"Guter Wille allein reicht nicht“

Junger Mann mit Kopfhörern in Rückenansicht, im Hintergrund unscharf ein goldenes Kreuz.

Studiengang für kirchliche Popmusik

"Guter Wille allein reicht nicht“

Von Ulrike Burgwinkel

Wer in der Kirche Musik macht, ist meist dafür ausgebildet, Orgel zu spielen oder einen klassischen Chor zu leiten. Schlagzeug, Gitarre und Pop-Melodien stehen eher ganz weit hinten auf dem Plan. Die Evangelische Kirche in Westfalen startet zum kommenden Wintersemester den bundesweit ersten Studiengang für kirchliche Pop-Musik.

 "Es ist wirklich nötig, es ist hohe Zeit, dass das gemacht wird", sagt Vicco von Bülow, Landeskirchenrat und Mitinitiator der Popakademie.  "Popularmusik ist die Musik, die unsere Kirchenmitglieder mehrheitlich hören und die sollte dann auch in der Kirche vorkommen und die sollte in der Kirche nicht nur, ich sag mal, handgemacht und mit viel gutem Willen vorkommen, sondern auch mit viel gutem Können und hoher Qualität."

"Pop muss professionell sein"

Bislang werden Kirchenmusiker in erster Linie klassisch ausgebildet, die meisten von ihnen sind Autodidakten, wenn es um Gospel, Jazz oder Pop geht. Durch den neuen Popkantor-Bachelor können einerseits die klassischen Kirchenmusiker entlastet werden von einer möglicherweise nicht unbedingt heißgeliebten Zusatzverpflichtung. Andererseits ist eine Professionalisierung der bisherigen Pop-Arbeit anvisiert. Kirchenmusikdirektor Professor Matthias Nagel vom Landeskirchenamt über die Inhalte des Studienganges:

Eine Hand dreht den Regler eines Mischpults.

Popsong wird anders begleitet als klassischer Choral.

 "Da könnte man die einzelnen Kategorien durchgehen, zum Beispiel im Fach Chorleitung gibt es schon einen Unterschied zwischen der klassischen Chorleitung mit klassischen Dirigierfiguren und der Popchorleitung oder Jazzchorleitung oder Gospelchorleitung, wo es eben drauf ankommt, eher wie ein Leiter einer Bigband, dass man den Groove vermittelt und den Groove in das Ensemble hineinbringt. Das sieht alles so locker aus, als wenn man das mit links machen würde. Das ist gar nicht so einfach, weil wir ja auch vom körperlichen Empfinden her und auch von der gesamten Sozialisierung in der Musik darauf einstellen müssen auf diesen neuen Bereich."

Anstelle der Königin der Instrumente, der Orgel, steht das Piano oder ein Keyboard und die Gitarre oder das Schlagzeug mit auf dem Stundenplan. Das neue geistliche Lied oder ein Worship-Lobpreis-Song wird eben auf eine andere Art und Weise begleitet wie etwa ein klassischer Choral. Mattias Nagel:

"Der Bereich Tonsatz, Gehörbildung muss geändert werden und so sind es eigentlich Auswirkungen auf alle Bereiche und wir sind der Meinung, dass man diese populären Anforderungen nicht mal gerade so unterbringen kann im klasischen Bachelor-Kirchenmusikstudium, sondern dass man dafür durchaus seinen eigenen Bereich braucht."

Matthias Nagel arbeitet praktisch als Popkantor, ist schon immer zweigleisig gefahren mit Band und klassischem Chor, sagt er. Berührungsängste sind ihm ebenso fremd wie das mitunter anzutreffende Naserümpfen der Klassiker, wenn es um U-Musik geht.   

Die Pfeifen einer Orgel in bildfüllender Ansicht.

Pfeift noch nicht aus dem letzten Loch: Die Kircheorgel

 "Wenn ich als klassisch examininierter Kirchenmusiker mit Popleuten zu tun habe, dann werde ich immer ganz klein und ganz stumm und stelle einfach Fragen", erzählt Nagel. "Warum macht Ihr das so? Wie ist das, kannst Du mir das nochmal beschreiben und da brauche ich noch einen Tipp. Und ich habe noch nie erlebt, dass Popmusiker nicht darauf antworten wollen, wenn sie von einem Klassiker ernsthaft unter Würdigung ihrer Popfunktion befragt werden."

Könnte ein Konkurrenzkampf zwischen Pop-und Klassikkantoren um die entsprechenden Stellen in den Gemeinden anstehen? Landeskirchenrat von Bülow beschwichtigt. Die Popleute sollen "20 Prozent Klassik können", also auch einen normalen gemeindlichen Gottesdienst bespielen, umgekehrt sollen die Klassiker auch weiterhin 20 Prozent Pop im Studium haben. Als weitere Option neben der Bachelorausbildung werden Weiterbildungskurse in Kirchenpop angeboten. Zwei Kantoren wird eine Gemeinde sich ohnehin nicht leisten können.

"Geld für Popularmusik kommt oben drauf"

 "Die Finanzierung ist eine erfreuliche Angelegenheit. Wir befinden uns derzeit zum Glück in einer Phase, wo die Kirchensteuern so sind, dass alle entscheidenden Gremien gesagt haben: wir kürzen nicht bei den Ausgaben für die klassische Kirchenmusik, sondern wir legen Geld für die kirchliche Popularmusik oben drauf."

Und damit könnte man ja auch man mehr Leute in die Kirchen locken, das Publikum erweitern. Wobei die Vorliebe für klassische Kirchenmusik oder aber die populäre nicht generationenabhängig sei, sondern milieuspezifisch, so Landeskirchenrat von Bülow.

"Es ist schon so, dass wir eine Milieuerweiterung haben wollen. Wir wollen schon die Milieus stärker ansprechen, die sagen:  ich würde ja gerne in die Kirche gehen, ich hab durchaus was mit Glauben und mit Gott am Hut und das bedeutet mir was, aber die Musik die die da spielen, ist nicht meine. Diese Milieuerweiterung brauchen wir dringend und die wollen wir auch."

Redaktion: Gerald Beyrodt

Stand: 03.01.2016, 09:05