Europaweit gegen eingeschleppte Schädlinge

Tigermücke

EU-Verordnung soll invasive Arten stoppen

Europaweit gegen eingeschleppte Schädlinge

Von Stefan Michel

Sie reisen als blinde Passagiere mit Schiffen, Flugzeugen und Autos ein. Sie werden als Zierpflanzen oder Haustiere nach Europa gebracht und entkommen dann in die freie Natur. Die meisten eingeschleppten Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen sind zwar völlig harmlos. Einige jedoch bedrohen Natur, Wirtschaft und Gesundheit.

Das bei uns wohl bekannteste Beispiel ist der Riesen-Bärenklau. Einst als Zierpflanze für Gärten und Parks gepriesen, hat er sich vor allem entlang von Bächen und Flüssen ausgebreitet und erstickt die natürliche Vegetation auf hunderten Kilometern Ufer. Die Bekämpfung ist aufwändig und gefährlich, denn der Saft der Pflanzen verursacht Hautverletzungen.

Beifuss-Ambrosie

Löst Asthma aus: Beifuss-Ambrosie

"Invasive Alien Species" – invasive gebietsfremde Arten, so nennt die Europäische Union eingeschleppte Pflanzen und Tiere, die sich hier rasch ausbreiten und dabei wirtschaftlichen Schaden anrichten. Oder einheimische Arten aus ihrem Lebensraum verdrängen. Oder Menschen, Tiere und Pflanzen mit Krankheiten anstecken. Für Jo Hennon von der Europäischen Kommission ist der Riesen-Bärenklau längst nicht das schlimmste Beispiel. Ihm fällt da spontan die Beifuss-Ambrosie ein. "Sie kam mit Vogelfutter-Mischungen hierher und richtet alljährlich großen Schaden in der Landwirtschaft an." Das Acker-Unkraut verdirbt nicht nur viele Getreide-Ernten, es verursacht zugleich bei vielen Menschen schwere allergische Reaktionen wie Asthma.

Prioritäten bei der Bekämpfung

Die EU-Kommission schätzt, dass sich derzeit 12.000 invasive Arten in Europa ausbreiten. Sie hat eine Verordnung auf den Weg gebracht, um die schädlichen Eindringlinge zu bekämpfen. "Wir werden uns auf die problematischsten Arten konzentrieren“, verdeutlicht EU-Sprecher Hennon. „Wir wollen die Arten auflisten, die sich am stärksten  ausbreiten und die höchsten Kosten verursachen, und die wirklich beseitigt werden können." Das EU-Parlament hat der Verordnung bereits zugestimmt, nun ist der Rat der EU-Umweltminister am Zuge.

Blinder Passagier in Autoreifen

Der weltweite Handel mit alten Autoreifen hat ein Insekt nach Europa gebracht, das lebensbedrohliche Krankheiten verbreitet: Mit ihrem Stich kann die Tigermücke Dengue-, Chikungunya- und Westnil-Fieber übertragen. "Auf der Innenseite der Reifen legt die Mücke ihre Eier ab", erklärt Egbert Tannich vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. "Wenn die Reifen dann ausgeladen werden und es regnet, bilden sich im Inneren Pfützen. Jetzt können die Larven schlüpfen" und sich zu Mücken entwickeln.

Die Insekten aus dem tropischen Asien haben sich in Italien bereits flächendeckend verbreitet. Hier gab es auch bereits einen Chikungunya-Ausbruch mit mehreren Hundert Infizierten. In Deutschland ist das Klima wahrscheinlich (noch) zu kühl für eine Massenvermehrung der Mücke. Aber mit dem Klimawandel kann sich das ändern. In jedem Falle gehört die Tigermücke auf die künftige europäische Prioritäten-Liste zur Bekämpfung invasiver Arten.

Geliebter Allee-Baum als Biotop-Killer

blühende Robinie

Schön aber schädlich: Robinie

Wenn es nach dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) geht, muss auch die Robinie auf diese Liste. Der Baum aus Nordamerika wird bei uns immer noch eifrig gepflanzt. Stadtgärtner lieben ihn wegen seiner Unempfindlichkeit gegen Abgase und Streusalz und wegen der prächtigen weißen Blüten-Rispen. Robinien zerstören jedoch einige der seltensten Biotope, hält Magnus Wessel vom BUND dem entgegen, etwa "Magerrasen oder Trockenrasen mit den vielen bedrohten Arten, die dort leben, wie Orchideen."

Diese Lebensgemeinschaften sind auf sehr nährstoffarmen Boden angewiesen. Robinien siedeln sich ohne menschliches Zutun hier an. Die Bäume düngen den Boden mit Stickstoff und zerstören dadurch die Mager-Biotope. Dass die Baumart in Europa nicht mehr auszurotten ist, weiß natürlich auch Naturschützer Wessel. Er fordert aber ein Robinien-Verbot im weiteren Umkreis um die seltenen, streng geschützten Biotope.

Wilde Papageien im Rheinland

Halsbandsittich am Meisenknödel

Milde Winter schonen Halsbandsittiche

Als possierliche Haustiere wurden die Halsbandsittiche aus Nordafrika und Asien nach Europa eingeführt. Einige der knatschgrünen kleinen Papageien entkamen in den 1960-er Jahren aus ihren Käfigen – oder wurden von ihren Besitzern kurz vor dem Urlaub in die Natur "entsorgt". Sie haben sich im gesamten Rheintal ausgebreitet. Schätzungsweise 8.000 sind es heute, und mehr werden es auf mittlere Sicht wohl auch nicht werden. Denn jeder strenge Winter bringt große Verluste. Die Sittiche verdrängen bislang offenbar keine einheimischen Höhlenbrüter, sie gehören somit wohl zu den 90 Prozent der eingeschleppten Arten, die als harmlos einzustufen sind. Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) beobachtet aber vorsichtshalber, wie sich der Bestand der grünen Vögel entwickelt.

Vorbeugend und schnell handeln

Stefan Nehring vom BfN findet an der EU-Verordnung den Vorsorge-Aspekt besonders wichtig. Also: Wenn eine neue invasive Art auftaucht, "so schnell wie möglich die ersten kleinen Bestände beseitigen." Und noch wichtiger: Arten erst gar nicht einwandern lassen, von denen man weiß, dass sie bei uns "massive Probleme bereiten würden." Mit der EU-Verordnung soll die Einfuhr solcher Tiere und Pflanzen verboten werden. Und die unbeabsichtigte Einschleppung möglichst verhindert werden. So könnten Filter die Schad-Organismen im Ballastwasser der Schiffe stoppen. Und mit Schuhputz-Maschinen auf den Flughäfen könnte vermieden werden, dass fremde Lebewesen an den Schuhsohlen der Passagiere nach Europa eingeschleppt werden.

Stand: 02.09.2014, 00:01