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Mittagsecho * Übernommen vom: Norddeutscher Rundfunk *

"Für Jahre gebrandmarkt"

Ein Haus der ehemaligen Bergarbeitersiedlung, im Hintergrund ist die stillgelegte Zeche Lohberg zu sehen

Reportage - Vor Dschihadisten-Prozess

"Für Jahre gebrandmarkt"

Von Manfred Götzke

Die Bergarbeitersiedlung Lohberg hat traurige Berühmtheit erlangt, seit sich 13 junge Männer auf den Weg nach Syrien gemacht haben. Jetzt steht erstmals ein Mitglied jener "Lohberger Brigade" vor Gericht. Wie blicken die Bürger auf den Prozess?

Ein kalter Winternachmittag in Dinslaken-Lohberg. Der Marktplatz ist wie leergefegt. Nur ein paar türkisch-stämmige Jugendliche stehen in dicken Daunenjacken zusammen, hören Musik, reden. Zu den Dschihadisten, die diesen Ort deutschlandweit bekannt gemacht haben, finden sie klare Worte. "Alles Schweine, die haben Lohberg schlecht gemacht", sagt einer der Teenager. "Vor zwei Jahren haben wir noch mit denen gefrühstückt. Jetzt sind die weg und jeder redet schlecht über die."

Und über Lohberg, sagt Cengiz, der seinen wahren Namen nicht nennen möchte. Der 19-jährige Schüler streicht sich durch seinen noch nicht ganz dichten Vollbart. Er ärgert sich darüber, dass sein geliebter Heimatort nur noch mit der "Lohberger Brigade" in Verbindung gebracht wird. Dabei sei das 6000-Einwohner-Städtchen Lohberg doch so viel mehr. "Die Leute halten in Lohberg zusammen, Deutsche, Ausländer, egal, was für ein Landsmann. Und plötzlich hört man so was: Nicht mit einem, mit allen, wird da abgerechnet."

Dass jetzt zum ersten Mal einem Mitglied der "Lohberger Brigade" der Prozess gemacht wird, ist für ihn und seine Freunde kein Thema. Sie hören zum ersten Mal davon. Den Angeklagten selbst, Nils D., kannten sie kaum.

Zusammenrücken gegen die Salafisten

Zwei Straßen weiter, im so genannten Ledigenheim, einem Kulturzentrum, sind ein paar Mitglieder des Lohberger Integrationsrates zusammengekommen. Sie tauschen sich über die Initiativen und Präventionsprojekte aus, die sie anbieten, seit sich in Lohberg alles um die Dschihadisten dreht.

Der Ort habe sich in den vergangen Jahren völlig verändert, erzählt Gülsüm Yigit, die stellvertretende Vorsitzende des Rates. "Wir sind enger zusammengerückt. Alle Vereine hier in Lohberg." Das Thema Salafismus werde jetzt offen angesprochen, sagt sie. "Es gibt da ein Problem, und wir müssen uns damit auseinandersetzen. Aber ich denke, wir haben jetzt auch Vieles auf die Beine gestellt."

Präventionsprojekte und Elternarbeit

Zum Beispiel die Anlaufstelle Wegweiser, an die sich Eltern wenden können, deren Kinder sich radikalisieren. Allerdings: Es sei alles andere als einfach, diese Eltern zu erreichen. "Es ist ja nicht leicht zu sagen, mein Kind ist in die Salafismus-Szene abgerutscht, mein Kind ist nach Syrien gegangen", sagt die dreifache Mutter und legt die Stirn in Falten. "Die Eltern, deren Kinder tatsächlich nach Syrien gegangen sind, die halten sich noch sehr bedeckt."

Seit Monaten wird hier über kaum etwas anders gesprochen als die Dschihadisten, erzählt Bahri Haciimamoglu. Der 40-Jährige arbeitet als Sozialpädoge mit Jugendlichen aus schwierigen Familien - und trainiert die C-Jugend im Fußballverein. "Wir müssen mit unserer ehrenamtlichen Arbeit jetzt immer wieder zeigen: Hallo, wir sind nicht die, wir sind nicht die Salafisten, wir sind nicht die Lohberger Brigade."

Das Problem begann mit der Zechenschließung

Lohberg hatte es auch vor dem Skandal um die "Brigade" nicht leicht. Noch vor zehn Jahren haben sie hier alle zusammen auf der Zeche malocht, waren eine Art Schicksalsgemeinschaft. Nachdem die Zeche 2006 dicht gemacht wurde, haben sie versucht, das Beste aus ihrer Bergarbeitersiedlung zu machen - und den Jugendlichen neue Perspektiven aufzuzeigen.

"Früher hatten sie schon Probleme, wenn sie einen Migrationshintergrund hatten, eine Ausbildungsstelle zu finden, heute haben sie noch mehr Probleme", sagt Sozialpädagoge Haciimamoglu. "Wenn der Arbeitgeber liest, der kommt aus Dinslaken: 'Oh', da war die Lohberger Bridage, ich muss mal vorsichtig sein.'"

Umziehen für einen Ausbildungsplatz

Es gebe sogar Jugendliche, die umziehen, damit sie einen Ausbildungsplatz bekommen, erzählt Lohbergs Integrationsrat Erol Tonc. Sie hätten Angst, dass Arbeitgeber sie anhand des Personalausweises benachteiligen würden.

Die Stadt sei für Jahre gebrandmarkt, sagt sein Mitstreiter Haciimanoglu, zuckt resigniert mit den Schultern. Daran werde auch der Prozess gegen Nils D. nicht viel ändern. Dennoch sei es wichtig, ein Exempel zu statuieren. "Auch um zu zeigen, wir als Staat bestrafen Leute, die da hingewandert sind. Wir haben ja alle versagt, dass dieser Mensch da rüberwandern konnte."

Redaktion: Tamara Tischendorf

Stand: 19.01.2016, 14:58

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