Gibt es ein Leben ohne Facebook?

Auge einer Frau in Nahaufnahme mit dem Schriftzug Facebook und Zahlenreihen

Alternative soziale Netzwerke

Gibt es ein Leben ohne Facebook?

Von Nika Bertram

Seit dem US-Bespitzelungs-Skandal wenden sich immer mehr Nutzer von Facebook ab. Nika Bertram hat den Aus- und Umstieg im Selbstversuch gewagt und nach aktuellen Angeboten, Entwicklungen und Chancen für alternative soziale Netzwerke gesucht.

Ein Leben im Netz ohne Facebook erscheint heute für viele unvorstellbar. 2004 wurde das Netzwerk von Harvard-Studenten gegründet - seitdem stiegen die Nutzerzahlen rasant. Facebook traf offenbar einen Nerv, ein Bedürfnis der Menschen. Das Bedürfnis nach einem "sozialen Netzwerk", nach einem digitalen Ort im Netz, an dem sie mit Freunden Kontakt halten, über ihr Leben berichten oder Katzenfotos zeigen können. Facebook wuchs und wuchs - bis Ende 2012 sogar auf eine Milliarde Mitglieder.

Soziales Netzwerk als Überwachungsinstrument

Seit Jahren schon steht Facebook in der Kritik. Datenschützer bezeichnen vor allem Facebooks Umgang mit dem Recht auf Privatsphäre als "respektlos". Mittlerweile reagieren auch die Nutzer selbst skeptischer, manche sogar mit Protesten. Es ist kein Geheimnis, dass Facebook, als kommerzielles Unternehmen, davon lebt, dass es die Daten seiner Nutzer sammelt, analysiert, verkauft. Unklar bleibt jedoch, wer diese Daten kauft und was mit ihnen geschieht. Auf Markus Beckedahl, Gründer des Blogs netzpolitik.org und Digitale Gesellschaft e.V., wirkt das alles sehr bedenklich. "Wir wissen nicht, wer Zugriff auf diese Daten hat", sagt der Aktivist und formuliert damit gleichzeitig seine größte Furcht. "Da gibt es Echtzeit-Verbindungen für US-Sicherheitsbehörden, die einfach mal bei Facebook nachschauen können, mit wem sind wir befreundet, wen lieben wir." Das seien große Gefahren.

Facebook hat ein faktisches Monopol

Das wohl größte Problem dabei: Facebook hat als soziales Netzwerk nahezu eine Monopolstellung erreicht. Außerdem: alle Möglichkeiten und Dienste innerhalb dieses Netzwerkes werden zentral von diesem Konzern verwaltet. Das bedeutet: Facebook entscheidet alles allein - und macht seine eigenen Gesetze. Bei Facebook gelte nicht unser Grundgesetz, sagt Beckedahl. "Bei Facebook gelten die Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Und das bedeutet relative Willkür", sagt Beckedahl. So sei Facebook in der Lage einen Account zu sperren, ohne dass der Betroffene eine rechtliche Handhabe dagegen hätte. Facebook mache seine eigenen Regeln.

Facebook als "Gated Community"

Die Technikphilosophin Leena Simon, die auch bei Digitalcourage e.V. mitarbeitet, bezeichnet Facebook deshalb als "Gated Community", als eingezäunte und bewachte Gemeinde. Das Unternehmen habe sich einen eigenen Raum geschaffen, ein eigenes, abgeschirmtes Netz im Netz, mit eigenen Regeln und Gesetzen. "Es ist eine schöne heile Welt, die da vorgespielt wird", sagt Simon. Das Problem daran: "Ab und zu kommen die Leute  und dürfen in mein Haus rein und die Vorhänge abnehmen oder so. Ein Widerspruchsrecht sei nicht vorgesehen.

