Nicht ausgereift

elektronischer Haushalt

Internet der Dinge

Nicht ausgereift

Von Matthias Finger

Intelligente Geschirrspüler, smarte Backöfen, Kaffeemaschinen im Internet. Ehemals autarke analoge Geräte werden jetzt hemmungslos vernetzt. Auf der IFA stehen bereits Serienmodelle.

Allerdings ist die Kommunikation der Maschinen für Endverbraucher oft schleierhaft. Bei Smart-TVs, beispielsweise, wurden Sicherheitsprobleme mehrfach nachgewiesen. Nur: Kaum einer weiß davon – wie eine nichtrepräsentative Stichprobe im eigenen Schlafzimmer zeigt: "Bist du dir eigentlich bewusst, dass uns Leute über die Kamera in dem Smart-TV jederzeit beobachten könnten?" – "Was? Ne, da war ich mir gar nicht drüber bewusst. Krass." – "Warum?" – "Na vielleicht weil ich hier im Schlafanzug sitze und das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist."

Wir surfen mit Smartfernsehern. Wir streamen Serien und schauen den Tatort zum Mittagessen - Megaglotze statt mickrigem Laptopmonitor. Marcus Niemitz hackt solche Smart-TVs. Als Job. An der Ruhr-Uni Bochum. Indem er heimlich USB-Sticks einschiebt. Oder in ungeschützte WLAN eindringt. Seine selbstgeschriebene App installiert sich automatisch auf den Fernsehern. Die Nutzer merken nichts: "Da  kann man, das war unser Testszenario, Benutzernamen und Passwörter auslesen. Das heißt, wenn man sich bei Diensten einloggt, also Facebook oder Google, dass man den Account entführen oder übernehmen könnte als Angreifer."

Dünnes Eis im Zeitalter der Vernetzung

Autos wurden schon gehakt. Alarmsysteme. Wäschetrockner. Thermostate. Und intelligente Kühlschränke. Dabei sollen die nur automatisch Lebensmittel nachbestellen. Doch jeder Hersteller frickelt an der eigenen Software. Möglichst schnell. Statt auf einheitliche Betriebssysteme mit komplexer Sicherheitsarchitektur zu setzen. Dünnes Eis im Zeitalter der Vernetzung.

"Fernsehhersteller haben Fernseher hergestellt und waren nicht am Internet und waren analog. Und dann hat sich das geändert. Die Fernsehhersteller haben nicht diesen Hintergrund, diese Sicherheit die im PC-Bereich überall gegenwärtig ist." Michele Benjamin promoviert an der TU Berlin. Von der Straße aus kapert er fremde Smart-TV mit gefälschten Fernsehsignalen – über eine DVB-T-Antenne. Ein digitales Inferno ist das für Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter in Schleswig-Holstein: „Das ist ein Eingriff in die soziale Privatsphäre der Familie. Das ist sozusagen der intimste Bereich der Lebensgestaltung. Wenn hier jetzt digitale Werkzeuge eingreifen und ausspionieren können, dann ist es etwas, was die höchste Alarmstufe ansagt.“

Analoge Verteidigung in einer überdigitalisierten Welt

Als User können wir die Sicherheitseinstellungen digitaler Endgeräte kaum ändern. Das Private liegt potentiell offen. Zwangsweise. Tendenz steigend. In fünf Jahren sollen 200 Milliarden Geräte weltweit am Netz hängen. Risikoscheuen Nutzern bereitet das Kopfzerbrechen:  "Ich bin ja jetzt schon überfordert mit meinen ganzen Geräten. Mit meinem PC, den ich immer auf dem Laufenden halten muss, meinem Smartphone, das immer geupdated werden muss. Und das Internet der Dinge wird das ganze sicher potenzieren." Eine einfache Lösung gibt es nicht. Die Nutzer müssen sich selber helfen – auch mit archaischen Mitteln. Bei Smartfernsehern empfehlen Sicherheitsexperten einfach: Kamera abkleben. Als analoge Verteidigung in einer überdigitalisierten Welt.

Redaktion: Benjamin Imort

Stand: 03.09.2015, 11:15