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Der deutsche Dr. House

Bildkombination: Dr. Jürgen Schäfer und Hugh Laurie als Dr. House

Unerkannte Krankheiten

Der deutsche Dr. House

Patienten mit einer seltenen Krankheit werden oft erfolglos von Arzt zu Arzt geschickt. Es sei denn, sie treffen auf Jürgen Schäfer. Der Professor gilt als Dr. House von Marburg - und die gleichnamige US-Serie hat ihm sogar schon mal bei einer Diagnose geholfen.

Erwin Höcks Probleme fingen 2010 an - ganz unauffällig: "Locker, mal mit Knieschmerzen, mit Schulterschmerzen." Erst dachte sich der Kälteanlagenbauer nichts dabei. Aber dann wurden die Schmerzen heftiger und er ging zum Arzt. Und dann zum nächsten. Und zum übernächsten. Denn die Mediziner tappten im Dunkeln. Litt Höck unter Rheuma? Oder war es eine durch Zeckenbisse übertragene Borreliose-Infektion? Der Hausarzt, der mit seinem Latein am Ende war, schickte seinen Patienten in die Reha. Doch die Schmerzen wurden nicht besser. Höck besuchte einen Orthopäden, einen Lungenspezialisten und einen HNO-Arzt. Keiner wusste weiter.

Schließlich ging es Erwin Höck so schlecht, dass er ins Krankenhaus musste. Und da traf er, eher zufällig, auf Professor Jürgen Schäfer. Schäfer ist Kardiologe, Internist, Endokrinologe und Intensiv-Mediziner. Die Medien nennen ihn gerne den deutschen Dr. House. Nach dem Arzt aus der gleichnamigen US-Fernsehserie, der ein Faible hat für komplizierte Fälle und abwegige Diagnosen. Auch Schäfer ist fasziniert von Krankheiten, die sich nur schwer diagnostizieren lassen. Gemeinsam mit anderen Spezialisten hat er am Universitätsklinikum Gießen-Marburg schon viele exotische Fälle gelöst.

Ein Beispiel: Über zwei Jahre hinweg litt eine Patienten unter Magen-Darm-Problemen mit Übelkeit, Erbrechen und Gewichtsverlust. Lange suchten Ärzte nach den Ursachen für ihre Probleme. "Am Schluss kam raus, dass die Frau ein paar Monate früher einen Hund angeschafft hatte. So einen ehemaligen Straßenköter, der dann zum Schoßhund befördert wurde", erzählt Schäfer. Es zeigte sich: Der neue Mitbewohner hatte unerwünschte Untermieter mitgebracht. "Der Hund hatte Lamblien. Das sind Parasiten, die tatsächlich Übelkeit und Erbrechen hervorrufen können. Sowohl beim Hund als auch bei Frauchen oder Herrchen."

Die Fernseh-Fälle sind oft sehr gut recherchiert

Symbolbild: Visite im Krankenhaus

Oft rätseln Ärzte jahrelang, was ein Patient haben könnte.

Schäfer hat viele Folgen "Dr. House" geguckt - zusammen mit seiner Frau, einer Magen-Darm-Spezialistin. Anders als andere Zuschauer wälzte das Ehepaar nach der Sendung oft noch bis Mitternacht Fachbücher: Die beiden Ärzte wollten sehen, ob es die bizarren Krankheiten, mit denen sich der fiktive Kollege herumschlug, wirklich gibt. Fazit: "Es ist kaum zu glauben, aber viele Dinge stimmen. In aller Regel sind die Episoden gut recherchiert. Die setzen es manchmal ein bisschen hanebüchen um - nicht immer ist eine Hirnbiopsie notwendig -, aber es ist natürlich ein Stück weit für Spannung und Entertainment notwendig. Aber die Fälle, die da beschrieben werden, gibt's tatsächlich in der medizinischen Weltliteratur."

