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Hatice Kamer: Die Erinnerungen sind zerstört

Hatice Kamer: Die Erinnerungen sind zerstört

"Die meisten Menschen, denen ich begegne, sind sprachlos. Sie starren auf die Abrissbirnen und die Leere, die sie hinterlassen, und stellen immer wieder dieselbe Frage: 'War die Altstadt Sur ein Traum, oder haben wir tatsächlich dort gelebt?' Den ehemaligen Einwohnern der Altstadt erscheint ihr Dasein wie ein unendlicher Alptraum."

Hatice Kamer, 39 Jahre. Gehört zu den letzten Journalisten, die noch aus den kurdischen Gebieten berichten. Wird von türkischen Medien nicht mehr beschäftigt, für sie ist die Kurdenregion ist eine No-Reporting-Area geworden. Die türkische Bevölkerung erfährt die Wirklichkeit über den Ausnahmezustand in Diyarbakir und Umgebung nicht mehr.

14. Dezember 2016

Vor genau einem Jahr, an einem kalten Tag im Dezember, wurde in Diyarbakir der Ausnahmezustand verkündet. In drei Vierteln im Bezirk Sur, innerhalb der alten Stadtmauern, dauert er heute noch an. So wurde die Ausnahme bei uns zur Regel. Sie hat unseren gesamten Alltag verändert.

Junge, bewaffnete Kurden, die sich "Volksverteidigungseinheiten" nannten, haben in den ersten sechs Monaten des Ausnahmezustands gegen die Polizei und Armee gekämpft. Der Innenstadt Bezirk Sur hat insgesamt 15 Nachbarschaften. Die Gefechte fanden meist rechts von der großen Allee Gazi statt, die die Stadt in zwei Hälften teilt.

Bomben, Raketen, nächtelang andauernde Schusswechsel. Über 40.000 Einwohner hielten es nicht länger aus und zogen fort. Ein beträchtlicher Teil von ihnen wurde auch zum Auszug gezwungen. Zehntausende verließen ihr Zuhause mit dem, was sie anhatten – und mit der Hoffnung, bald wieder nach Hause zurückkehren zu können.

Halbseitig gelähmt

Der Stadtteil war früher das pulsierende Herz unserer Metropole. Mit den engen Gassen und historischen Gebäuden, dem bunten, lebendigen Treiben auf den Straßen. Für uns Journalisten eine Fundgrube: Auf der Suche nach Nachrichten und schönen Reportagen wurde man in Sur ganz schnell fündig. Sur war wie die Lebensader unserer Stadt. Jetzt sind wir halbseitig gelähmt. Und keiner kann sagen, ob wir jemals wieder genesen werden.

Wie viele Menschen haben in Sur bei den Gefechten ihr Leben verloren? Das weiß niemand. Weder der Staat noch die kurdische PKK geben die genauen Zahlen bekannt. Was wir mit Gewissheit sagen können ist, dass viele, sehr viele Menschen dabei gestorben sind. Kurdische Militante, Soldaten, Polizeibeamte und Zivilisten.

Amnesty International veröffentlichte kürzlich in Diyarbakir einen Bericht zu den Ereignissen von Sur. Es würde viel zu lang dauern, daraus zu zitieren. Fest steht, dass 40.000 Menschen durch diesen Krieg auf die eine oder andere Weise geschädigt wurden.

Wieder sind die Dächer voll

Die Dächer bieten uns nach wie vor den besten Überblick. Auch an dem Tag, an dem Amnesty seinen Bericht bekannt gab, stieg ich auf ein höheres Gebäude, um die Abrissarbeiten in Sur zu verfolgen. Wie vor Wochen war das Dach auch dieses Mal voll mit Menschen, die verzweifelt den Bauarbeitern hinter den Planen zuschauten.

Eine 65-jährige Frau namens Azize zeigte auf ein Haus an einer Ecke, das noch ganz intakt aussah. Sie erzählte, dass sie eigentlich in dem vierten Stock dieses Hauses eine Wohnung besaß, aber seit einem Jahr woanders zur Miete wohnte. "Unser Haus ist überhaupt nicht beschädigt, aber sie wollen es trotzdem abreißen", beklagte sie sich, "wir können nichts Anderes tun, als das schweigend hinzunehmen. Unsere Angst ist einfach zu groß. Gott soll diese Ungerechtigkeit nicht unbestraft lassen!“ 

Ich steige auf das Dach eines anderen Wohnhauses. Der Ausblick ist wirklich katastrophal. Die engen, historischen Gassen sind vollkommen zerstört. Weder die neuen Wohnhäuser noch die Jahrhunderte alten Bauten sind stehen geblieben. In der Altstadt ist das Leben zum Erliegen gekommen. Die Erinnerungen von 40.000 Menschen an ihre Kindheit, an ihr ganzes Freud und Leid, alles weg.  

"Haben wir tatsächlich dort gelebt?"

