Krise im Kreißsaal

Hebamme schiebt ein Babybett

Festangestellte Hebammen

Krise im Kreißsaal

Weil nicht klar ist, ob sie noch eine Haftpflichtversicherung bekommen, ist die Zukunft der freiberuflichen Hebammen ungewiss. Aber auch ihre festangestellten Kolleginnen geraten zunehmend unter Druck. Der Hebammenverband bezeichnet die Zustände in vielen Kliniken als katastrophal.

22 Jahre lang hat Simone Philipsenburg-Benger als Geburtshelferin an drei Kliniken am Niederrhein gearbeitet - bis vor einem Monat: Da hat sie aufgehört. Es wurde der dreifachen Mutter zu viel, die Belastung war zu hoch. Die vielen Überstunden empfand sie als Bedrohung für ihre Gesundheit. Im Klinikalltag rücke die eigentliche Aufgabe der Hebammen - die Geburtshilfe - immer mehr in den Hintergrund, erzählt die 46-Jährige.

Hebammen übernehmen immer mehr Aufgaben

Angestellte Hebammen müssen immer mehr Aufgaben erfüllen, weil die Kliniken am Personal sparen. Der Bedarf ist knapp kalkuliert, bei Krankheit oder Urlaub wird es eng im Dienstplan. Simone Philipsenburg-Benger spricht sogar von Notsituationen: "Ich kann die Frauen nicht ausreichend betreuen. Mir ist es selber schon passiert, dass eine Frau nach einem Kaiserschnitt fast verblutet ist, weil ich nicht ausreichend lange oder in ausreichenden Abständen nach ihr schauen konnte."

Die Hebamme Simone Philipsenburg-Benger

Die Hebamme Simone Philipsenburg-Benger

Kein Einzelfall, sagt der Hebammenverband in Köln. Der Personalmangel in den Kreißsälen treibe gefährliche Blüten. Und das, obwohl sich seit über 20 Jahren am ermittelten Personalbedarf der deutschen Kliniken nichts geändert hat. Seit 1993 gilt: Eine Klinikhebamme begleitet pro Jahr durchschnittlich 118 Geburten. Damals war aber oft noch eine Eins-zu-Eins-Betreuung der Schwangeren möglich, erinnert sich Simone Philipsenburg-Benger: "Das heißt, vom Klingeln an der Kreißsaaltür bis das Kind geboren war, waren die Hebammen für die Frauen da."

Doch das ist längst vorbei: Die Hebammen sind inzwischen nicht mehr nur für die laufenden Geburten und deren Dokumentation zuständig. Sie müssen sich außerdem um die Wartung der Geräte kümmern, Material nachbestellen, bei Untersuchungen assistieren und die Aufnahme der Schwangeren im Kreißsaal organisieren. Das alles zusammen sorgt für eine massive Arbeitsbelastung. Die Folge: Immer mehr Klinikhebammen steigen auf Teilzeit um - oder ganz aus.

Die Kliniken sparen massiv beim Personal

Hebammenschülerin hört Herztöne eines Ungeborenen ab

Unter der Arbeitsbelastung leidet auch die Ausbildung der Nachwuchskräfte

Der Düsseldorfer Gynäkologe Kourosh Taghavi hat jahrelang als Arzt und zuletzt als Chefarzt einer Frauenklinik gearbeitet. Auch er hat Veränderungen beobachtet: "Die Hebammen sind öfter im Dienst, sie müssen sehr viele Dienste und Rufbereitschaften machen. Das führt dann mittelfristig zu einer Überlastung." Und das sei kein Zufall, sagt Taghavi. Die Kliniken haben kaum eine andere Möglichkeit, als die ständig steigenden Kosten bei der Belegschaft einzusparen: Die Löhne steigen ständig, während die Fallpauschalen, die die Krankenversicherung für die Behandlung jedes Patienten zahlen, nicht angehoben werden. "Somit bleibt als einzige Stellschraube nur, die Personalzahl so zu reduzieren, dass unterm Strich eine rote Null steht," sagt Gynäkologe Taghavi.

Der Frauenarzt befürchtet, dass sich der harte Sparkurs im Kreißsaal als Bumerang erweist. Völlig überlastete Geburtshelferinnen könnten sich kaum mehr um die gründliche Schulung der Nachwuchskräfte kümmern. "In den letzten Jahren hat die Ausbildungsqualität erheblich gelitten." Immer mehr Arbeit werde auf den Schultern von Hebammen verteilt, die schlechter ausgebildet seien - während der Qualitätsanspruch der Medizin und der Patientinnen immer weiter steige. "Diese Schere klafft immer weiter auseinander."

Gefordert sei hier die Politik, sagt Kourosh Taghavi. Die Geburtshilfe müsse besser bezahlt, die Fallpauschalen erhöht und die Haftpflicht-Prämien gedeckelt werden. Denn die Haftpflichtversicherung ist nicht nur für die freiberuflichen Hebammen kaum mehr zu bezahlen. Es gibt in NRW bereits einige Kliniken, die wegen der explodierenden Kosten auf die Versicherung verzichten und versuchen, anfallende Schadenersatzforderungen aus eigenen Rücklagen zu begleichen.

Autor des Radiobeitrags ist Martin Höke.

Stand: 05.11.2015, 23:59