Iran nach Aufhebung der Sanktionen

Teheran feiert Ende der Sanktionen

Kommentar - Eine neue Chance

Iran nach Aufhebung der Sanktionen

Die Sanktionen werden aufgehoben. Die Führung in Teheran ist so glücklich, dass Präsident Ruhani jetzt sogar schon auf den alten Erzrivalen Saudi-Arabien zugegangen ist. Ein Kommentar von Reinhard Baumgarten über eine mögliche Rückkehr zur Normalität.

Siemens soll das iranische Eisenbahnnetz modernisieren helfen; Mercedes plant wohl die Produktion von Lastwagen im Iran; Herrenknecht will neue Tunnel für die U-Bahn in Teheran graben. BASF, Linde, Eisenmann - viele große und kleine Unternehmen hoffen auf gute Geschäfte im Iran. Nicht nur aus Deutschland. Vielleicht wird's was. Garantieren kann das niemand. Die Lage im Iran ist noch zu unübersichtlich. Präsident Hassan Rohani begrüßt die Aufhebung schmerzhafter Sanktionen. Inneriranische Profiteure und Nutznießer der Krise sind weniger begeistert. Sie können immer noch querschießen - der Sturm auf die saudische Botschaft Anfang Januar ist ein Beleg dafür.

Mit der Aufhebung der Sanktionen bekommt der Iran eine neue Chance. Das Land könnte mit seinem ungeheuren Potential zum wirtschaftlichen Powerhaus im Nahen Osten werden. Wer will das? Donald Trump und andere Rechtsausleger in den USA wollen das nicht. Israel will es nicht. Und vor allem Saudi-Arabien will es nicht. Das ist einer der wesentlichen Gründe dafür, warum deutsche Autofahrer derzeit so billig tanken können. Riad führt Krieg gegen Teheran - einen Wirtschaftskrieg und einen Stellvertreterkrieg. Der Wirtschaftskrieg wird über die Überproduktion von Erdöl ausgetragen. Der Iran soll als Öllieferant klein gehalten werden. Der Stellvertreterkrieg tobt in Syrien, im Jemen, im Irak und möglicherweise auch bald im Libanon. Es geht dabei nicht vorrangig um den alten Konflikt Sunniten gegen Schiiten. Es geht um konkrete weltliche Macht, um die Dominanz der beiden Rivalen im Nahen Osten.

Seit Hassan Rohanis Wahl zum Präsidenten im Sommer 2013 haben sich die Gewichte unmerklich verschoben. Teheran ist langsam aus der Ecke des geächteten Parias herausgekommen. Das ist gut, wenn Leute wie Rohani und dessen Außenminister Zarif die Politik bestimmen. Sie sprechen viel von Versöhnung mit der Welt und von mehr Freiheiten im Innern. Das ist deutlich weniger gut, wenn Hardliner im Iran immer mehr Menschen hinrichten lassen und die Zivilgesellschaft unterdrücken. Der inneriranische Machtkampf ist keineswegs entschieden. Die bevorstehenden Wahlen von Parlament und Expertenrat Ende Februar werden zur Richtungswahl. Der Atomdeal und die Aufhebung von Sanktionen werden die Position des reformwilligen Präsidenten Rohani stärken. Er und seine Leute haben erkannt, in welch kritischer Lage sich ihr Land befindet. Vor allem wirtschaftlich, aber auch gesellschaftlich.

Kann der Iran zum konstruktiven, verlässlichen und stabilisierenden Partner für den Westen im Nahen Osten werden? Das ist noch lange nicht in Sicht. Viele Menschen denken und agieren zwar prowestlich. Doch es gibt einfach zu viele Kräfte in der Islamischen Republik, deren Ausrichtung ausgeprägt antiwestlich ist - zumeist weniger aus ideologischer Überzeugung als aus reinem Profitdenken.

Das Atomabkommen ist ein Testlauf. Die erste Etappe wurde genommen. Es käme einem kleinen Wunder nahe, wenn dieses Abkommen wirklich dazu führen würde, dass der Iran vom destabilisierenden Faktor in der Region zur konstruktiven Kraft bei der Lösung regionaler Probleme würde. Um mit Goethe zu sprechen, dem großen Verehrer persischer Dichtung: Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind. Die größten Wunder, an die Menschen heute Glauben, haben sich im Nahen Osten zugetragen. Vielleicht geschieht ein neues Wunder - dieses Mal in der Islamischen Republik Iran.  

Redaktion: Brigitte Simnacher

Stand: 17.01.2016, 17:06