Die meisten Menschen, denen ich begegne, sind sprachlos. Sie starren auf die Abrissbirnen und die Leere, die sie hinterlassen, und stellen immer wieder dieselbe Frage: "War die Altstadt Sur ein Traum, oder haben wir tatsächlich dort gelebt?“ Den ehemaligen Einwohnern der Altstadt erscheint ihr Dasein wie ein unendlicher Alptraum. "Wir haben Freunde und Verwandte verloren, unser ganzes Hab und Gut ist weg. Jetzt kommt die bittere Armut auf uns zu.“

"Sur war mein Leben“, sagt  Nazmiye Sen. "Meine Kindheit habe ich hier verbracht, ich habe hier geheiratet, meine Kinder zur Welt gebracht … unsere kleinen, täglichen Freuden …" Bis zum Oktober letzten Jahres hat sie in dem Viertel Hasırlı gewohnt. Es war ein typischer Altbau mit einem Stockwerk und einem schönen, breiten Innenhof. Mit ihrem Mann und ihren drei Kindern war sie dort glücklich.

"Sie haben mir mein Zuhause geraubt", sagt sie. "Dazu brauchten sie keine schweren Baumaschinen. Die Polizisten schossen aus ihren gepanzerten Wagen und trafen meine Tochter Helin Hasret am Kopf. In dem Moment war mein zuhause einfach weg“.

Helin starb vor den Augen ihrer Mutter

Innerhalb der alten Stadtmauern von Diyarbakir hat die Regierung nach August 2015 viele Male Ausgangssperren verhängt. Beim Verbot Anfang Oktober kam es zu dem traurigen Zwischenfall. Die Ausgangssperre dauerte schon über eine Woche. Ein kleines Mädchen wurde auf der Straße beim Brotholen von Polizisten angeschossen - und getötet.

Das Mädchen hieß Helin Hasret Şen. Sie war die Erstgeborene des Paares Ekrem und Nazmiye und hatte am 21. Juli ihren 13. Geburtstag gefeiert. Wie ihre Mutter und die Augenzeugen erzählen, hatte man zuhause nichts mehr zu essen. Helin ging in Begleitung ihrer Mutter und ihrer Tante zum kleinen Lebensmittelladen um die Ecke, um Brot zu kaufen. Noch vor dem Laden wurde sie durch Schüsse aus einem gepanzerten Wagen getroffen. Sie starb auf der Stelle. Vor den Augen ihrer Mutter.

Nazmiye erinnert daran, dass nach ihrer Tochter auch andere Kinder getötet wurden. Im Schmerz sei sie nicht allein. "Bei jedem neuen getöteten Kind habe ich das Leid erneut gespürt – als ob meine Helin immer aufs Neue getroffen wäre. Wie mir ergeht es vielen Müttern. Aber weißt du, die Nachricht von getöteten Zivilisten, von Kindern, war nichts wert. Kein Fernsehkanal hat über sie berichtet. Es sind keine Journalisten gekommen, um über unser Leid zu schreiben.“

Nach Helins Tod brachte sie es nicht über ihr Herz, wieder zuhause einzuziehen. Sie schlief eine Zeitlang bei ihrer eigenen Mutter. Nachdem die lange Ausgangssperre aufgehoben wurde, ging sie nie mehr zurück. "Aber ich musste mich wieder aufraffen“, sagt sie, "für meine anderen beiden Kinder.“ Das Gebäude der Grundschule ihres 12-jährigen Sohnes Kadir brannte nieder. Wegen der Ausgangssperre konnte der Junge ohnehin lange nicht raus. Sowohl der Tod seiner Schwester als auch der Verlust seiner alten Schule haben ihn mitgenommen. Er verließ die Schule  in der  7. Klasse. Wie Kadir geht es vielen Kindern in Sur. Das Recht auf Bildung ist ihnen genommen.

Die Hoffnung auf Rückkehr wird begraben

Nazmiye musste eine lange Therapie durchlaufen. Wie viele andere glaubt auch sie, dass sie kaum Chancen auf eine Rückkehr nach Sur hat. "Nach dem Wiederaufbau soll Sur dem spanischen Toledo ähneln", sagt sie bitter. "Wir wollen kein Toledo, sondern unsere eigene Altstadt zurück. Keiner soll uns das Blaue vom Himmel versprechen. Wenn aus Sur Toledo wird, werden doch nur die Reichen hier einziehen. Ich will mein altes Haus zurück. Ich will die Straßen meiner Kindheit, das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, mein Viertel, mein Haus, wo ich Hochzeit gefeiert und meine Kinder zur Welt gebracht habe, ich will meine Erinnerungen zurück haben. Ich habe nicht nur ein Haus, sondern mein ganzes Leben, meine Erinnerungen verloren.“ Sie hält einen Moment inne. "Vor allem habe ich meine Tochter verloren. Auch wenn die Ausgangssperre aufgehoben wird, habe ich keine Straße mehr, auf der ich je wieder fröhlich spazieren gehen kann.“

Sogar nach einem Jahr dürfen wir Journalisten nirgendwo ohne die Erlaubnis des Gouverneurs filmen. Alle Straßen zur gesperrten Altstadt sind mit Betonblöcken zugemauert. Abrissmaschinen sind dabei, alles, auch die wenig beschädigten Häuser, aus dem Weg zu räumen.

