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Grüne Ideen für die Grünröcke

Jäger schaut durchs Fernglas

Landesregierung will Jagdrecht modernisieren

Grüne Ideen für die Grünröcke

Von Stefan Michel

Eine "zeitgemäße Form der Jagd" soll her, die "an ökologischen Prinzipien und dem Tierschutz" ausgerichtet ist. Das haben SPD und Grüne in NRW in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart. Am Runden Tisch im Umweltministerium reden jetzt Naturschützer und Jäger über Streitpunkte.

Das Klima war schon rauer. Im April 2012 mischte sich der Chef des Kölner Versicherungskonzerns Gothaer in den Landtagswahlkampf ein: Vorstandschef Werner Görg forderte die 65.000 Mitglieder des Landesjagdverbandes auf, Geld für eine Kampagne zu spenden, mit der eine Novelle des Jagdgesetzes verhindert werden sollte. Und im Oktober 2012 bliesen vor dem Landtag mehrere Hundert erboste Jäger der rot-grünen Regierung auf Jagdhörnern den Marsch. Jetzt aber sitzen die Jäger am Runden Tisch im Landesumweltministerium. Sie diskutieren mit Naturschützern und Waldbesitzern über die Zukunft ihres Hobbys. Die Kontrahenten sollen, das ist der Auftrag von Umweltminister Johannes Remmel (Grüne), bis Ende 2013 in möglichst vielen Streitpunkten Kompromisse finden.

Jagd auf gefährdete Arten?

Waldschnepfe

Waldschnepfe

In Nordrhein-Westfalen darf auf die seltene Waldschnepfe geschossen werden, die in der Roten Liste als gefährdet eingestuft ist. Der Präsident des Landesjagdverbandes, Ralph Müller-Schallenberg, verteidigt die Schnepfenjagd, an der das Herz vieler Jäger hängt. Denn es sei ja "sehr strittig, ob diese Arten auf der Roten Liste wirklich in dem Grad gefährdet sind, wie sie da ausgewiesen sind." Bei diesem Thema könne es keinen Kompromiss geben, stellt der Landesvorsitzende des BUND, Holger Sticht, dagegen klar, "und wir gehen davon aus, dass die Waldschnepfe von der Liste der jagdbaren Arten gestrichen wird." Dasselbe fordern viele Naturschützer für den Hasen, der zwar landesweit noch nicht als gefährdet gilt, aber vielerorts recht selten geworden ist.

Gezüchtete Vögel für die Jagd aussetzen?

Jagdfasan

Jagdfasan

Ähnlich wie die Jagd auf Schnepfen, liegt vielen Jägern auch die Jagd auf Fasanen am Herzen. Diese Hühnervögel sind sehr wohlschmeckend, dekorativ und leicht zu erlegen. Jägerpräsident Müller-Schallenberg beteuert: "Der Jagdfasan ist eine jagdbare Art wie jede andere Wildart auch!" Eine Besonderheit gibt es allerdings schon: Diese Vögel stammen ursprünglich aus Mittelasien; sie werden bei uns in großen Volieren gezüchtet, den Fasanerien, und anschließend frei gelassen, um sie jagen zu können. Nicht nur Naturschützer Sticht fordert ein Ende dieser Praxis. Auch Hartmut Weigelt, der Vorsitzende des Ökologischen Jagdvereins, möchte die Fasanen-Jagd abschaffen: "Diese Volieren-Vögel haben keinen natürlichen Flucht-Instinkt. Sie fliegen zu tief weg, knallen gegen Bäume. Und werden dann durch den Baum erlegt und nicht durch den Jäger."

Streitfrage Wild-Fütterung

Hartmut Weigelt

Hartmut Weigelt

Im Winter müsse es weiterhin möglich sein, "Wild zu füttern, um es nicht verhungern zu lassen", findet der Jägerpräsident Müller-Schallenberg, das sei "Tierschutz und auch Naturschutz". Auch die Lockfütterung, Kirrung genannt, müsse weiter erlaubt bleiben. Dabei wird eine kleine Menge Mais, erlaubt ist maximal ein Kilo, in der Nähe des Jägerstandes eingegraben, um Wildschweine anzulocken. In der Praxis verfüttern manche Jäger den Mais dann aber nicht kilo- sondern zentnerweise. Umweltminister Remmel bezeichnet das spöttisch als "Tierhaltung im Freien". Und nach Ansicht von Ökojäger Weigelt "gehören Fütterung und Kirrung abgeschafft." Auch für Naturschützer Sticht sind sie "nicht mehr zeitgemäß und auch nicht naturschutzkonform." So würden Tiere durchgefüttert, die "von Natur aus gar nicht überlebt hätten."

Es gibt noch eine Menge anderer Streitfragen: Sollen die Jäger weiter mit giftiger Bleimunition schießen oder nicht? Dürfen sie auch künftig kleine Raubtiere wie Füchse und Marder töten, obwohl es für die keine Verwertung gibt? Dürfen Wildtiere weiterhin mit Fallen gefangen werden – lebendig oder tot? Soll weiter auf herumstreunende Katzen und Hunde geschossen werden? Darf die Jagd in Naturschutzgebieten erlaubt bleiben? Und, und, und …

"In den meisten Dingen kein Kompromiss"

Wenn es nach Umweltminister Remmel geht, dann finden Jäger und Naturschützer viele "Annäherungswerte". Das würde Konfliktstoff aus der öffentlichen Anhörung zum neuen Jagdgesetz nehmen, die Anfang 2014 folgen soll. Doch es gibt nicht einmal Einigkeit darüber, ob Annäherung überhaupt möglich ist. Naturschützer Sticht sieht "in den meisten Dingen keinen Kompromiss" und befürchtet, dass die von Rot-Grün versprochene grundlegende Neuausrichtung der Jagd in vielen Fragen "höchstwahrscheinlich nicht zustande kommen wird." Jägerpräsident Müller-Schallenberg hingegen meint: "Es wird überall Annäherung geben, ganz sicher." Wirklich sicher ist aber nur, dass Ende 2014 das neue Landesjagdgesetz in Kraft treten soll.

Stand: 23.10.2013, 06:00