenhorst in Niedersachsen, nur wenige Kilometer entfernt von der Grenze zu NRW. An der Neuen St.-Alexander-Kirche ist eine Messmarke angebracht.  Sie liegt exakt 68 Meter über dem Nullniveau des historischen Amsterdamer Pegels. Steigt das Wasser, z. B. in der Nordsee, dann kann es also passieren, dass ein Ort, der heute 0,5 Meter über NHN liegt, in hundert Jahren überflutet ist und unter dem Meeresspiegel liegt, sofern ihn kein Deich schützt.

Voll auf der Höhe

Zwischen 2006 und 2012 wurden die Höhen in ganz Deutschland neu vermessen. Aus den gemessenen Daten berechnet unter anderem die nordrhein-westfälische  Landesvermessung, GeoBasis NRW, ein Netz aus exakten Höhendaten. Auf diese Informationen greifen Planer und Ingenieure z. B. für Bauvorhaben zurück. Die Neuvermessung hat gezeigt, dass die Eifel sich im Jahr um rund einen Millimeter hebt. Das Ruhrgebiet senkt sich dagegen ab - entlang der alten ausgebeuteten Kohleflöze.

Abgesackt

Nicht nur weite Teile Nordrhein-Westfalens sind in Bewegung. Auch Amsterdam hält sein Niveau nicht. Die Stadt senkt sich, weil sie auf einem Moorboden steht, der mit der Zeit in sich zusammen sackt. Deswegen wurde die Messmarke des Amsterdamer Normalnull möglichst fest in tiefer gelegenen Sandschichten verankert. Außerdem wird die Marke regelmäßig angepasst, zuletzt 1988 und 2007. Auf diese Weise befindet sich die Messmarke auf derselben Höhe wie im 17. Jahrhundert.

Redaktion:
Martin Gent

Stand: 11.12.2014, 16:05