In der Krise nicht sofort ins Krankenhaus

Jugendliche stützt den Kopf in ihren Händen

Integrierte Versorgung psychisch Kranker

In der Krise nicht sofort ins Krankenhaus

Lange Wartezeiten für einen Platz beim Psychotherapeuten schrecken viele ab, die Hilfe brauchen – bei Burnout oder Depression zum Beispiel. Ein Solinger Projekt bringt die Behandlung schnell zu den Menschen. Und begleitet sie dann auf ihrem Weg.

Menschen in seelischen Krisen brauchen jemanden vor Ort, der für sie da ist. Das sagt Psychotherapeut Nils Greve. Er ist Vorsitzender des psychosozialen Trägervereins in Solingen (PTV): "Jemanden, der für sie alle Hilfe organisiert, der ihnen Unterstützung und auch Entlastung verschaffen kann, wenn sie das brauchen. Und der ihre Angehörigen mit einbezieht. Das ist das, was wir mit der integrierten Versorgung tun."

Weniger stationäre Behandlung, mehr Zufriedenheit

Bei der Techniker Krankenkasse haben sich in Nordrhein-Westfalen inzwischen 850 Personen in das integrierte Versorgungsprogramm eingeschrieben, in ganz Deutschland sind es über 7.000. Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet und ausgewertet, genaue Zahlen über den Erfolg liegen allerdings noch nicht vor. Der Solinger Therapeut Greve rechnet aber damit, dass die Krankenhausbehandlung seltener wird und die Zufriedenheit der Patienten mit diesem Modell steigt: "Dass sie dabei lernen, selbstständiger mit seelischen Krisen und psychischer Erkrankung umzugehen."

Der Therapeut kommt vorbei

Der erste Baustein des Angebots des Solinger Projekts ist das Krisentelefon. Es ist 24 Stunden lang besetzt und dort bietet man den Anrufern an, ihnen schon zu Hause zu helfen. "Hometreatment" nennen das die Fachleute wie Nils Greve: "Die Behandlung kommt zu ihnen, anstatt dass sie zu der Behandlung hingehen müssen." Für viele sei das eine willkommene Entlastung, gerade wenn sie sich immer mehr zu Hause verkrochen haben. Die Therapeuten erhalten dann einen direkten Einblick ins Umfeld der Klienten, lernen vielleicht Angehörige kennen und können sie sofort einbeziehen.

Eltern wollten die Polizeir rufen

Martin Vedder, Pädagoge, Familientherapeut und Leiter der Ambulanz des PTV, erinnert sich besonders an einen Fall. Er wurde von der Mutter eines jungen Mannes angerufen, der sehr aufgeregt und deutlich in einer psychischen Krise war: "Die Eltern wussten sich nicht zu helfen, sie konnten ihn nicht mehr beruhigen, waren drauf und dran, die Polizei zu rufen."

Jugendlicher sitzt auf einer Betontreppe

Gegen das Allein-Gefühl

Bei der Familie zu Hause fragte Vedder den jungen Mann, ob er damit einverstanden ist, ein gemeinsames Gespräch mit ihm und den Eltern zu führen: "Und ich habe mir dann zunächst einmal mir angehört, nacheinander, wie denn die Situation von allen Beteiligten erlebt wird." Das Zuhören habe bereits eine erste Beruhigung gebracht. Vedder bot dem jungen Mann dann an, auch einmal eine Nacht in einem "Krisenbett" des Vereins zu verbringen, falls sich die Situation wieder zuspitzen sollte.

Es ist immer jemand da

Dieses "Krisenbett" steht in einer kleinen Wohngruppe: sechs Zweibettzimmer und ein Büro, wo immer jemand ist, auch nachts. Es gibt dort keine geschlossenen Türen und kaum vorgegebene Regeln. Betroffene können dort auch längere Zeit wohnen und mit Medikamenten versorgt werden. Ein Zwang dazu besteht aber nicht, alles geschieht nur auf eigenen Wunsch. Außerdem können die Klienten regelmäßig ihren Arzt oder Psychiater sprechen.

Terminvergabe direkt am Telefon

Tabelle mit Filzstift und Wecker

Neue Strukturen finden

Beate Schmidt aus Solingen hat nach ihrem Notruf beim Krisentelefon ein anderes Angebot genutzt, um sich in ihrer tiefen Depression und der Panik vor der Zukunft helfen zu lassen: "Noch am gleichen Abend wurde ein Termin mit einer Psychologin gemacht. Da bin ich auch hingegangen, ich hatte Glück, der war innerhalb von drei Wochen." Nach der Diagnose Depression ging sie in eine Tagesklinik: "Ich bin jeden Tag aus dem Haus gegangen, hatte wieder eine Struktur, hatte einen Grund, mich morgens anzuziehen - und konnte einfach zu Hause schlafen."

Krankenkassen machen mit

Rasche Hilfe vor Ort, zahlreiche Angebote und Zusammenarbeit verschiedener Stellen, die bei psychischen Problemen helfen können. Dieses Prinzip hat inzwischen auch einige Krankenkassen überzeugt. Die Techniker Krankenkasse etwa hat schon vor mehreren Jahren einen Vertrag für ein "Netzwerk psychischer Gesundheit" entworfen. Seit 2011 gilt er auch für Nordrhein-Westfalen.

Ulrich Adler, der Leiter des regionalen Vertragswesens der Technikerkrankenkasse in NRW, beschreibt die Motive: "Menschen, die unter psychischen Erkrankungen leiden, haben in einer akuten Krisensituationen keinen Ansprechpartner und gehen deswegen direkt ins Krankenhaus." Da folge zwar eine fachkompetente Betreuung, aber der Behandlungserfolg sei nicht dauerhaft: "30 Prozent der Menschen, die schon einmal im Krankenhaus mit einer Depression oder Schizophrenie waren, kommen immer wieder ins Krankenhaus." Diesen Kreislauf wollte die Krankenkasse durchbrechen.

Kassen sehen klare Zielgruppe

Der Netzwerkvertrag soll Patienten vielfältig gestaffelte Hilfen anbieten, damit sie nur kurz oder vielleicht gar nicht in eine Klinik müssen. Inzwischen wird er auch von der AOK Rheinland/Hamburg, der Kaufmännischen Krankenkasse und einigen Betriebskrankenkassen mitgetragen. "Das richtet sich schwerpunktmäßig an Menschen, die in dem Jahr einmal im Krankenhaus waren oder die bestimmte Antidepressiva nehmen. Und die erhalten von uns die Information, dass es dieses Programm gibt", erklärt Adler. Interessierte können sich aber auch direkt an die beteiligten Krankenkassen wenden.

Psychotherapeut Nils Greve war rasch davon überzeugt, dass dieser Vertrag den Absichten des Solinger Projekts entgegenkommt: "Die Krankenkassen haben uns als Vergütung Jahrespauschalen pro Patient angeboten. Wir müssen nicht bestimmte Leistungen aufeinanderhäufen, um möglichst viel Geld zu bekommen." Stattdessen müsse für die Pauschale das getan werden, was erforderlich ist, damit jemand davon ambulant profitiert.

Autor des Radiobeitrags: Martin Hubert

Stand: 17.03.2014, 11:35