Harmloses Plugin sendet Daten an Facebook

Inzwischen ist Facebook auch weit außerhalb seiner Plattform aktiv. Der leuchtend blaue "Gefällt-mir"-Button wird auf unzähligen Webseiten mit eingebaut, als so genanntes Plug-In. Damit kann man Links zu interessanten Webseiten kinderleicht auf der eigenen Facebook-Seite posten, also präsentieren und mit Freunden teilen. Aber: dieses Plug-In sendet auch zurück. So kann Facebook das Surfverhalten seiner Nutzer verfolgen und eine Art "digitales Bewegungs-Profil" erstellen. Clever, findet das Mediensoziologe Jan-Hinrik Schmidt vom Hans-Bredow-Institut, Hamburg. "Mein Bild ist das einer Daten-Krake", sagt er. Die docke sich mit ihren Saugnäpfen an anderen Stellen an. "Jeder Like-Button, der irgendwo eingebettet ist, jede  externe Kommentarfunktion oder jeder Facebook-Chat gibt dem Unternehmen Halt - auch außerhalb des eigenen Angebots.", so Schmidt.

Genug Gründe zu gehen: Warum bleibe ich also?

Es gibt genug Gründe zu gehen, dieses mittelblaue Gefällt-mir-Wunderland zu verlassen. Dennoch zögern viele, fürchte viele, Freunde zu vermissen: die witzigen Anekdoten und Kindergeschichten, Einladungen für Veranstaltungen - das hat alles auch seinen Reiz.

Das Prinzip Facebook, der soziale, kommunikative Aspekt, ist eben grundsätzlich von gesellschaftlichem Wert - und sehr gefragt. Dennoch konnte sich bisher zu Facebook kein ernsthafter Konkurrent etablieren. Markus Beckedahl wundert das nicht. Er fragt: "Hat Facebook nicht schon so eine kritische Masse erreicht, dass es extrem schwierig wird, das Schiff zu verlassen - selbst, wenn es ganz schnell sinkt?"

Google Plus - eine von vielen Alternativen?

Wie Facebook ist auch  Google Plus kommerziell und zentral organisiert. Doch, es gibt viele andere Projekte für alternative, nicht-kommerzielle Plattformen, sagt Markus Beckedahl, "ganz viele kleine, zarte Pflänzchen, die versuchen sowas nachzubauen, wo jeder das installieren kann, um datenschutzfreundlich Herr der eigenen Daten zu sein."

Wo findet man alternative Netzwerke?

Wer den Überblick sucht über aktuelle alternative Netzwerke, der besucht am besten - offline - eine der regelmäßigen Entwickler-Konferenzen wie zum Beispiel der "Digital Backyards" in Berlin oder "Unlike Us" in Amsterdam. Dort können sich Aktivisten, Programmierer und Künstler kennenlernen, austauschen und vernetzen, erklärt Daniel Reusche von "Unlike Us". "Zum Beispiel, waren Leute da von "Lorea", einem sozialen Netzwerk, was in Spanien groß geworden ist, und Entwickler von "Briar", ein Software-Projekt, mit dem Daten sicher in Kriegsgebiete hinein und hinausbefördert werden können."

Das Hauptproblem all dieser Projekte: ihre Namen - Lorea, Friendica, SecuShare - sind völlig unbekannt. Am Bekanntesten wurde bisher Diaspora, vor allem wegen eines erfolgreichen Spendenaufrufs im Netz. Damals, in 2010, konnte das Projekt über 150.000 Euro von Unterstützern einsammeln. Technisch basiert Diaspora auf der Idee, dass die Daten der Nutzer nicht zentral, bei einer großen Firma, gespeichert werden, sondern auf unabhängigen Computer-Servern, so genannten "Pods". So ein Pod könnte auf dem eigenen Computer laufen, bei einem Freund oder dem Anbieter, dem man vertraut. Der Nutzer kann also selbst wählen, was gespeichert und was gelöscht wird. Die große Schwäche, allerdings: sämtliche privaten Daten liegen auf diesem einen Server und werden dort gesammelt - offen und unverschlüsselt. Wie ein Tagebuch, das man einem Freund anvertraut - mit der Bitte, dort niemals hinein zu schauen.

