Kann man Blicke erspüren?

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Kann man Blicke erspüren?

Von Marion Theisen

Man läuft über die Straße und hat das Gefühl: Da guckt mich doch jemand an, dreht sich herum – und tatsächlich wird man gerade angeschaut. Als hätte man den bohrenden Blick im Rücken oder im Nacken gespürt. Wirklich?

70 bis 90 Prozent der Menschen geben in Umfragen an, dass sie es merken, wenn jemand sie anschaut. Frauen etwas häufiger, Männer etwas seltener. Und es gibt einige Untersuchungen dazu. Bisher allerdings mit unklarem Ausgang.

Der Schweizer Psychotherapeut Theodor Itten jedenfalls ist fest davon überzeugt, dass man Blicke spüren kann: "Wir wissen nicht wirklich, wie das Phänomen funktioniert, aber die Annahme ist, dass wir verbunden sind mit der Person, die uns anstarrt, und dass wir das einfach wahrnehmen über die körperlichen Sinne."

Bisher ist nichts bewiesen

Matthias Gamer hingegen, Professor für Psychologie an der Uni Würzburg, glaubt nicht an die Möglichkeit, Blicke im Rücken zu spüren. Seine Vermutung: Wir nehmen Geräusche oder Gerüche wahr, die auf die Anwesenheit einer Person hindeuten. Oder wir sehen sie aus den Augenwinkeln: "Das heißt, wenn sich da irgendetwas bewegt, dann kann man das vielleicht tatsächlich nicht bewusst sehen, aber man spürt, dass da was ist, und man wendet den Kopf und dann steht da vielleicht wirklich jemand und guckt uns an. Das sind solche Fälle auch, die man besser im Gedächtnis behält, weil die unsere Theorie bestärken."

Selektive Wahrnehmung

Wenn keiner guckt, vergisst man den Vorfall schnell wieder. Die selektive Wahrnehmung gaukelt uns also vor, dass wir den Blick gespürt haben. Es kann natürlich auch sein, dass uns ein Mensch nur deshalb anschaut, weil er unser Herumdrehen bemerkt hat, aus einem Reflex heraus. Und wir denken dann, er habe schon die ganze Zeit geguckt, so Matthias Gamer: "All diese Dinge tragen dazu bei, dass man so ein subjektives Empfinden hat, dass ein solches Phänomen existiert, aber das lässt sich wissenschaftlich nicht begründen."

Groß angelegte Untersuchung

Der Brite Rupert Sheldrake hat, um dem Phänomen auf die Spur zu kommen, weit mehr als 10.000 Menschen auf die Probe gestellt. Mit eindeutigem Ergebnis, findet Theodor Itten: "Eine Person wird von hinten angeschaut, mit Zufallsprinzip: Wann schau ich aus dem Fenster und wann schau ich auf den Rücken? Und die vordere Person muss sagen: Wird sie jetzt angeschaut oder wird sie nicht angeschaut. Die haben immer gesehen, dass es signifikant ist: Also 55 Prozent der Personen, die angestarrt wurden, haben das gemerkt."

Seine Erklärung: So genannte morphogenetische Felder. Sie schaffen, sagt auch Rupert Sheldrake, eine Zeit und Raum übergreifende Verbindung zwischen Menschen und Dingen. "Das ist eine Grundidee, die auch schon da war im 19. Jahrhundert, dass wir immer schon verbunden sind mit anderen Wesen. Nicht nur innerhalb des Körpers, sondern auch außerhalb im sozialen Raum."

Viele zweifeln an den Ergebnissen

Die Ergebnisse der Studien Sheldrakes konnten andere Wissenschaftler allerdings bisher nicht verifizieren. Auch weil der zwischendurch die Versuchsanordnung verändert hatte. Standen die Probanden in der ersten Zeit noch im gleichen Raum, waren sie später durch eine Glasscheibe getrennt. Die Trefferquote sank. Matthias Gamer legt sich fest: Blicke kann man nicht spüren. Aber: Der Mensch hat andere großartige Fähigkeiten: "Wir sind sehr gut darin, den Blickkontakt anderer Menschen einzuschätzen, und wir sind sehr gut darin, auch bestehenden Blickkontakt zu sehen. Es gibt Experimente, wo Menschen tausend verschiedene Dinge machen und trotzdem noch in einer solchen Situation merken, wenn – aber in ihrem Sichtfeld – sichtbarer Blickkontakt hergestellt wird." Für einen endgültigen und wissenschaftlich erbrachten Beweis, dass man Blicke spüren kann, hat die James Randi Educational Foundation eine Million Dollar ausgelobt. Bis jetzt hat sie keiner bekommen.

Redaktion:
Martin Gent

Stand: 16.04.2015, 16:05