Strom vertreibt Schwermut

Symbolbild: Mann zieht Decke über den Kopf

Hirnstimulation gegen Depression

Strom vertreibt Schwermut

Von Matthis Dierkes (mit Material von Jochen Paulus)

Bei schweren Depressionen helfen manchmal auch die besten Medikamente und Therapien nicht weiter. Ein neues Verfahren kann betroffenen Patienten helfen, wieder Freude zu empfinden – durch feine Elektroden im Gehirn.

Die meisten Depressionen können mit Medikamenten und Psychotherapien behandelt werden. Doch jedem zehnten Patienten helfen sie nicht. Psychiater sprechen von "therapieresistenten" Patienten. Manch einer hat bereits bis zu sechzig Therapien hinter sich, ohne Erfolg. Auch Christof Schäfer (Name geändert) leidet schon seit Jahren unter seiner Krankheit.

 An der Universitätsklinik Bonn versuchen Ärzte, Patienten wie Christof Schäfer von ihren schweren Depressionen zu befreien. Das Team um den Neurochirurgen Volker Coenen und den Psychiatrieprofessor Thomas Schläpfer vertraut dabei auf Strom. Zunächst erfassen die Ärzte das Gehirn des Patienten mit einem Magnetresonanztomographen (MRT) und werten den genauen Aufbau aus.

Elektroden ins Hirn

Ein paar Tage später geht es in den Operationssaal: Neurochirurg Coenen bohrt nun kleine Löcher in die Schädeldecke des Patienten und pflanzt ihm feine Elektroden ein. Sie sollen später das Gehirn elektrisch stimulieren und so die Schwermut des Patienten vertreiben – „tiefe Hirnstimulation“ heißt diese Methode. Das Problem: Die Elektroden müssen exakt an der richtigen Stelle platziert sein, damit die Stimulation auch funktioniert. Volker Coenen muss also genau wissen, wohin er mit den Spitzen der Elektroden zielt.

Ziel: Belohnungszentrum

Forschergruppen in verschiedenen Ländern haben so etwas schon in verschiedenen Hirnregionen versucht und konnten ihren Patienten helfen. Die Bonner Ärzte haben sich deren "Zielpunkte" genauer angesehen und eine Gemeinsamkeit entdeckt: Sie alle liegen in der Nähe eines Nervenbündels im Gehirn, das dabei hilft, Freude zu empfinden. Es ist das mediale Vorderhirnbündel – ein Nervenstrang, der sich bis tief in das Gehirn hineinzieht und Teil des Belohnungszentrums ist. Es ist zwar noch nicht bewiesen, aber für die Forscher spricht einiges dafür, dass die Stimulation genau dieses Nervenbündels Depressionen entgegenwirken kann. Neurochirurg Volker Coenen muss also nicht blind suchen. Das Wissen um die Existenz des Nervenbündels und die MRT-Bilder vom Gehirn des Patienten helfen ihm, den optimalen Punkt für die Stimulation zu finden. Trotzdem: Ohne Ausprobieren geht es nicht. Coenen stimuliert probeweise und wartet auf eine bestimmte Reaktion des Patienten. Wenn dieser etwa den Kopf bewegt, den Arzt anguckt und lächelt, weiß Coenen, dass er richtig liegt.

Stromstärke ungefährlich

Stimulationen des Belohnungszentrums im Gehirn sind nicht ohne Nebenwirkungen. Bei früheren Versuchen mit elektrischen Reizen erlebten manche Menschen Lustgefühle bis hin zum Orgasmus. Man fürchtete, dass daraus eine Sucht entstehen könnte. Bei den Bonner Patienten scheint dieses Risiko allerdings nicht gegeben. Dafür sei die verwendete Stromstärke nicht stark genug, sagt Psychiatrieprofessor Thomas Schläpfer:

Trotzdem ist die Operation für die Patienten nicht ganz einfach. Während die Chirurgen bei der Operation verschiedene Punkte im Gehirn stimulieren, erleben die Patienten Wechselbäder der Gefühle. So erging es auch Christof Schäfer bei seinem Eingriff.

Wie ein Herzschrittmacher

Zum Abschluss der Behandlung wird den Patienten ein sogenannter Neurostimulator in den Bauch eingesetzt, der über eine Leitung unter der Haut mit den Elektroden im Gehirn verbunden ist. Er funktioniert genauso wie ein Herzschrittmacher, der 24 Stunden am Tag mit einer kleinen Spannung eine Stimulation ermöglicht. Von außen sind weder der Stimulator noch die Elektroden sichtbar. Patienten wie Christof Schäfer können das Kabel nur unter ihrer Haut ertasten, merken ansonsten aber nichts von der unsichtbaren Stromquelle.

Bis jetzt haben die Bonner Ärzte nur bei etwa zwei Dutzend schwer depressiven Patienten solche Elektroden zur Gehirnstimulation eingesetzt. Probleme gab es dabei kaum. Nur eine Patientin erlitt während der Operation eine kleine Hirnblutung, weil die Elektrode auf ein Gefäß traf. Besonders gefährlich ist das zwar nicht, in ihrem Fall verhinderte dies aber wahrscheinlich den Erfolg der Operation. Allen anderen Patienten geht es deutlich besser. Sie können wieder Freude empfinden und am Leben teilnehmen.

Alles nur Placebo?

Noch müssen die Forscher prüfen, ob nicht schlicht der Placebo-Effekt hinter der erstaunlichen Erfolgsquote der tiefen Hirnstimulation steckt. Das machen die Bonner, indem sie manchen Patienten die Elektroden zwar einpflanzen, sie aber nach der Operation zunächst nicht einschalten. Wenn das genauso gut wirken sollte, wäre der Placebo-Effekt entscheidend. Doch das halten die Forscher für unwahrscheinlich: Sie halten es für ausgeschlossen, dass allein der Glaube an die Heilung reicht, um Patienten nach Jahren schwerer Depressionen wieder auf die Beine zu helfen. Es spricht also einiges dafür, dass es wirklich der Strom ist, der die Schwermut vertreiben kann.

Redaktion:
Ruth Schulz

Stand: 05.12.2014, 16:05