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Das giftige Erbe des Ersten Weltkrieges

Soldaten und Pferde mit Gasmasken 1918

Die Spuren der ersten Giftgas-Angriffe

Das giftige Erbe des Ersten Weltkrieges

Von Franziska Fiedler

In Belgien stoßen Bauern auf ihren Feldern auch im 21. Jahrhundert noch auf Giftgas-Granaten aus dem Ersten Weltkrieg. In Hallschlag in der Eifel ist die damalige Munitionsfabrik Espagit bis heute eine Umweltgefahr. Welche Spuren haben die ersten Giftgas-Angriffe der Geschichte hinterlassen?

19. Oktober 1914: Rund um Ypern im flandrischen Teil von Belgien verlassen hunderte Familien ihre Dörfer – mit nur wenigen Habseligkeiten. Denn den Einheimischen hat man gesagt, der Krieg sei schnell vorbei, sie könnten bald wieder zurück. Doch die Front hat sich nahe Ypern festgefahren. Dort liefern sich die Soldaten vorerst die letzten großen Gefechte – dann kommen sie nicht mehr voran, buddeln sich in Schützengräben ein. Es herrscht Stillstand, erklärt Historiker Franky Bostyn, der in Ypern lebt und forscht. "Die Briten und Franzosen auf einer Seite und die Deutschen auf der anderen hatten ungefähr gleich viele Soldaten und die gleiche Ausrüstung. Wie sollten sie so die Gefechtslinie der anderen brechen?", so Bostyn.

Mit den herkömmlichen Waffen ging es nicht weiter

Die Deutschen wollen zur Küste vorstoßen und den Krieg möglichst schnell gewinnen. Mit den herkömmlichen Waffen geht es nicht weiter. Der deutsche Chemiker Fritz Haber schlägt deshalb schon im Dezember 1914 ein anderes Mittel vor: Chlorgas, hochgiftig, es schädigt die Atemwege - bis zum Ersticken. 21. April 1915: Als der Wind nach wochenlangem Warten aus der richtigen Richtung kommt, öffnen die deutschen Soldaten die Chlor-Flaschen. "Eine gelbe Wolke stieg aus den Flaschen auf. Damit hatten die Franzosen nicht gerechnet. Obwohl sie es hätten wissen müssen, es gab Hinweise, aber der Geheimdienst hatte versagt. Das Gas kam, sie mussten husten, sich übergeben, sie starben oder rannten um ihr Leben", beschreibt Franky Bostyn.

Spuren des Massakers sind nicht auf den ersten Blick zu erkennen

Wer heute die Region rund um Ypern bereist, sieht die Spuren dieses Massakers nicht auf den ersten Blick. Rund 100 Jahre später prägen Felder, kleine Straßen und Bauernhöfe das Landschaftsbild. Erst wer genauer hinsieht, entdeckt Bunker, Denkmäler, riesige Soldaten-Friedhöfe - an jeder Ecke. Die Namen der Toten auf den großen unzähligen Gedenktafeln nehmen kein Ende. Die Schlachtfelder von damals ziehen heute jährlich hunderttausende Touristen an.

Jeder rund um Ypern lebt vom Großen Krieg - oder zumindest mit ihm. Auf den Feldern kommen jeden Tag neue Relikte aus Kriegszeiten ans Tageslicht. Braun, verrostet, vermodert. Helme, Flaschen, Rasierpinsel, Messer, eine Fahrradpumpe. Eigentlich ist Dirk Cardoen Landwirt. Inzwischen ist er auch Sammler. Jede Woche findet er auf seinen Feldern neue Überbleibsel - aus einem Leben im Schützengraben. Deshalb betreibt er nebenbei ein kleines Museum. Mindestens einmal die Woche tauchen auch gefährlichere Gegenstände auf: Alte Granaten, Patronen und Gasflaschen. Alle zwar ramponiert, aber eindeutig erkennbar.

Zweimal die Woche kommt der Kampfmittelräumdienst

Familie Cardoen kennt den ganzen alten Kram, legt ihn an die Seite und wartet, bis zwei Mal die Woche der Kampfmittelräumdienst alles einsammelt und ein paar Kilometer weiter sprengt. Etwa jede dritte Munition, die im Ersten Weltkrieg abgefeuert wurde, explodierte nicht - und ist heute weiter aktiv und gefährlich. Die Mitarbeiter vom Kampfmittelräumdienst ermahnen die Bauern fast täglich, die Munition nicht anzufassen. Fünf Prozent der gefundenen Munition enthält Giftgas. Auch deshalb ist Anfassen eigentlich  verboten.

Hallschlag in der Eifel. Eine Gemeinde ganz in der Nähe der belgischen Grenze, friedlich, unberührt. Auch hier trügt der Schein. Auch hier liegt das Erbe des Welkriegs in der Erde vergaben. Während des Krieges stand hier eine der größten Munitionsfabriken in Deutschland, die Espagit. Rund um den Produktionsbereich siedelte sich ein ganzes Dorf an, tausende Menschen lebten von der Arbeit mit den explosiven Stoffen. Bis - kurz nach dem Krieg - die ganze Waffenschmiede in die Luft flog - und niemand hinterher die Trümmer aufräumte.

Eine der größten Altlasten des Ersten Weltkrieges

Erst Mitte der 80er Jahre entdeckte Franz Albert Heinen, ein Journalist des Kölner Stadtanzeigers, eine der größten Altlasten des Ersten Weltkriegs. "Das war für mich gefühlt so, wie das Entdecken einer geheimen Stadt, einer verschwundenen, verschollenen Stadt im Urwald, die teilweise von Grünzeug überwuchert war", erzählt Albert Heinen. "Da wuchsen teilweise keine Bäumchen und kein Unkraut. Da lagen Trümmerteile, Teile von Fertigungsanlagen herum."