Mit jedem abgerissenen Bau und jedem neuen Schutthaufen werden auch die Hoffnungen der Menschen auf eine Rückkehr begraben. Was wir heute von den Dächern aus sehen, bestätigt nur die dunkle Vorahnung der Einwohner von Sur: Es wird niemals so sein, wie es einmal war.

Hatice Kamer: Die Erinnerungen sind zerstört

WDR 3 Türkei unzensiert | 15.12.2016 | 12:52 Min.

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7. Dezember 2016: Die schweigende Mehrheit

“Nur unser Haus ist noch nicht enteignet und unter Zwangsverwaltung gestellt!“ ruft mir eine Frau in Diyarbakir vom Fenster aus zu. "Ich habe Angst rauszugehen. Was ist, wenn sie in meiner Abwesenheit die Haustür verplomben?!“ Lassen wir ihren Namen aus dem Spiel. Im kurdischen Südosten der Türkei herrscht verschärfter Ausnahmezustand mit Verboten und Verhaftungen. Die Menschen sind eingeschüchtert. 

Auf den Putschversuch am 15. Juli folgte eine Reihe von staatliche Maßnahmen, die der Bevölkerung das Leben noch schwerer machen. Allerdings müssen wir feststellen: Sie provozieren merkwürdigerweise keine wirklichen Proteste. Das hat einen einfachen Grund: Jede Gegenwehr der Bevölkerung gilt als Beweis für die Mitgliedschaft in einer Terrororganisation – entweder in der verbotenen islamischen Gülen-Bewegung oder in der bewaffneten PKK. Terrorist zu sein oder Terror zu unterstützen sind schlimme Vorwürfe. Sie können ganzen Familien die Zukunft kaputt machen.

"Schweige nicht, sonst bist DU demnächst dran!" – eine Parole, die auf den Demonstrationen in der Türkei sehr oft zu hören war. In den letzten Monaten funktioniert das umgekehrt: Du bist AUCH demnächst dran, wenn du nicht schweigst!

Seit dem Putschversuch im Sommer werden wir durch "Dekrete mit Gesetzeskraft" regiert. Auf diese Weise entfernte die Regierung 38 gewählte Kurdische Bürgermeister aus dem Amt und übergab die Stellen einfach an Zwangsverwalter. Die beiden Oberbürgermeister der Stadt Diyarbakir wurden verhaftet. Auf diesen Schock folgte die Meldung von der Festnahme der Vorsitzenden und Abgeordneten der kurdischen Partei HDP. 

"Keiner rührt sich"

Die Geschichte scheint sich in diesem Land auf die übelste Weise zu wiederholen. Für uns alle und insbesondere für die Kurden. In Diyarbakir steht der Handel still, die Läden sind leer. Die schweren Konflikte bringen die Geschäfte zum Stillstand. Ich treffe im Zentrum Diyarbakirs einen jungen Ladenbesitzer, er heißt Mustafa. "Wenn man vor drei Jahren unsere Abgeordneten und Bürgermeister verhaftet hätte“, sagt er, "wären Hunderttausende auf die Straße gegangen. Aber guck jetzt: Keiner rührt sich."

Keiner rührt sich, denn alle haben Angst. Die Menschen ziehen das Schweigen vor. Wie lange noch? Ich weiß nur, dass in der jüngeren Geschichte auf jedes laute Schweigen der Kurden ein gewaltiger Ausbruch folgte.

Wir laufen für einen Dreh mit der Kamera durch die Straßen. Von zehn Menschen, die wir sehen, sind fünf ganz sicher Zivilpolizisten. Nach jedem Drehtermin kommt die Polizei zu uns. Sie studiert unsere Ausweise, gleicht sie mit der Zentrale ab. Die Gefahr, verhaftet zu werden, ist ständig präsent. Die Polizei zwingt uns, die Aufnahmen zu löschen, sie verhält sich aggressiv.

Wie in einem anderen, gefährlichen Land

Als der Zwangsverwalter in die Stadt kam, herrschte in Diyarbakir große Unruhe. Das Schweigen war also nicht zu überhören. Die meisten Beamten der Kommune gingen nicht zur Arbeit. Sie saßen den ganzen Tag in der Konditorei in der Straße gegenüber dem Rathaus. Von dort aus hatten sie einen guten Blick auf das Gebäude. In einer Grauzone zwischen Pflichtgefühl und Prinzipientreue warteten sie auf das Ende dieses langen, sehr langen Tages. Sie waren verzweifelt still. Viele den Tränen nahe. Ich fragte sie: "Was werdet Ihr jetzt tun?" Ich bekam keine Antwort.