Diaspora –wie Facebook, nur viel einsamer

Obwohl bei Diaspora immerhin 500.000 User angemeldet sind, war der Einstieg dort selbst für Profi-Networkerin Leena Simon eine Herausforderung. "Da hatte ich ein Problem, was auch viele andere geschildert haben: unglaubliche Schwierigkeiten, Kontakte zu finden. Diesen allerersten Kontakt, das hat bei mir nicht (lacht) funktioniert. Und dann saß ich da und konnte es gar nicht weiter ausprobieren."

Friendica – nur für Nerds und Netzaktivisten

Ähnlich wie Diaspora funktioniert auch die alternative Plattform Friendica - mit einem großen Unterschied: hier können Nutzer ihre Kontakte - ihre "Freunde" - aus anderen Netzwerken mitnehmen, sogar aus Facebook. Doch, zugegeben: in alternativen Netzwerken treffen sich bisher fast nur Nerds und Netzaktivisten. Auch hier fehlt die kritische Masse.

Gemeinsame Schnittstellen?

Ein Ansatz, genügend Leute zu finden, die bei einer neuen Plattform mitmachen würden, liegt darin, alle kleineren Netzwerk-Projekte untereinander selbst stärker zu vernetzen. Möglich wäre dies etwa durch offene Standards, Schnittstellen, oder offene Systeme. So könnten die alternativen Netzwerke allgemein mehr Nutzer gewinnen - und so vielleicht tatsächlich eines Tages gegen Facebook konkurrieren. Wenn es egal wäre, welche Plattform der Nutzer wählt, ob Diaspora, Friendica oder Facebook, erklärt Leena Simon. "Dann ist es im Endeffekt so wie bei der E-Mail, wo auch jeder sich seinen eigenen Provider aussuchen kann und man trotzdem alle erreicht, egal, bei welchem Provider sie sind."

Social Swarm als offene Plattform

Das ist die Kernidee von Social Swarm - deutsch für "sozialer Schwarm" - einer jungen, unabhängigen Initiative. Bisher beteiligt sind zum Beispiel die Projekte Retroshare, Lorea oder das bereits vielversprechende SecuShare. Daniel Reusche ist dort  ehrenamtlicher Entwickler. "Wir haben uns gedacht: wir brauchen wirklich ein komplett verteiltes Netzwerk, mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Wir wissen nicht, wem du schreibst, wir haben keinen Zugriff auf deine Daten. Das ist quasi eine Umsetzung des Briefgeheimnisses für das Internet."

Die - komplett neue - Grundstruktur für SecuShare wurde nicht von Hobby-Programmierern entwickelt, sondern von einem Spezialistenteam an der Technischen Universität München. Doch, auch bei SecuShare ist das größte Problem die Finanzierung. Wie bei allen Projekten. Ein Skandal, findet Markus Beckedahl. "Ich kenne eine ganze Menge kreative, junge Entwickler, bei denen scheitert's echt daran, dass sie nicht mal 5.000 Euro oder 10.000 Euro bekommen." Hier müsste doch der Staat helfen, sagt Beckedahl. "Der Staat könnte, zum Beispiel 10 oder 20 Millionen Euro in eine Stiftung für Freie Software und dezentrale Technologien investieren."

Jüngere wenden sich anderen Netzen zu

Doch, vielleicht droht Facebook bald Gefahr von ganz anderer Seite. Ob Twitter, Instagramm oder WhatsApp, besonders die Jüngeren scheinen ihre Alternativen längst anderswo gefunden zu haben. "Facebook da sind die eigenen Eltern, da sind die Erwachsenen, erklärt Mediensoziologe Jan-Hinrik Schmidt. Seine Prognose: "das eigentlich Spannende, das Erkunden von neuen Dingen, das Besetzen von eigenen Räumen, das wird nicht mehr auf Facebook laufen."

Stand: 03.02.2014, 00:00

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