Die Dorfbewohner hatten sich bislang nicht viel aus den Ruinen gemacht. Die Kinder der Bauern spielten mit den Sprengstoffresten, ohne genau zu wissen, was das war. Und es kam noch schlimmer: Zwar war in der Espagit kein Giftgas hergestellt worden – doch die Alliierten verbuddelten nach dem Krieg unzählige Giftgasgranaten auf dem Gelände der Fabrik. Der Boden in Hallschlag war seit den 20er-Jahren hochgradig vergiftet. "Ich bin sicher, dass niemand dieses Problem angepackt hat, denn jedem, der hinsah, war eigentlich im ersten Augenblick klar, dass das ein millionenschweres Unterfangen würde", sagt Heinen. Erst Anfang der 90er Jahre rückten ganze Heerscharen von Kampfmittelräumexperten an und versetzten das 500-Einwohner-Dorf in einen Ausnahmezustand.

Giftgas war nie eine entscheidende Waffe in diesem Krieg

Tatsächlich war Giftgas nie eine entscheidende Waffe in diesem Krieg. Die Gasmaske verhinderte das. Umso giftiger die Gase wurden, umso besser wurde auch die Technik.

Die Aufräumarbeiten in Hallschlag dauerten rund 15 Jahre und verschlangen mehr als 50 Millionen Euro. Ein Teilbereich der ehemaligen Fabrik wurde aber nicht umgegraben, der Boden nicht gereinigt. Der Aufwand wäre zu groß gewesen, sagt der Räumdienstexperte Horst Lenz. Außerdem hätten sich durch die Reinigung bislang gebundene Giftstoffe lösen können. Jetzt darf der Bereich nicht mehr betreten werden, das Abwasser wird ständig kontrolliert. Journalist Franz Albert Heinen kritisiert dieses Vorgehen: "Letztlich ist das Problem auf unsere Urenkel verlagert worden, denn niemand kann sagen, ob nicht eines Tages diese Chemie-Bombe doch einmal hochgehen sollte."

Eine noch größere Chemiebombe tickt im niedersächsischen Munster. Im Krieg stand hier eine riesige Produktionsanlage für Giftgas - 60 Prozent aller Kampfstoffe im ersten Weltkrieg stellten die deutschen Forscher hier her. Der Unterschied zu Hallschlag: In Munster wird jedes kleinste Sandkorn von giftigen Stoffen befreit. Und zwar bei der GEKA, der Gesellschaft zur Entsorgung chemischer Kampfstoffe und Rüstungsaltlasten.

Seit 2009 gilt Deutschland als chemiewaffenfrei

In großen Säcken, sogenannten BigBags, lagert die abgetragene Erde in einer riesigen Halle - bis der Gabelstapler kommt. Alles unter höchster Sicherheitsstufe, denn die Stäube sind gefährlich. Die Erde fährt dann in eine Art Waschanlage. Sand und Kies werden unter Zugabe von Chemikalien gereinigt – und können die Anlage sauber wieder verlassen. Der Rest, eine schlammige hochgiftige Masse, wird im Plasmaofen behandelt. Eine normale Verbrennung würde nichts bringen. Erst im Plasmaofen kann der Giftmüll durch chemische Prozesse zu einem Glas eingeschmolzen werden.

Auch alle in Deutschland noch gefundenen Giftgasgranaten werden in Munster unschädlich gemacht. Das Gelände der GEKA ähnelt daher einem Hochsicherheitstrakt, mit versteckten Bunkern, hohen Zäunen und riesigen Fabrikhallen. Nach der Behandlung in einem riesigen Sprengofen bleiben von den alten Geschossen nur noch harmlose Hüllen.

Tatsächlich kommt bei der Geka aber nur noch selten Giftgas-Munition an. Seit 2009 gilt Deutschland als chemiewaffenfrei. Die meisten Funde sind Zufall, wie in Hallschlag. Deshalb konzentriert sich die GEKA inzwischen auf die Reinigung ihrer Böden. Immer wieder dringen in Munster giftige Stoffe aus Weltkriegszeiten ins Grundwasser - trotz aller Kontrollen. Das Gift soll deshalb ganz weg.

"Jeder setzte Gas ein, jeder war schuldig"

Die giftigen Spuren des Ersten Weltkrieges sind heute noch sichtbar. "Wir alle wissen, dass die Deutschen 1915 Giftgas in den Krieg einführten. Aber wenn die Deutschen es nicht getan hätten, dann wären es die Franzosen gewesen, auch sie forschten an der Gaswaffe - darin stimmen die meisten Historiker überein", sagt der Forscher Franky Bostyn. "Am Ende haben die Deutschen und die Alliierten etwa gleich viel Gas benutzt. Und natürlich gab es vorher eigentlich ein Abkommen, die Haager Konvention, in dem alle Länder übereinstimmten, kein Gas zu benutzen. Niemand erwähnte diesen Vertragsbruch, weil jeder Gas einsetzte und weil jeder schuldig war."

Rund 90.000 Soldaten starben zwischen 1914 und 1918 am Einsatz von Giftgas. Ein Bruchteil gemessen an den neun Millionen Soldaten, die diesem Krieg insgesamt zum Opfer fielen. Entschieden haben den Krieg andere Waffen. Umso schlimmer, dass die Terrorwaffe Giftgas auch hundert Jahre später noch eine Rolle spielt. Noch heute räumen wir täglich die Überbleibsel von Chlor, Phosgen, und Senfgas auf. Noch immer versuchen wir Staaten wie Syrien von einem Giftgas-Einsatz abzuhalten, nachdem der erste im Frühling 1915 Geschichte geschrieben hat.

Stand: 07.01.2014, 08:00