Hornissen-Art aus Asien eingeschleppt

Asiatische Hornisse

Leibspeise Honigbienen

Hornissen-Art aus Asien eingeschleppt

Von Stefan Michel

Die Imker sind ja Kummer gewöhnt. Da gibt’s das ominöse Bienensterben, verursacht vermutlich durch Pflanzenschutzmittel. Dann ist da die Varoa-Milbe, ein aus Afrika eingeschleppter Bienenschädling. Und jetzt macht sich auch noch ein Bienen-Fresser aus Asien in Europa breit.

Ein dunkles, Fingerglied langes Insekt, Körperende und Beine leuchtend gelb-orange, wühlt in einer rosafarbenen Blüte: Ein hübscher Anblick ist das auf dem Foto in der Verbandszeitschrift des Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Das Foto von September 2014 ist der Erstnachweis der Asiatischen Hornisse (Vespa velutina) in Deutschland. "Honigbienen werden als Beute bevorzugt", bemerkt das Bundesamt für Naturschutz trocken über Vespa velutina, "wodurch die Bestäubungsleistung vermutlich deutlich geringer wird." Ginge es nach dem französischen Imker-Verband UNAF, müssten bei den deutschen Imkern alle Alarmglocken schrillen. Denn im Westen und Süden Frankreichs hat sich die Asiatische Hornisse zu einer echten Bedrohung der Bienen entwickelt.

Vermehrungsfreudige Art

Die eingeschleppte Art ist mit drei Zentimetern in etwa so groß wie die einheimische Hornisse (Vespa crabro). Aber während die hiesige Art keine allzu häufige Erscheinung ist, hat sich die asiatische Verwandte in weiten Teilen Frankreichs als außerordentlich vermehrungsfreudig erwiesen. Ein einziges Velutina-Volk kann 300 Königinnen hervorbringen. Während die Arbeiterinnen im Spätherbst sterben und die gewaltigen Nester schließlich verlassen in den Bäumen hängen, suchen sich die Königinnen Winter-Quartiere – und jede Königin, die den Winter überlebt, gründet im Frühjahr ein neues Volk.

Hornissen-Nest hoch im Baum

Erst wenn das Laub gefallen ist, werden die Nester sichtbar

Vermutlich war es nur eine einzige Königin der Asiatischen Hornisse, die 2004 mit einem Container voller Töpferwaren aus China in Bordeaux eingeschleppt wurde. 2009 entdeckten Insektenforscher der Universität Tours, 350 Kilometer nördlich von Bordeaux, in ihrer Stadt die ersten beiden Nester von Vespa velutina. Zwei Jahre später zählten sie hier bereits 40, und noch zwei Jahre darauf 500 Nester, das sind: rund 3,5 Millionen der fremden Hornissen alleine in der Gegend von Tours. Die Asiatische Hornisse hat Spanien erreicht, Italien, Belgien – wobei es (noch) nicht überall auch eine Massenvermehrung gegeben hat. Und nun ist sie also auch in Deutschland.

"Tausende Bienenvölker verloren"

Das Naturgeschichtliche Nationalmuseum in Paris beschreibt die Jagdtechnik des Eindringlings so: "Der Reihe nach schweben die Arbeiterinnen der Asiatischen Hornisse 30 Zentimeter nah vor den Eingang des Bienenstocks, um die Honigsammlerinnen zu fangen, die zurückkehren. Die Hornisse packt ihre Beute mit den Klauen. Nachdem sie ihr Kopf, Beine, Flügel und Hinterleib abgetrennt hat, formt sie den Rumpf zu einer Kugel, die sie zum Nest trägt, um die Larven zu füttern."

Im Frühjahr sind die Hornissen possierliche Nektar-Sammlerinnen, wie auf dem NABU-Foto. Doch im Sommer wächst das Volk auf bis zu Zehntausend Arbeiterinnen an. Dann ist der Nahrungsbedarf der Kolonie gewaltig, und jetzt greifen sie die Bienenstöcke an, erzählt der bretonische Berufs-Imker Gilles Lanio. "Die Bienenstöcke sind für sie wie eine Speisekammer." Wenn die Hornissen so viele Honigbienen gefressen haben, dass das Volk bereits sehr geschwächt ist, dringen sie zuweilen in den Bienenstock selbst ein, berichtet der französische Imker-Verband UNAF. Dann würden auch Bienenlarven und Honig aufgefressen. Aber auch ohne in den Bienenstock einzudringen, könnten die Hornissen das Bienenvolk vernichten, erklärt Lanio. Weil sie ständig das Einflugloch belauern, setzten sie das Volk unter enormen Stress. "Die Bienen fliegen nicht mehr aus, und die Königin legt keine Eier mehr." Tausende Bienenvölker seien so in Frankreich schon verloren gegangen.

"Panik nicht angebracht"

In Deutschland sehen das Naturschützer wie Bienenforscher eher gelassen. Für das Insekt aus dem tropischen Asien sei es hierzulande wohl doch zu kühl für eine Massenvermehrung, so schätzt das NABU-Expertin Melanie von Orlow ebenso ein wie Christoph Otten vom Fachzentrum Bienen und Imkerei in Mayen. Dass ganze Bienenvölker vernichtet werden, das seien wohl "Einzelfälle", meint von Orlow, und die beträfen Völker, die ohnehin "schwachbrüstig" seien und "ihren Nesteingang nicht richtig verteidigen können." Und Bienenforscher Otten meint: "Panik ist nicht angebracht. Wir müssen das natürlich kritisch begleiten, beobachten." Aber er denke nicht, "dass auf die Imker eine große Gefahr zukommt".

"Im vierten Jahr ist es reichlich spät"

Die deutsche Gelassenheit macht den französischen Imker Lanio fassungslos. "Ich denke, sie können noch drei, vier Jahre gelassen sein, und dann werden sie große, große Probleme haben." Die Invasion der Asiatischen Hornisse beginne immer recht harmlos. "In den ersten beiden Jahren sehen Sie ein, zwei Nester, aber es ist ruhig, keine Angriffe auf Bienenstöcke. Im dritten Jahr beginnen Sie, sich Sorgen zu machen. Ihnen wird erzählt, dass Bienenstöcke angegriffen wurden. Im vierten Jahr werden Sie auf ganzer Front angegriffen. Dann ist es reichlich spät, um noch etwas zu unternehmen."

Forscher arbeiten an Hornissen-Falle

Riesiges Hornissen-Nest

Nester von beeindruckender Größe

Etwas unternehmen – ja, das ist nun auch gar nicht so einfach. Die Nester hängen schwer erreichbar in Baumwipfeln. Die französischen Imker wehren sich mit selbst gebastelten Fallen, abgeschnittenen Plastikflaschen, gefüllt mit einer süßlichen, alkoholischen Flüssigkeit. Darin ersaufen aber nicht nur die Asiatischen Hornissen, sondern auch einheimische Hornissen und Schmetterlinge. Die Forscher in Tours arbeiten an einer Falle, die wirklich nur Asiatische Hornissen fängt – Ende 2015 soll sie verfügbar sein. Doch da ist Naturschützerin von Orlow skeptisch. Bei allen bisherigen Versuchen, solche hoch selektiven Fallen zu entwickeln, seien die Ergebnisse verheerend gewesen.

Stand: 28.01.2015, 16:31

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