Hochsensibilität - Erkrankung oder Erfindung?

Menschenmenge am Bahnsteig

Wenn die Seele besonders empfindsam ist

Hochsensibilität - Erkrankung oder Erfindung?

Von Susanne Rabsahl

Lärm, ein übler Geruch, ein böses Wort - was an vielen Menschen abprallt, trifft andere ins Mark. Sind sie vielleicht "hochsensibel"? Oder verstecken sich hinter dieser besonderen Empfindsamkeit andere Persönlichkeitsmerkmale? Eine wissenschaftliche Erkundungsreise.

Eine S-Bahn-Fahrt ist für Michael B. eine alltägliche Herausforderung. Die vielen Geräusche, der Duftcocktail aus Rasierwasser, Schweiß und Pommes in der Papiertüte, dazu die Enge und die vielen Menschen. Das alles zu verabeiten, erschöpft den 52-Jährigen mehr als die meisten Menschen. Er ist überzeugt, hochsensibel zu sein - allein das zu wissen, hilft ihm, mit dem Alltag fertig zu werden. Vor drei Jahren stieß seine Lebensgefährtin per Zufall auf das Thema, beide füllten einen Selbstbefragungsbogen im Internet aus. "Für mich ist herausgekommen, dass mich die Hochsensibilität schon mein ganzes Leben lang begleitet", sagt Michael B.

Mit Sinneseindrücken schlicht überflutet

Die Sozialpädagogin Ursula Römer befasst sich seit sieben Jahren intensiv mit dem Thema Hochsensibilität. Ihre Definition des Phänomens: "Das Nervensystem nimmt mehr Reize auf, als es bei Normalsensiblen der Fall ist. Wir haben im Gehirn einen Filter, der heraufiltert, ob eine Information für mich wichtig ist oder nicht. Bei Hochsensiblen ist dieser Filter gröber, das heißt, es kommt mehr ins System hinein", beschreibt sie.

Hochsensible Menschen seien mit Sinneseindrücken schlicht überflutet. Wie belastend das ist, habe Cordula Römer selbst jahrelang durchlebt. Sie habe an sich gezweifelt, sich nicht arbeitsfähig gefühlt. Kein Arzt, kein Medikament, keine Therapie konnte helfen - bis sie auf die amerikanische Psychologin Dr. Elaine Aron und deren Spezialthema Hochsensibilität aufmerksam wurde. Für Cordula Römer eine lebensverändernde Erkenntnis: "Ich konnte mich in diesen Eigenarten besser verstehen und akzeptieren. Es war nichts mehr, das es zu verurteilen gab", erzählt sie.

Als Krankheit oder Diagnose wollen Hochsensible das Phänomen nicht verstanden wissen. Es betreffe schließlich keine Minderheit und sei weltweit in allen Kulturen anzufinden. Cordula Römer spricht von 15 bis 20 Prozent der Weltbevölkerung.

Frau sitzt erschöpft auf dem Sofa

Erschöpft, depressiv - oder hochsensibel?

Allgemein anerkannte wissenschaftliche Belege dafür gibt es ebenso wenig wie diagnostische Verfahren, mit denen herausgefunden werden könnte, wer überhaupt als hochsensibel gilt und wer nicht. Tatsächlich erweist sich die Suche nach handfesten Fakten, Forschungsergebnissen und wissenschaftlichen Erkenntnissen als ausgesprochen schwierig. Der Internetdienst Google meldet weit mehr als  44 Millionen Treffer. Jeden Menschen mit reizoffenem System dürfte die Liste der Angebote erschlagen... es gibt zahlreiche Einträge von Coachs, Beratungsinstituten und Akademien, jede Menge Selbsthilfegruppen und Bücher von selbst Betroffenen, zu denen sich auch die amerikanische Psychologin Dr. Elaine Aron selber zählt, die das Thema Hochsensibilität in den USA bekannt gemacht hat.

Angststörung oder hochsensibel?

