Interviews: Unterricht für Flüchtlinge an Schulen in NRW

Portrait von Dorothea Schäfer

Interviews: Unterricht für Flüchtlinge an Schulen in NRW

Kinder und Jugendliche sind schulpflichtig, auch Migranten. Wie gut oder schlecht funktioniert der Unterricht für sie? Im Morgenecho dazu Dorothea Schäfer, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), und Michael Becker-Mrotzek, Direktor am Mercator-Institut.

Interview mit Dorothea Schäfer (Auszüge)

WDR 5: Frau Schäfer, Sie kennen viele Lehrer und Lehrerinnen, die mittendrin im Unterricht mit Flüchtlingen sind. Was erzählen die Ihnen von ihrem Arbeitsalltag?

Dorothea Schäfer: Die Lehrinnen und Lehrer sind sehr engagiert und versuchen, die Situation mit den vielen zugewanderten und geflüchteten Menschen gut zu meistern. Aber sie kommen an ihre Grenzen. Das muss man deutlich sagen. Da reicht der gute Wille oft nicht, wenn bestimmte Bedingungen in den Schulen nicht erfüllt sind.

WDR 5: Worüber will keiner reden, gibt es Tabuthemen? Oder wird alles auf den Tisch gebracht?

Dorothea Schäfer: Es wird schon alles angesprochen, man muss das nicht dramatisieren. Aber man kommt wirklich an die Grenze, wenn nicht genügend Räume da sind, wenn nicht nur maximal zwölf Schülerinenn und Schüler in den internationalen Klassen sind - so wie die GEW das als Maximalzahl sieht -, sondern 15 bis 18, aus ganz unterschiedlichen Altersgruppen, mit unterschiedlichen Herkunftssprachen und nicht alphabetisierte Kinder dabei sind. Dann sagt man: Wie soll ich das noch schaffen? Ich bin nicht dafür ausgebildet, das ist das Eine. Aber ich kann das auch kaum bewältigen. Und alle anderen, die nicht in den internationalen Klassen eingesetzt sind, spüren natürlich auch, dass ihre Klassen sehr viel voller geworden sind. Und große Klassen sind immer schwerer zu unterrrichten, als wenn es weniger Schülerinnen und Schüler sind.

WDR 5: Wenn Sie einen Vorschlag wie den der CDU hören, also die Schulpflicht für Erwachsene bis zum Alter von 25, wodurch man noch mal eine Menge mehr Menschen in diesem Schulsystem unterbringen müsste, sagen Sie dann: Ja, das ist grundsätzlich eine gute Idee. Oder sagen Sie: Wir kriegen das ja jetzt schon kaum hin, wie soll das funktionieren?

Dorothea Schäfer: Es gibt bei vielen Vorschlägen der CSU oder auch der CDU Dinge, die ich nicht unterstützen würde. Aber diese Forderung auf das Recht des Schulbesuchs gegebenenfalls bis zum 25. Lebensjahr hat auch die GEW. Weil wir sagen, es gibt eben viele ältere Jugendliche, die eine Chance bekommen müssen, auch ihren Schulabschluss nachzuholen, weil sie mehrere Jahre auf der Flucht gewesen sind oder im Krieg. Und wenn der Schulbesuch in NRW mit dem 18. Lebensjahr endet, dann werden sie einfach abgeschnitten. Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, wenn sie Ausbildungsplätze bekommen, in unserem dualen Ausbildungssystem beschult zu werden. Aber die Möglichkeit bis zum Alter von 25 müsste geschaffen werden. Weil man alle Potenziale fördern muss. "Bildung kann nicht warten", das ist ein wichtiger Satz.

Interview mit Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek (Auszüge)

Prof. Becker-Mrotzek

Michael Becker-Mrotzek

WDR 5: Herr Becker-Mrotzek, Sie haben in unserem Vorgespräch gesagt, und das hat mich überrascht angesichts der Tatasache, dass die Belastung ziemlich hoch ist für die Schulen, dass die Lehrer eigentlich Lust hätten auf den Unterrricht mit den Flüchtlingen. Wie das denn?

Michael Becker-Mrotzek: Das hängt damit zusammen, dass diese neu zu uns gekommenen Schülerinnen und Schüler in der Regel ausgesprochen motiviert sind, Deutsch zu lernen, überhaupt zu lernen nach den vielen schlimmen Erfahrungen, die sie auf der Flucht gemacht haben.

WDR 5: Aber man kann in den Schulen nicht mit einem Curriculum arbeiten, also mit einer Art Paket, das man anbieten kann, und dann kommt man mit dem Wissen "X" heraus, oder?

Michael Becker-Mrotzek: Das haben wir in diesen Klassen eigentlich nicht. Die Lehrerinnen und Lehrer dieser Klassen müssen in der Regel improvisieren. Es muss sehr stark individualisiert werden und auf die einzelnen Schüler zugeschnitten werden.

WDR 5: Geht das denn personell? Denn wenn ich individueller Unterricht höre, dann weiß ich immer: Das kostet Geld.

Michael Becker-Mrotzek: Das kostet nicht unbedingt Geld, denn diese Klassen, in denen diese Schülerinnen und Schüler parallel unterrichtet werden, die sogenannten Willkommensklassen, haben in der Regel weniger Schüler, etwa 15, vielleicht zurzeit 18. Da sind schon andere Maßnahmen möglich. Aber was die Sache schwierig macht, ist, dass wir eigentlich wenig Unterrichtsmaterial haben. Das hängt damit zusammen, dass in der Vergangenheit immer wieder vergessen wurde, was bereits entwickelt wurde in den 1990er Jahren, als wir auch schon große Zuwanderung hatten. Das versinkt wieder in den Schubladen und wird jedesmal wieder neu erfunden.

WDR 5: Auch vielleicht deswegen, weil Deutschalnd sich politisch nicht zugesteht, ein Einwanderungsland zu sein?

Michael Becker-Mrotzek: Das, glaube ich, ist einer der Gründe. Dass man lange nicht anerkennen wollte, dass wir ein Einwanderungsland sind. Dass wir immer wieder Schülerinnen und Schüler haben, die auch aus dem europäischen Ausland zu uns kommen und ohne Deutschkenntnisse ins Schulsystem integriert werden müssen. Wenn man das anerkennt, dann hätte man die Basisstrukturen, mit denen man auch solche Situationen wie die jetzige besser bewältigen könnte.

WDR 5: In dem Integrationspapier der CDU wurde eine Schulpflicht bis 25 Jahren für Flüchtlinge vorgeschlagen. Da steht jetzt wieder guter Wunsch gegen Machbarkeit. Wie ordnen Sie das ein?

Michael Becker-Mrotzek: Es sind wahrscheinlich fast 300.000 Menschen, die zwischen 16 und 25 Jahren alt sind und im letzten Jahr zu uns gekommen sind. Niemand kennt die Zahlen genau, aber in der Größenordnung könnte das sein. Wenn man für diese eine Schulpflich einführt und zwei Drittel von ihnen haben keine Berufsausbildung, dann sind das sehr große Zahlen. Ob das System das verkraften kann, weiß ich nicht. Ob eine Schulpflicht für volljährige Menschen das richtige Mittel ist, um das Bildungsziel zu erreichen, das müsste man im einzelnen sehen. Grundsätzlich ist es aber richtig, dass man Möglichkeiten schafft, dass diese jungen Menschen ihren Schulabschluss oder ihre Berufsausbildung zu Ende bringen können.

Stand: 16.02.2016, 15:00