Ein Mann neben mir nahm einen tiefen Zug an seiner Zigarette und sagte: "Wir warten wohl auf den kurdischen Godot." Nur ein paar Leute hatten sich getraut, ins Rathaus zu gehen. Sie kamen ins Café und alle lauschten gespannt ihren Erzählungen.

Nach zwei, drei Leibesvisiten hatten sie das Gebäude betreten. Auf jeder Etage sahen sie Dutzende von Polizisten mit Schäferhunden warten. Sie erzählten ihre Erlebnisse, als ob sie in ein anderes, gefährliches Land gefahren und zurückgekommen wären. An jenem Tag sagten viele, dass sie nicht Teil eines solchen Systems werden und sofort ihren Rücktritt einreichen wollten. Alles erschien ihnen hoffnungslos.

"Wir werden für unser Schweigen bestraft"

Draußen vor der Konditorei wartete auch ein kleines Grüppchen. Zwei alte Frauen waren gekommen, um zu protestieren. Sie unterhielten sich über die fehlenden Proteste der Kurden. Eine sagte: "Wenn die Kurden sich hinter die jungen Leute gestellt hätten, die in Cizre oder in Sur hinter den Gräben standen, und ihre Tötung verhindert hätten, wäre das alles nicht passiert. Erdogan und seine Männer schöpfen ihre Kraft aus unserer Apathie und Angst. Bald kriegen wir zuhause auch Zwangsverwalter. Wir werden für unser Schweigen bestraft." Ihre Freundin nickte zustimmend: "Wir haben auf den Frieden gewartet", sagte sie, "stattdessen kam der Krieg bis vor unsere Haustür".

In den letzten Monaten wurden Zehntausende arbeitslos. Tausende verhaftet. Die Rechte und Freiheiten, die die Kurden mit Mühe und Not erkämpft hatten, werden ihnen nun wieder genommen. Angesichts der unkontrollierten Macht der Regierung sind den Menschen alle Hände gebunden. Es gibt keinen Hafen mehr, kein Versteck.

Die beiden Vorsitzenden der kurdischen HDP sind also verhaftet. Die Partei hat sich daraufhin von der praktischen Arbeit im Parlament zurückgezogen. Aber die Leute in Diyarbakir wollen mehr. Sie wollen, dass alle Abgeordneten der pro-kurdischen HDP geschlossen das Parlament verlassen. Und zwar für immer. 

Sie ärgern sich über ihre Politiker. Einer sagt mir: "Man ärgert sich am meisten über die, die man liebt.“ Diese Wut staute sich während der Grabenkämpfe schon an. Das Volk meint, seine gewählten Politiker hätten sich viel zu wenig vor Ort blicken lassen. Aber keiner sieht in der regierenden AKP eine Alternative. Richtig wütend sind sie über die Verhaftung ihrer gewählten Vertreter in den Kommunen und im Parlament. Auch die viel zitierte internationale Öffentlichkeit bekommt ihr Fett weg. Viele Kurden glauben, dass keiner so richtig ihre Partei ergreift. Sie führen die Zurückhaltung in Europa auf das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei zurück.

Eine tief depressive Stimmung

Im kurdischen Südosten der Türkei sind die Erwartungen extrem geschrumpft. In den Städten dominiert die Verzweiflung. Eine tief depressive Stimmung. Inmitten von Diyarbakir sind ganze Viertel dem Erdboden gleich gemacht worden, sie ähneln ausgebombten syrischen Städten. Viele Menschen wurden obdachlos, haben ihr Hab und Gut verloren. Schießereien, Häuserkämpfe, Ausgangsverbote. Das Trauma ist noch viel zu lebendig, da werden ihre gewählten Vertreter verhaftet.

Da fragt sich der Bürger auf der Straße: "Wenn sie sogar hohe Politiker und Bürgermeister verhaften können, sind wir einfachen Leute ihnen ja völlig schutzlos ausgeliefert." Die kurdischen Politiker wollten verhindern, dass Erdogan ein Präsidialsystem einführt und sich selbst zum unangefochtenen Herrscher über das Land macht. "Wir werden nicht zulassen, dass Du Präsident wirst!“ war ihr Schlachtruf. Viele denken, dass Erdogan nun dafür persönlich Rache nimmt. "Der Mann wurde so oder so Präsident“, sagen manche Kurden, "unsere Politiker hätten eine clevere Linie fahren sollen, um unsere Interessen zu schützen.“

Während ich den Menschen zuhöre, denke ich: Seit 25 Jahren immer derselbe Film.

Und wissen Sie, was das Schlimmste dabei ist? Obwohl ich noch relativ jung bin, habe selbst ich diesen Film schon mehrfach gesehen. Und ich bin inzwischen davon überzeugt, dass das alles niemals ein gutes Ende haben wird.  

