Live hören
Profit - Das Wirtschaftsmagazin * Mit Jörg Brunsmann * Flüchtlinge: Ein Jahr nach der Grenzöffnung * Stahlarbeiter demonst...

Stickstoffdioxid-Belastung zu hoch

Abgas kommt aus dem Auspuff eines Autos

EU-Kommission ermahnt Deutschland

Stickstoffdioxid-Belastung zu hoch

Von Matthis Dierkes

Die Grenzwerte für Stickstoffdioxide werden in Deutschland regelmäßig überschritten. Zu oft, findet die EU-Kommission. Sie hat die Bunderegierung dafür ermahnt. Findet diese keine Lösung, droht ein Vertragsverletzungsverfahren.

Was ist Stickstoffdioxid?

Stickstoffdioxid (NO2) ist ein rotbraunes, ätzendes Gas. Es reagiert leicht mit anderen Stoffen und greift viele organische und nichtorganische Materialien an.

Was ist der Unterschied zu Stickstoffmonoxid?

Stickstoffmonoxid (NO) ist farblos, nicht brennbar und weniger giftig als Stickstoffdioxid. Mit Luftsauerstoff und Ozon (O3) reagiert es zu Stickstoffdioxid.

Woher stammen Stickstoffdioxide?

In erster Linie aus KFZ-Abgasen, besonders von Dieselfahrzeugen. Die Jahresmittelwerte der Stickstoffdioxid-Belastung haben Ende der 1990er Jahre abgenommen, seitdem kaum noch. An mehr als der Hälfte der Messstationen an stark befahrenen Straßen lagen die Jahresmittelwerte 2014 über dem gesetzlich festgelegten Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter. Weitere Verursacher sind Feuerungsanlagen für Kohle, Öl, Gas, Holz und Abfälle.

In welchen Gebieten ist die Belastung besonders hoch?

Besonders problematisch ist die Situation an einer Messstation in Stuttgart ("Am Neckartor"). Dort fahren viele Autos und LKW. Die Stadt liegt allerdings in einem Talkessel, in dem die belastete Luft schlecht abziehen kann. In Nordrhein-Westfalen gibt es in Köln, Düsseldorf und Düren Messstationen, die im Jahresmittel eine besonders hohe Stickstoffdioxidbelastung registrieren.

Wie gefährlich sind Stickstoffdioxide für uns?

Für Menschen und Tiere ist insbesondere die reizende Wirkung problematisch. Die Stoffe wirken auf die Schleimhäufe in den Augen und Atmungsorganen. Es kann zu Husten und Atembeschwerden kommen. Bei Menschen, die den Stoffen längere Zeit ausgesetzt sind, wurde eine Zunahme von Herz- und Kreislauferkrankungen beobachtet.

Und für die Natur?

Stickstoffdioxide beschleunigen den Alterungsprozess von Pflanzen und tragen zur Versauerung von Böden bei. Zu viel Stickstoff sorgt nicht zuletzt dafür, dass Algen und andere stickstoffliebende Pflanzen schneller wachsen und damit empfindliche Vegetationen zerstören können.

Mit dem Diesel in die Sackgasse

Ein Kommentar von Martin Gent [WDR Wissenschaftsredaktion]

Mehrfach hat das Umweltbundesamt mit Akribie die "umweltschädlichen Subventionen" in Deutschland zusammengestellt. Aufsummiert wird Umweltverschmutzung Jahr für Jahr mit mindestens 50 Milliarden Euro öffentlich gefördert. Kohleenergie steht in der Liste der Umweltbehörde weit oben, steuerbefreites Flugbenzin und Dieselkraftstoff. Mit mehr als sieben Milliarden Euro werde der Dieselantrieb gepusht. Mit jedem Liter Diesel verzichtete der Staat auf 22 Cent Steuern, die höhere Kfz-Steuer für Dieselautos gleiche das nicht aus.

Doch Dieselautos machen Probleme. Seltener beim Feinstaub, sondern beim Stickstoffdioxid. Seit 1999 gibt es Vorgaben der EU gegen dieses Umweltgift, das zum großen Teil aus den Auspufftöpfen der Dieselfahrzeuge stammt. Doch umgesteuert wurde nicht – im Gegenteil. Der Dieselanteil bei den Neuzulassungen hat sich seit 1999 mehr als verdoppelt! Von den drei Luxus-Marken BMW, Audi und Mercedes haben sogar 60 bis 70 Prozent der Neuwagen einen Dieselmotor unter der Haube.

So wurde eine Steuererleichterung, die für den Straßengüterverkehr gedacht war, zu einem gewaltigen Subventionsprogramm für Luxusautos und Geländewagen, an denen die Automobilindustrie prächtig verdient. Die deutschen Premiumhersteller – und Zulieferer wie Bosch – haben auf den Diesel gesetzt, weil sich damit Größenwachstum und niedrige Verbrauchswerte scheinbar unter einen Hut bringen lassen. Die Rechnung für diese Strategie zahlen wir alle, die unter den gesundheitlichen Folgen der Stickstoffdioxidemissionen leiden, vor allem Allergiker und Kinder.

Der Kunde will es so? - Das ist nur die halbe Wahrheit. Vor drei Jahren gab es einen Steuerreform-Vorstoß der EU-Kommission. Eigentlich müsste die Steuer pro Liter Kraftstoff für Diesel sogar höher sein als für Superbenzin, weil Dieselkraftstoff energiereicher ist und zu höheren CO2-Emissionen führt. Das EU-Vorhaben wurde von der damaligen schwarz-gelben Bundesregierung erfolgreich abgeblockt.

Auch wird mit der Abgasnorm "Euro 6" das Stickstoffdioxidproblem des Diesels nicht gelöst, allenfalls auf dem Papier. Verschiedene seriöse Messungen haben schon ergeben, dass vermeintlich saubere Euro-6-Dieselautos auf der Straße deutlich mehr Stickstoffdioxid in die Luft pusten als auf dem Prüfstand – mitunter wird sogar der zulässige Grenzwert um das Zehnfache überschritten. Auch ein Diesel kann sauber sein, dann wird er aber teuer.

Was wir brauchen sind ehrliche Vorgaben. Und eine Verkehrspolitik, die nur noch wirklich saubere Autos in die Städte lässt. Denn es gibt ein Grundrecht auf saubere Luft – überall.

Redaktion:
Joachim Hecker

Stand: 08.07.2015, 16:05

Weitere Themen