Wenn man die Ratte kitzelt, dann lacht sie

ARD-Themenwoche "Zum Glück"

Wenn man die Ratte kitzelt, dann lacht sie

Können Säugetiere gute Gefühle haben? Erkenntnisse aus Verhaltensexperimenten und neurowissenschaftlichen Tests sprechen dafür. Spielenden Tieren geht es meistens gut, auch optimistische Schweine und gekraulte Schafe sind in positiver Stimmung.

Im Stall des Schweins 324 werden alle Bewohner persönlich zum Fressen gerufen. Als der Futterautomat einen Dreiklang ertönen lässt, ist das eine Durchsage für 324: Der Futterautomat ist jetzt für dieses Schwein zum Leerfressen bereit. Das angesprochene  Borstentier trottet ohne Hast zur Mahlzeit. Die anderen Schweine im Stall lässt das kalt. Jedes von ihnen hat seinen eigenen Klang, der es zum Fressen ruft. Während früher alle Schweine am Trog darum kämpften, wer als Erster und am meisten bekam, haben sie nun viel weniger Stress.

Doch weil es den Tieren nicht schlecht geht, sind sie nicht automatisch glücklich. Zum Wohlbefinden gehört mehr, erläutert der Münsteraner Zoologieprofessor Norbert Sachser: "Heute würden wahrscheinlich die meisten Verhaltensbiologen zustimmen, dass wir auch bei Tieren, zumindest bei den Säugetieren oder bei Wirbeltieren, so etwas wie positive und negative Gefühle haben." Glück lasse sich nicht wissenschaftlich erfassen. Aber für die Annahme, dass Säugetiere gute Gefühle haben können, gibt es triftige Gründe. "Wir wissen beim Mensch relativ genau, wo Emotionen im Gehirn produziert werden, welche molekularen und zellulären Prozesse, welche Hormone, welche Neurotransmitter daran beteiligt sind. Und da staunt man schon, dass es auch bei der Maus, bei Meerschweinchen, bei Primaten bis in die Details sehr ähnliche Prozesse sind."

Balgende Hunde und springende Meerschweinchen

Bei Säugetierkindern lässt das Spielverhalten Rückschlüsse auf die Gefühlslage zu. Junge Kätzchen, die mit Wollknäuel spielen, Meerschweinchenkinder, die Luftsprünge machen, junge Hunde, die miteinander balgen: All das zeigt Biologen, dass es den Tieren richtig gut geht. "Wir können sicherlich heute zu Recht sagen, dass Tiere, die spielen, in dem Moment auch positive Emotionen erfahren", sagt Sachser.

Es gibt auch Experimente, die Rückschlüsse geben, ob ein Tier positive oder negative Gefühle hat. Bei einer kleinen Herde von Schafen in der Schweiz schlug das Herz der Tiere ruhig und sie schwitzten wenig, wenn sie von ihren Pflegern gekrault wurden. Bei der Trennung von der Herde fühlten sie sich unwohl. Der Herzschlag ging in die Höhe und sie schwitzten viel. Zudem wackelten sie dauernd mit den Ohren. Beim Kraulen hingegen, das sie mochten, hielten sie die Ohren still - ein Zeichen, an dem Schäfer vielleicht in Zukunft ohne große Untersuchungen feststellen können, ob es ihren Schafen gut geht.

Der Optimismustest

Verhaltensbeobachtung, Herzfrequenz messen - das war lange Zeit die einzige Möglichkeit, Hinweise zur Gefühlslage von Tieren zu bekommen. Sandra Düpjan vom Forschungsinstitut für die Biologie landwirtschaftlicher Nutztiere in Dummerstorf bei Rostock kommt den Gefühlen von Tieren noch genauer auf die Spur. Für die Teilnahme an einem Experiment lernten Schweine zunächst, dass in der rechten Ecke eines Raumes ein Trog stand, in dem sie immer Futter fanden. Ein anderes Gefäß war leer. Als die Tiere dies kapiert hatten, stellte Sandra Düpjan den Trog in die Mitte. Einige Schweine gingen trotzdem hin, andere nicht.

Hingehen oder nicht - es war die entscheidende Information, die Düpjan brauchte: "Wenn das Tier bei einer unbekannten Trogposition ganz schnell da hingeht, interpretieren wir das als Optimismus, weil das Tier ganz offensichtlich erwartet hat, dass dieser Trog auch eine Belohnung bereithält. Während ein Tier, das pessimistisch ist, dort gar nicht hingehen würde oder vergleichsweise spät dort hingehen würde." Die Annahme: Ein optimistisches Schwein hat positive Gefühle.

Ähnliche Experimente werden auch mit Ratten gemacht. Am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim hat die Biologin Helene Richter mit Ratten gearbeitet, von denen sie schon erwarten konnte, dass sie mit negativen Gefühlen in die Versuche gingen. Sie stammten nämlich aus einer besonderen Zuchtlinie, die vergleichbare körperliche und biochemische Merkmale aufweisen wie depressive Menschen. Tatsächlich waren die Ratten bei den Tests viel pessimistischer als normale Tiere. Als Richter die Käfige zusätzlich mit Häuschen, Materialien zum Graben und Klettergestellen ausrüstete, bekam dies den depressiven Ratten gut. Umweltanreicherung oder Enrichment nennen Verhaltensbiologen so etwas.

Gekitzelte Ratten müssen lachen

Andere Ratten in einem Labor von Zoologen in Krakau lassen sich ganz einfach in eine gute Stimmung bringen: Es sind zutrauliche Tiere, die sich freiwillig vom Pfleger in die Hand nehmen lassen. Dann kitzelt er sie am Bauch - und sie lachen. Es ist ein ganz charakteristischer Ultraschalllaut, der nur mit technischen Hilfsmitteln hörbar ist. Die Ratten in Krakau haben ganz kurz nach dem Kitzeln den Optimismustest gemacht. Und die lachenden Ratten waren deutlich besser drauf, als ihre ungekitzelten Artgenossen.

Ob Tiere Glück wie wir Menschen erleben, werden wir vermutlich nie erfahren. Aber jetzt ist immerhin klar, dass zum Wohlbefinden von Säugetieren positive Gefühle gehören. Genug Anreiz, sich weiter darum zu bemühen, dass es Tieren in menschlicher Obhut gut geht.

Stand: 19.11.2013, 12:00