Hatice Kamer: Du bist auch dran, wenn du nicht schweigst

WDR 3 Türkei unzensiert | 07.12.2016 | 11:21 Min.

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23. November: Die Festnahme

Trotz allem kam es doch recht unerwartet. Ich war gerade in dem Dorf eingetroffen, wo das Grubenunglück passiert war, und wollte mit den Familienangehörigen der 16 Toten reden. Plötzlich tauchte ein Mann neben mir auf. Ein Zivilpolizist. Er griff nach meinem Handy, das ich auch als Notizblock benutze, und nach meiner Kamera. "Wer bist du?" fragte er mich, "warum bist du hier, das ist Sperrzone, was fragst du da die Leute?"

"Ich arbeite für Voice of America, BBC und den WDR", antwortete ich aufgeregt, "ich bin als Reporterin aus Diyarbakir angereist, ich habe auf dem Weg hierher drei Sicherheitskontrollen passiert, keiner hat mir etwas von einer Sperrzone erzählt." Niemand hörte mir zu. Ich wurde unsanft in ein Taxi geschubst. Die Männer gehörten, wie ich später erfahren sollte, der Anti-Terror-Abteilung an, Gott sei Dank war ich nicht allein - der Fahrer, der mich dorthin gebracht hatte, stand dabei. "Sage meinen Journalisten-Freunden Bescheid!" rief ich ihm eilig zu.

Wir fuhren 17 km weit, zum Polizeipräsidium in Şirvan. Dort wurde ein Festnahmeprotokoll angefertigt. Das heißt, ich wurde zuerst festgenommen und der Grund wurde im Nachhinein, im Präsidium, formuliert. Zuerst sprachen sie von verbotenen Aufnahmen im Sperrgebiet. Später änderte sich der Vorwurf. Wie ich im Nachhinein erfuhr, wollte Emine Erdogan, die Ehefrau des Staatspräsidenten, am selben Tag den Unglücksort besuchen. Von einem anonymen Facebook-Konto aus wurden offenbar beleidigende und drohende Postings gegen den türkischen Staat ins Netz gestellt. Die Polizei verdächtigte mich, diese anonyme Person zu sein. Der Ausnahmezustand erlaubt der Polizei, Menschen unter jedem noch so dünnen Vorwand festzunehmen. 

Haftgründe: Propaganda und Beleidigung des türkischen Staates

Man brachte mich anschließend in die Provinzhauptstadt Siirt, zur Anti-Terror-Zentrale. In Südostanatolien verheißt das nichts Gutes. In die Anti-Terror-Zentrale gebracht zu werden bedeutet, dass die Dinge kompliziert werden. Man nahm mir alles ab. Von meinen Schnürsenkeln bis zu meiner Armbanduhr und meinen Ohrringen, alles. Nur mein Geld haben sie mir gelassen.

Die Bedingungen in den Hafträumen waren sehr schlecht. Äußerst enge Flure, Räume ohne Fenster, alles von oben bis unten gekachelt. So kalt und beunruhigend, dass es dich in den Nervenzusammenbruch treiben kann. An dem Tag waren außer mir noch fünf Andere festgenommen worden, Aktivisten, die auch wegen des Grubenunglücks gekommen waren. Sie wollten den Angehörigen der Opfer kondolieren. Aber es ging das Gerücht um, Terroristen seien in der Stadt. Also waren auch sie hier gelandet. Alle Sicherheitstrakte waren voll. Und es gab keine einzige Frau unter den Häftlingen. Deshalb schickte man mich in die Abteilung für Allgemeine Delikte.

Bevor ich in den Haftraum geführt wurde, legte man mir ein Protokoll zur Unterschrift vor. Als Haftgründe standen dort nun zusätzlich "Propaganda für die PKK/KCK und Beleidigung des türkischen Staates". Ich wehrte mich heftig und sagte immer wieder, dass ich Journalistin bin. "Das macht nichts", antworteten sie, "es wird zuerst nur ermittelt - wenn Sie unschuldig sind, werden Sie freigelassen." Ich unterschrieb.

"Ich fragte mich, wie wir nachts zu viert hier Platz finden sollten"

Die Polizisten behandelten mich ordentlich. Aber ich war völlig willkürlich in diese missliche Lage geraten. und von Entspannung konnte keine Rede sein. Ich hatte massive Kopfschmerzen. Plötzlich begann meine Nase zu bluten. Das versetzte auch die Polizisten in Panik. Aber bald hörte die Blutung von selbst wieder auf. Hinter einer Holztür sah ich drei Frauen hinter schwarzen Gittern sitzen. Der Haftraum war etwa 4 Meter lang und 2,5 Meter breit. An der Längsseite befand sich ein Fenster, aber es war mit einer eisernen Platte versperrt. So konnte man nur erahnen, ob es draußen hell oder dunkel war. An der Wand mit dem Fenster hatte man eine ca 40 bis 50 Zentimeter breite eiserne Bank befestigt. Ich fragte mich, wie wir nachts zu viert hier Platz finden sollten. Auf dem Boden war eine Decke ausgebreitet. Darauf lagen zwei weitere Decken. Aber es war kalt, der Fußboden war nackt und es gab keine Heizung. Man erzählte mir, dass manchmal sechs oder sieben Leute hier untergebracht wurden.  