Die Nachfrage bei medizinischen und psychologischen Fachverbänden wird meist mit der gleichen nüchternen Antwort abgekürzt: "Ein interessantes Phänomen, aber mir ist nicht bekannt, dass wir uns damit intensiver befassen." Professor Dr. Siegfried Gauggel, der Leiter des Instituts für medizinische Psychologie am Uniklinikum in Aachen, ist schließlich bereit, über seine Definition von Hochsensibilität und die Welt der Wahrnehmungen zu sprechen. Für ihn beginnt die Wahrnehmung nicht erst, indem ein Reiz auf Rezeptoren trifft. Sie sei ein aktiver Prozess, den wir gestalten. Je mehr wir die Wahrnehmung über Aufmerksamkeitslenkung, Steuerung und Vorwissen beeinflussen können, desto mehr können wir auch den Sinneseindruck beeinflussen. Welche Informationen in unser Bewusstsein vordringen, sei außerdem eine Frage des Trainings. Denn sensible Wahrnehmung kann bis zu einem gewissen Punkt auch geübt werden.

Nach Gauggels Defintion von Hochsensibilität treffe diese nur eine kleine Gruppe von rund einem Prozent der Weltbevölkerung. Weder in seiner Praxis als Leiter einer psychotherapeutischen Ambulanz noch in seiner Funktion an der Hochschule spiele das Phänomen eine Rolle. Es gebe kaum richtige Untersuchungen. Folglich gibt es bisher auch kaum diagnostisches Instrumentarium, um sicher zu stellen, dass es sich wirklich um eine hochsensible Person handelt und eben nicht um einen Patienten, der beispielsweise im Zuge einer Angststörung oder einer akuten depressiven Episode besonders dünnhäutig auf Lärm, böse Blicke oder Kommentare anderer reagiert. "Das ist das Gleiche mit Burnout", so Gauggel, "das gibt es aus unserer Sicht überhaupt nicht. Das ist in der Regel eine Depression, es ist nur sozialverträglich."

Wissenschaft solle ihrer Verantwortung nachkommen

Natürlich sei es attraktiver, sich selber als hochsensibel anzusehen, als sich einzugestehen, möglicherweise depressiv zu sein. Noch dazu, wenn es als besondere Begabung und als besonderer Schatz vermarktet werde. Eine allgemein gültige, akzeptierte  Definition und eine klare Eingrenzung des Phänomens gibt es nicht. Ist diese Schublade Hochsensibilität dann nicht verzichtbar? "Auf gar keinen Fall", betont die Diplom-Psychologin Hedi Friedrich. Sie hält die Anerkennung des Phänomens für dringend notwendig. Sie appelliert gar an die Wissenschaft, ihrer Verantwortung nachzukommen und zu erforschen, was sie bisher mit spitzen Fingern anfasse: "Das Problem ist, wenn sich die Wissenschaft nicht damit befasst, befassen sich andere Interessenten damit und dann wird es problematisch und gerät leicht in die Ecke von Unwissenschaftlichkeit", ist Friedrich überzeugt.

Seit zehn Jahren arbeitet Hedi Friedrich als Expertin im Bereich Hochsensibilität, einer aus ihrer Sicht ganz besonderen Begabung, wohl wissend, dass sie noch immer umstrittene Reaktionen erntet. Sie habe schon erlebt, dass Kollegen dies als "reinen Humbuk" abtun.

"Es gibt Kulturen, die Hochsensibilität sehr schätzen"

Hedi Friedrich zweifelt keineswegs daran, dass es bald überzeugende wissenschaftliche Belege für die – wie sie es auch nennt - besondere Wahrnehmungsbegabung gibt. In ausführlichen Anamnesegesprächen versucht sie herauszufinden, ob es bei ihren beispielsweise depressiven Patienten schon in der Kindheit Hinweise auf Hochsensibilität gab. In einem solchen Fall wäre die akute Empfindsamkeit keine Folge sondern die Ursache für psychische Probleme. Diese Erkenntnis entlaste viele Patienten, denn "eigentlich ist es wirklich ein Schatz. Es hat viel mit Kreativität, mit Einfühlungsvermögen zu tun. Und es gibt ja auch Kulturen, die Hochsensibilität sehr schätzen."

Doch so lange sich die Forschung nicht intensiv mit dem Phänomen Hochsensibilität beschäftigt, wird es sich weiterhin in der Grauzone bewegen zwischen wissenschaftlichen Erklärungsversuchen und dem Vorwurf, Hirngespinst oder Modeerscheinung zu sein.

Stand: 28.01.2014, 10:30