Live hören
Leselounge * WDR 5 Lesesommer * Das Beste aus der "Leselounge" * U.a. mit Dietmar Wischmeyer, Stefan Waghubinger und Thomas K...

Mit dem Islam abrechnen?

Hamed Abdel-Samad

Redezeit mit Hamed Abdel-Samad

Mit dem Islam abrechnen?

Als Kind musste er den Koran auswendig lernen, als Jugendlicher schloss er sich den Muslimbrüdern an, heute ist er einer der schärfsten Kritiker des Islam und ein glühender Kämpfer für die Meinungsfreiheit. Er lebt unter Personenschutz.

WDR 5 Neugier genügt - Redezeit | 22.10.2015

Gast: Hamed Abdel-Samad, Politikwissenschaftler; Moderation: Randi Crott © WDR 2015

Der ägyptisch-deutsche Politologe und Publizist Hamed Abdel-Samad sagte in der WDR 5 Redezeit, dass sein Leben "nie mehr in Gefahr war als heute". Seine Gefährdungslage habe sich verändert, seitdem er sein neues Buch "Mohamed - eine Abrechnung" veröffentlicht habe. Er dürfe aufgrund laufender Ermittlungen aber nicht darüber sprechen. Den schon früher gegen ihn ergangenen Mordaufruf, die Fatwa, nannte er abstrakt. "Jetzt wird es konkret", so Abdel-Samad. In seinem täglichen und besonders schriftstellerischen Leben versuche er, "alle Gedanken von Angst zu verdrängen". Er stehe zu dem, was er geschrieben habe und was er sage.

Innerhalb seiner Familie gelinge es nicht immer, die Angst auszublenden. "Mein Leben hat sich eigentlich für immer verändert." Er fahre mit drei gepanzerten Fahrzeugen umher und sei auf der Buchmesse mit einer schusssicheren Weste aufgetreten. Abdel-Samad sagte, er wolle das Feld trotzdem nicht "den Radikalen und Reaktionären" überlassen. "Sondern wir bestimmen, wo die Grenzen liegen. Die Schriftsteller, die Künstler und die Freidenker."

Zur Person

Hamed Abdel-Samad wurde 1972 in der Nähe von Kairo geboren. 1995 kam er nach Deutschland und studierte Politikwissenschaften in Augsburg. 2009 veröffentlichte er die Biographie "Mein Abschied vom Himmel. Aus dem Leben eines Muslims in Deutschland". Es folgten 2010 "Der Untergang der islamischen Welt" und 2011 "Krieg oder Frieden. Die arabische Revolution und die Zukunft des Westens". 2013 erschien sein Buch "Der islamische Faschismus". Als Abdel-Samad im Juni 2013 einen Vortrag in Kairo zu diesem Thema hielt und dabei die These aufstellte, Faschismus sei bereits im Islam begründet, wurde eine offizielle Fatwa über ihn verhängt. Sein aktuelles Buch heißt "Mohamed. Eine Abrechnung".

Geistige Mauer

Hamed Abdel-Samad sagte, die Vorwürfe seiner Verfolger gegen ihn lauteten, er verletze religiöse Gefühle und er beleidige den Propheten Mohamed. Er frage sich jedoch, woher die Unantastbarkeit dieser Person und Figur komme. Man solle sich vorstellen, sein Buch heiße "Jesus - eine Abrechnung" oder "Buddha - eine Abrechnung". Diese Titel seien kein Problem. Er betrachte die Unantastbarkeit von Mohamed und des Koran als ein großes Hindernis, als "eine geistige und politische Mauer zwischen der islamischen Welt und dem Rest der Welt". In seinem Buch versuche er, die Quelle dieser Trennung, die eine "Quelle des Hasses" sei, zu analysieren und zu zeigen, dass die Probleme des Islam "wie die Stellung der Frau oder der Terrorismus" in der "Geschichte von Mohamed zu begründen ist". Sein Buch solle ein Beitrag zur Debatte und zur Diskussion sein.