Eine meiner Mitinsassinnen, eine sportlich gekleidete, ziemlich verspannt aussehende Frau, war 26 Jahre alt und Rechtsanwältin. Man hatte sie erst eine halbe Stunde vor mir hierhin gebracht. Sie gehörte der linken Anwaltsvereinigung Çağdaş Hukukçular in Ankara an. Sie erzählte, von der Polizei hart angegangen worden zu sein: "Sie haben meinen Mandanten festgenommen. Ich ging zur Anti-Terror-Zentrale, um nach ihm zu suchen, da haben sie mir gesagt, auch gegen mich läge ein Haftbefehl vor. Ich schrie: 'Ihr seid Heuchler! Ihr habt mich extra hierhin gelockt, um mich festzunehmen!' Da haben sie mich hart angefasst.“

Lebenslänglich für das Singen verbotener Lieder

Die beiden anderen Frauen trugen bunte Kopftücher, waren eindeutig Kurdinnen und schienen fast zum Inventar zu gehören. Sie saßen seit dem 5. November, also seit drei Wochen hier. Die Jüngere hieß Eda Kilis. Sie war 37 Jahre alt und hatte drei Kinder. Sie war die Bürgermeisterin der lokalen kurdischen Partei DBP in der Kleinstadt Eruh. Man hatte sie festgenommen und der Kommune einen Zwangsverwalter aufgebrummt. Die Andere hieß Şirin Batur. Die 45-Jährige hatte man gemeinsam mit der Lokalpolitikerin festgenommen. Beide Frauen wussten zuerst nicht, warum. Nach 15 Tagen kam es zum ersten Verhör. Jetzt warteten sie einfach.

Eda sagte mit Tränen in den Augen: "Wir werden beschuldigt, ein Attentat auf den Zwangsverwalter in unserer Stadt geplant zu haben!" Şirin erzählte, dass sie zwar vor vier Jahren in der kurdischen Partei HDP aktiv gewesen war, sich  aber  seit langer Zeit nicht mehr um Politik kümmerte. Beide beklagten das Unrecht, das ihnen mit der Festnahme widerfahren war. "Zuerst kommen wir in Polizeigewahrsam, dann werfen sie uns eine unglaubliche Straftat vor", murmelte Eda. Sie hatte sehr jung geheiratet und war mit 17 Mutter geworden. Nun hatte sie drei Söhne im Alter von 10, 17 und 20 Jahren. "Einmal in der Woche dürfen sie mich für fünf Minuten besuchen", sagt sie, "das reicht gerade für Umarmungen und Tränen".

Şirin Batur hatte erst kurz vor ihrer Festnahme die Hochzeit ihres Sohnes gefeiert. "Mein größter Traum war das", sagt sie. Wo ist der Vater ihres Sohnes? "Er wurde verhaftet", erzählte sie, "da war mein Sohn erst ein Jahr alt. Er hat lebenslänglich bekommen. Mein Mann ist jetzt also seit 24 Jahren im Gefängnis und muss noch sechs Jahre absitzen." Şirins Mann ist Lokalmusiker. Er spielte auf Hochzeiten und sang kurdische Songs mit politischem Inhalt. Das wurde ihm zum Verhängnis. Er wurde verurteilt wegen politischer kurdischer Lieder, die er 1993 auf Hochzeitsfeiern sang.

Ich fragte verblüfft: "Du willst mir also sagen, dass dein Mann wegen Hochzeitsgesängen lebenslänglich gekriegt hat?" Sie lachte. "Warum haben sie mich oder dich festgenommen? Du bist Journalistin, gut! Woher weißt du, dass sie dir nicht weitere Dinge anlasten? Schau mich an: Ich werde  beschuldigt, ein Attentat auf einen Mann geplant zu haben, den ich in meinem Leben nicht gesehen habe!"

Tage zählen an der Wand

Eigentlich sollte ich fünf Tage lang keinen Rechtsbeistand bekommen- so lautet eine anwendbare Regel im Ausnahmezustand. Meine Familie engagierte auf die Schnelle dennoch einen Anwalt. Der kam, um einen anderen Mandanten zu besuchen. Wir konnten uns  zwischen Tür und Angel kurz unterhalten. Er erzählte mir, dass sich der WDR, die BBC und die Voice of America, also meine ausländischen Arbeitgeber, sehr für meine Entlassung einsetzten. Ich kann gar nicht beschreiben, wie erleichtert ich war, als ich das hörte. Man nahm sich irgendwo da draußen meiner an, ich war nicht allein. Das sind wirklich starke Gefühle.