Mittlerweile leitet Schäfer an der Marburger Uni ein Seminar, in dem er die Fälle aus der Sendung mit Studenten bespricht. Nur, weil er einen ähnlichen Fall in dem Seminar durchgenommen hatte, konnte er vor einiger Zeit einem schwerkranken Patienten sehr schnell helfen, der nur noch ein sehr schwaches Herz hatte, blind und taub war und Probleme mit Schilddrüse und Magenschleimhaut hatte. Der Grund: Dem Mann war eine Hüftprothese aus Keramik entfernt worden, weil er sie nicht vertrug, und durch ein Implantat aus Metall ersetzt worden. Das ist aber ein Fehler: Scharfe Keramiksplitter von der alten Prothese hatten Metallsplitter von der neuen Prothese abgeschmirgelt. Unter anderem auch Kobalt - und das führte zu einer schweren Vergiftung. Diesen Fall hat Schäfer im renommierten Fachjournal "The Lancet" vorgestellt.

17 Tage leiden für die richtige Diagnose

Klinik

Nötig sind viele Blut-, manchmal auch Gen-Tests.

Aber konnte der deutsche Dr. House auch Erwin Höck helfen? Für den Patienten hing viel davon ab. 17 Tage lang musste er untersucht werden - eine harte Zeit: Denn die Ärzte wollten ihm kein Cortison verschreiben. Das hätte zwar die Symptome gelindert - aber eben auch die Laborwerte verfälscht und die richtige Diagnose möglicherweise verhindert. Höck hatte schlimme Schmerzen, schlich nachts über den Krankenhausflur - aber auch die Nachtschwester blieb hart. Mediziner aus einem halben Dutzend verschiedener Fachrichtungen suchten unterdessen nach den Ursachen für seine Probleme. Schließlich ließen sie einen sehr speziellen Blutwert untersuchen. "Und irgendwann kam einer ins Zimmer gerannt und hat mir mit einer Lampe in die Nase geleuchtet und gesagt: Jawoll, jetzt haben wir's", erinnert sich der Patient. Die Diagnose lautete: Morbus Wegener. Die Autoimmunkrankheit greift unter anderem Organe und Blutgefäße an. Als er ein Medikament bekam, dass die Immunreaktion des Körpers unterbindet, ging es Erwin Höck spürbar besser.

Seltene Krankheiten wie Morbus Wegener bekommen die meisten Ärzte nie zu Gesicht. Viele Patienten irren deshalb jahrelang durch Arztpraxen - oder sie wenden sich an Spezialisten wie die in Marburg. Im Sekretariat von Professor Schäfer stapeln sich die Anfragen inzwischen in Kisten. Allein die Umschläge mit den Hilferufen aus den letzten Wochen füllen einen Einkaufswagen. Im mittlerweile an der Uni gegründeten "Zentrum für Unerkannte Krankheiten" nehmen sich Schäfer und seine Kollegen einmal in der Woche ausgewählte Fälle vor.

Der Marburger "Dr. House" kann nicht alle behandeln

Für Erwin Höck war die Sache noch nicht ganz ausgestanden: Er litt auch nach der Diagnose unter Luftnot. Raucherlunge, sagte ihm ein Arzt. Das stimmte aber wieder nicht - und Höck wanderte ein zweites Mal von Arzt zu Arzt. Auch in diesem Fall konnte man ihm in Marburg helfen: Die Ärzte fanden heraus, dass der Patient unter einem Gendefekt leidet, der dafür sorgt, dass der Körper ein bestimmtes Protein nicht herstellen kann, was zu Schäden an der Lunge führt. Jetzt bekommt Höck einmal pro Woche Eiweiß-Infusionen, damit die Krankheit zumindest aufgehalten wird.

Dr. House wäre zufrieden mit der Arbeit der deutschen Ärzte. Einen Unterschied gibt es aber doch zwischen den beiden: House ist menschlich eine ziemliche Katastrophe. Bei Schäfer ist das anders: Er bedauert, dass er nicht allen Patienten helfen kann. Die große Zahl der ungelösten Fälle raube ihm nachts den Schlaf, sagt er. Aber vielleicht findet der Dr. House aus Marburg ja auch für dieses Problem noch eine Lösung.

Autor des Radiobeitrags ist Jochen Paulus.

Stand: 22.10.2014, 10:00

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