"Narzisstische Störung Mohameds"

Hamed Abdel-Samad

Mohamed-Bild aufgrund "authentischer Quellen des Islam"

Mohamed, so Abdel-Samad, wuchs ohne Mutter und andere Leitfiguren auf. Deshalb habe er eine "narzisstische Störung" gehabt. Sie habe zu einem hohen Geltungsbedürfnis geführt, so dass er nach "etwas Größerem" gesucht habe. Mohamed habe sowohl gute Taten vollbracht als auch katastrophale. Sowohl friedliche als auch gewälttätige Muslime bezögen sich auf Mohamed. Bestimmte Taten, so der Publizist, disqualifizierten Mohamed aber eindeutig als moralisches Vorbild für unsere Zeit, weil er Ungläubige verdamme. Bei seiner Analyse bezieht sich Abdel-Samad auf die "authentischen Quellen des Islam", wie er sagt; den Koran, die offizielle Mohamed-Biografie, die im Islam anerkannt sei sowie die außerkoranischen Aussagen Mohameds, die sogenannten Hadithe.

IS wurzele in der Kultur des Islam

Im Blick auf die Misshandlungen und Enthauptungen der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) sagte Abdel-Samad in der WDR 5 Redezeit, dass sie den Koran nicht missbrauche, sondern gebrauche. Der IS setze "den Koran so um wie Mohamed den Koran umgesetzt hat." Andere Muslime seien "an der Zivilisation herangewachsen, sie haben eine andere Bildung genossen". Sie seien pragmatisch und "wissen, dass es heute abscheulich ist, wenn man Menschen köpft, wenn man Körperteile verstümmelt. Aber all das steht schon im Koran." Das, was der IS mache, geschehe nicht im luftleeren Raum, es sei erwachsen aus einer "langen Kultur der Gelehrsamkeit, der islamischen Theologie, der Theologie der Gewalt, des Hasses, der Trennung der Welt in Gläubige und Ungläubige."

Der Publizist sagte: "Wenn man die Texte des Koran ernst nimmt, wird man entweder Salafist oder Dschihadist oder man verlässt den Islam oder man wird Islamwissenschaftler" und fange an, zwischen den guten und schlechten Taten Mohameds zu unterscheiden. Er halte den Islam nicht für reformierbar, aber das Denken der Muslime. Man müsse es zulassen, die kanonischen Texte selbst infrage zu stellen.

"Schöne Seiten des Islam"

Der Islamkenner möchte "den Menschen die beiden schönen Seiten des Islam nicht wegnehmen." Damit meint er die "wunderbare spirituelle Seite" und die Soziallehre, die "überall in der islamischen Welt sehr gut funktioniert." Die politisch-juristische Seite des Islam sei jedoch "extrem veraltet" und "faschistoid". Die Muslime müssten wählen und sich von dieser Seite des Islam trennen. Abdel-Samad selbst lehnt es ab, sich positiv oder negativ im Bezug auf eine Religion zu definieren. "Ich bin weder Moslem, noch Ex-Moslem. Ich bin Mensch." Er ergänzte: Wenn man "eine gesunde Beziehung zu seinem Gott hat, dann braucht man das nicht öffentlich zu machen".

Im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise setzt Abdel-Samad auf "Menschlichkeit", wie er sagte. Er hielt einen Vortrag bei der AfD. Diese bezeichnete in der Redezeit als "zugelassene demokratische Partei". Bei der AfD habe er gesagt, dass "Selbstreinigung" wichtig sei: "sich von allen, die unmenschlich und fremdenfeindlich sind, zu reinigen, sonst kann man keine Politik machen."

Literaturhinweis: Hamed Abdel-Samad: Mohamed. Eine Abrechnung
Droemer Verlag, München 2015

Stand: 22.10.2015, 16:05