Ich wurde in den Haftraum zurückgebracht. Meine Leidensgenossinnen durchlöcherten mich sofort mit Fragen, was draußen so los sei. Täglich dürfen sie zwar für eine Viertelstunde ihren Anwalt treffen, aber die Zeit reicht nur aus, um über ihren eigenen Fall zu sprechen. Sie haben keine Ahnung, was im Land vor sich geht. Ich musste ihnen erst einmal die Neuigkeiten aus den letzten vier Wochen erzählen. Şirin meinte: "Manche Frauen glauben, dass sie nach ihrer Festnahme hier wenigstens ihre Ruhe hätten und zum Nachdenken kämen. Unsinn! Hier kannst du weder denken noch schlafen." Das stimmt.

Um auf die Toilette zu gehen, muss man seine Hand aus dem Gitter hinaus strecken und damit in Richtung Kamera wedeln. Man bekommt drei Mahlzeiten. Brot, Schmelzkäse und Marmelade zum Frühstück. Mittags und abends gibt es Döner im Brot. Wenn man denn das Zeug überhaupt essen kann. "Wir ernähren uns seit einem Monat quasi von Wasser und Brot", erzählte Şirin , "keine warme Mahlzeit, wir dürfen nicht rauchen. Alles, was wir tun können, ist in unserem Koran zu lesen und darum zu beten, dass dieses Unrecht bald ein Ende hat.“

Ohne meine Jacke auszuziehen, kauerte ich mich in eine Ecke der Eisenbank und versuchte zu schlafen. Die Wand glich einem Kalender. Jeder hat seine Tage hier gezählt. Ich schaute mir die Reihen von Strichen an. Es gab 15, aber auch 25 Striche in einer Reihe. Die kürzeste hatte fünf. Die Daten wiesen darauf hin, dass sie alle nach September eingeritzt wurden, also nach der Verkündung des Ausnahmezustandes. Die Frauen erzählten mir, dass die Kamera auch die Stimmen im Raum aufnimmt. Ich schlief sehr schlecht und wachte in aller Frühe auf.

"Mein Herz, mein Verstand, sie blieben bei den Frauen in der Zelle"

An das Auf- und Abgehen in der Zelle gewöhnt man sich mühelos. Sitzend oder liegend vergeht die Zeit nämlich nicht. Aber wenn du ständig sieben Schritte auf und ab läufst, wird dir irgendwann schwindelig. Meine Leidensgenossinnen glaubten von Anfang an, dass ich bald frei käme, aber ich hatte meine Zweifel. Schließlich leben wir in dem Land, in dem weltweit die meisten Journalisten im Gefängnis sitzen.

Gegen Abend kam mein Rechtsanwalt wieder und brachte mir die gute Nachricht: Ich würde frei kommen! Meine Festnahme hatte für zu viel Aufsehen gesorgt. Man lotste mich Hals über Kopf aus dem Haftraum. Es ging so schnell, dass ich mich kaum von meinen neuen Freundinnen verabschieden konnte. Ich war wieder frei, aber mein Herz, mein Verstand, sie blieben bei den Frauen in der Zelle. Şirin und Eda winkten uns mit Tränen in den Augen zu: "Vergesst uns hier drin nicht!" Ihre Stimmen hallen immer noch in meinen Ohren.

Hatice Kamer: Beten, dass das Unrecht bald ein Ende hat

WDR 3 Türkei unzensiert | 30.11.2016 | 14:18 Min.

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23. November 2016: Auf dem Dach in Diyarbakır

Wir Kurden haben vergessen, wie man lacht

Seit dreizehn Jahren arbeite ich als Journalistin in Diyarbakır. Meine Kindheit verbrachte ich in den 1980ern, in der Ära nach dem Militärputsch. Soldaten waren und sind ständige Begleiter unseres Alltags. Als ich bei dem jüngsten Putschversuch die Soldaten auf der Bosporusbrücke sah, kam mir alles wie ein Scherz vor. Es war nicht schwer zu erraten, dass es jetzt noch schlimmer würde. Schon seit über einem Jahr waren Repressalien an der Tagesordnung im kurdischen Gebiet der Türkei. Die Soldaten, die die kurdischen Städte und Straßen nie verlassen haben, waren also diesmal live auf der Bosporusbrücke zu sehen und das verstärkte bei mir nur die Angst, dass die Dinge sich verschlechtern würden.

An jenem Abend traf ich Kurden. Sie sagten: Naja, wir leben seit einem Jahr sowieso wie unter einer Militärdiktatur.“ Sie hofften, dass der Westen der Türkei nun eine größere Empathie mit den Kurden haben würde. Aber es kam anders.

