"In Madaya war das jetzt der extremste Fall"

Frau aus Madaya nach Ankunft des Hilfskonvois

Hunger als Waffe im Syrien-Krieg

"In Madaya war das jetzt der extremste Fall"

In der belagerten syrischen Stadt Madaya sind nun die lang ersehnte Hilfsgüter angekommen. Hilfsorganisationen schlagen Alarm: Madaya ist kein Einzelfall. Im Morgenecho-Interview spricht eine CARE-Mitarbeiterin über die Situation.

CARE hat als eine der wenigen Hilfsorganisationen noch eine Mitarbeiterin im Krisengebiet. "Sonja" möchte wegen akuter Gefahr für ihr Leben nicht mit ihrem Nachnamen genannt werden. Sie arbeitet im syrischen Grenzgebiet, hat selbst länger in Syrien gelebt. Weil sie fließend arabisch spricht, ist sie für CARE die "Verbindungsfrau" zu lokalen Hilfsorganisationen.

Im Morgenecho spricht "Sonja" über (Hunger-)zustände in den Flüchtlingslagern, logistische Probleme der Helfer und über menschliche Schicksale.

WDR 5: Wie können Sie den Menschen in den belagerten Orten in Syrien helfen? Das ist wahnsinnig gefährlich für alle Hilfsaktionen die dort laufen, oder?

Sonja: Ja, das ist unheimlich gefährlich für die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen vor Ort, die sich eben zwischen den Fronten bewegen. Aus Sicherheitsgründen können wir nicht sagen, wie CARE genau in diese Gebiete gelangt. Aber was ich sagen kann, ist, dass wir unser Möglichstes tun, die Menschen vor Ort mit grundlegenden Hilfsgütern, mit Nahrungsmitteln zu versorgen und wir unterstützen auch längerfristige Projekte wie zum Beispiel landwirtschaftliche Projekte oder Projekte zur Wasserversorgung.

WDR 5: Weiß man überhaupt, wie viele Menschen bereits in Syrien verhungert sind?

Sonja: In Madaya war das jetzt der extremste Fall, dort sind über 50 Menschen an Hunger gestorben, einige noch wenige Tage bevor die Hilfslieferung angekommen ist. Wir haben von einer Familie gehört, die an Mangelernährung gelitten hat: Der Vater und der Sohn waren schon gestorben und die Mutter und die Tochter lagen noch im Koma. Es sind vorher aber auch Dutzende Menschen in anderen Regionen gestorben, zum Beispiel in dem belagerten Palästinenserlager von Jarmuk.

WDR 5: Können Sie uns sagen, warum oder seit wann welche Kriegspartei zu diesen Mitteln greift, also einen Ort zu belagern und die Menschen dort verhungern zu lassen?

Sonja: In Syrien ist Belagerung momentan zu einer Kriegswaffe geworden, Hunger wird als Druckmittel eingesetzt, um die jeweils andere Seite zur Aufgabe zu zwingen. Leider geraten eben immer die zivilen Opfer dort zwischen die Fronten, die einfach in ihren Wohngebieten eingeschlossen werden und die auf keiner Seite des Konfliktes stehen. Es ist sehr wichtig, dass wir diesen Menschen helfen, Zugang zu Nahrungsmitteln zu bekommen. Wir appellieren an alle Kriegsparteien, das internationale Recht einzuhalten und den Zugang zu diesen Gebieten offen zu halten, um den Menschen Zugang zu Hilfsgütern zu ermöglichen.

WDR 5: Das tut auch die UN und ruft jetzt erneut zu Geldspenden auf. Viele Syrer sind in die Nachbarländer geflüchtet, viele auch innerhalb des Landes, wie ist die Situation in den Flüchtlingslagern in Syrien? Welche Hilfe können Sie da geben?

Sonja: In Syrien gibt es kaum Flüchtlingslager, die meisten Menschen kommen in heruntergekommen Häusern unter, unfertigen Bauten, Läden, Garagen und so weiter, oder eben bei Bekannten, Verwandten, weil Zeltlager oft Opfer von Luftangriffen werden. Das heißt, nur in den Grenzgebieten gibt es Zeltlager, da ist CARE auch vor Ort. Aber wir helfen auch der Bevölkerung, die Leute bei sich zu Hause aufnimmt, und den Binnenvertriebenen. Im Moment gibt es über acht Millionen Binnenvertriebene in Syrien und das ist oft auch für die Bevölkerungsteile, die diese Leute aufnehmen, schwierig, weil die meisten Leute in Syrien kein Einkommen mehr haben und sich selbst kaum über Wasser halten können. Die Leute fragen sich einfach, wie sie ihren Kindern ein Essen auf den Tisch bringen können, wie sie überhaupt ihre Familie über Wasser halten können, wie sie ein Dach über dem Kopf finden können und wie sie ihre Kinder ernähren können.

WDR 5: Das heißt, welche Hilfe können Sie konkret geben? Sind Nahrungsmittel das Wichtigste, was Sie den Menschen bringen?

Sonja: Nahrungsmittel sind das Wichtigste und Wasserversorgung ist auch sehr wichtig. Wir arbeiten aber auch viel an landwirtschaftlichen Projekten. Dadurch, dass Gebiete oft eingeschlossen werden, können wir nicht garantieren, wann die nächste Hilfslieferung kommen kann. So wie wir das gerade in Madaya sehen, wo die Hilfsgüter nur für zwei Wochen reichen, die gerade von der UN gebracht wurden. Deshalb versuchen wir eben auch Landwirtschaft zu unterstützen, so dass die Leute auch selber Lebensmittel anbauen können.

WDR 5: Wie gehen die Syrer, die Sie kennen lernen, selber mit dieser Situation, diesem Krieg in ihrem Land um? Wie erleben sie diese Situation, gibt es noch die Hoffnung auf Besserung, auf eine Veränderung?

Sonja: Wir sind immer wieder erstaunt, wie viel Hoffnung die Leute noch haben. CARE-Arbeiter vor Ort erzählen uns immer wieder, dass sie das Land nicht verlassen wollen, dass sie ihren Mitmenschen weiterhin helfen wollen. Diese Leute haben einen unglaublichen Mut und einen unglaublichen Überlebenswillen. Die Leute aus den belagerten Gebieten erzählen uns auch, dass die gute Seite an dieser Erfahrung eben die Solidarität zwischen den Menschen ist. Dass die Leute, wenn sie kaum noch was zu essen haben, den letzten Krumen Brot buchstäblich noch mit anderen teilen und dass da ein unglaublicher Zusammenhalt in der Zivilbevölkerung besteht. Und den versuchen wir natürlich auch aufrecht zu erhalten mit diesen zivilgesellschaftlichen Projekten, die wir unterstützen.

Das Interview führte Judith Schulte-Loh am 14.01.2016 im WDR 5 Morgenecho. Für eine bessere Rezeption weicht die schriftliche Fassung des Interviews an einigen Stellen vom gesendeten Interview ab. Die intendierte Ausrichtung der Fragen und Antworten bleibt dabei unberührt.

Stand: 14.01.2016, 11:36