Die Region lebt permanent unter Putschbedingungen

Im vergangenen Jahr war ja der Friedensprozess, den Erdoğan selbst noch verfolgt hatte, gescheitert. Dann ging es los mit der Gewaltspirale:  Junge Kurden bewaffneten sich unter dem Motto Volksverteidigung. Sie begannen einen Städtekampf gegen den Staat. Gegen Angriffe der Polizei und Armee hoben sie Gräben in den Straßen aus. In diesen Gräben begannen dann maskierte, bewaffnete Jugendliche, auch Kinder, permanent Wache zu halten. Wir konnten in unseren Straßen nicht mehr ungehindert laufen.

Der Staat, der jeden Aufstand gewaltsam unterdrückt, ließ sich das natürlich nicht gefallen. Er machte keinen Unterschied zwischen Jung und Alt, und bemühte sich nicht, die Aufständischen lebend zu verhaften. Er machte alles, damit das ganze Land glaubte, dass jeder in den Gräben ein Terrorist sei. Wie konnten so viele Waffen und Munition, so viel Sprengstoff vor den Augen der Soldaten und Polizisten in diese Straßen gebracht werden? Der staatliche Nachrichtendienst, dem angeblich nichts entgeht, kann das bis heute nicht erklären.

In der kurdischen Region, in genau neun Städten und 35 Bezirken gibt es seit eineinhalb Jahren mindestens 65 Ausgangssperren. Die Region lebt permanent unter Putschbedingungen. In den Straßen patrouillieren Panzer und gepanzerte Wagen. Wir konnten die Straßen innerhalb der alten Stadtmauern Diyarbakırs in der Altstadt Sur, seit langem kaum mehr betreten. Und nach den Straßenkämpfen konnten die Einwohner nicht mehr zurück in ihre Häuser. Ich wohne ca. 5 km weit von Sur entfernt. Jede Nacht haben die Explosionen mich geweckt, immer wieder.

"Das ist wie in Syrien"

In derselben Stadt lebten wir zwei Leben. Während wir in unseren warmen Betten lagen, waren Manche obdachlos geworden oder mussten, noch in ihren Häusern eingeschlossen, bei Explosionen und Schießereien einschlafen. In Sur dauert die Ausgangssperre im Moment noch an. In drei anderen Bezirken wurde sie aufgehoben. Wir sind dann auf ein hohes Gebäude gestiegen, wir wollten sehen, was passiert war.  Das war ein sechsstöckiges Haus. Alle Journalisten waren dort. Jede Wohnung war durch die Polizei genutzt worden. Sie sahen aus wie Müllhalden. Die Bewohner weinten bittere Tränen über den Zustand ihrer Wohnungen.

Wir kletterten auf das Dach, da fielen mir Blutspuren auf den Treppen auf. Manche sprachen davon, dass zwei unbeteiligte Jugendliche durch die Polizei erschossen worden waren. Auf dem Dach des Wohnhauses gab es viel ungenutzte Munition und einige Schießstände. Diejenigen unter uns, die den Wehrdienst absolviert hatten, erzählten, dass die Munition den Scharfschützen gehörte. Von dem Bezirk mit den engen Gassen war nicht mehr viel übrig. Hunderte von Häusern und Gassen waren einfach verschwunden. Die Soldaten hatten bei der Jagd auf Terroristen das ganze Viertel platt gemacht. Wer sich die Fotos ohne Unterzeile anschaute, dachte: "Das ist wie in Syrien." Die Einwohner stiegen mit auf das Dach und versuchten, zwischen den Ruinen ihre Häuser wieder zu finden. Sie haben es nicht geschafft. Die Häuser waren weg.

Die Mütter hatten einen Hungerstreik begonnen

Das Dach wurde an dem Tag zu einem öffentlichen Platz. Manche schimpften über den Staat, andere über die bewaffneten Jugendlichen, weil sie den Staat auf den Plan gerufen hatten. Und wiederum Andere wussten nicht, auf wen sie wütend sein sollten. Bald darauf kam eine Frau dazu, die ich von Presseterminen kannte. Sie hieß Fatma Akmeşeund war 46 Jahre alt. Ihre Tochter lebte im vierten Stock des Hauses. Man hatte einige der jungen Militanten, die sich am Häuserkampf in Sur beteiligt und dabei ihr Leben verloren hatten, monatelang nicht bergen können. Ihre Mütter hatten daraufhin einen Hungerstreik begonnen. Fatma Akmeşegehörte zu diesen Frauen.

Ihr Sohn Gündüz war 27, Hilfskoch. Er hatte gerade geheiratet. Als die Nachricht von der Ausgangssperre die Runde machte, fuhr er sofort zu seiner Schwester nach Sur. Er wollte seine Schwester sicher aus Sur rausbringen, das schaffte er auch. Dann kam er wieder zurück, um noch einige Sachen zu holen, Kleidung und solche Dinge. Dann wurde die Ausgangssperre verkündet. Gündüz konnte Sur nicht mehr verlassen. Alle Ein- und Ausgänge des Stadtteils waren plötzlich zugesperrt. Fatma sah ihren Sohn nie wieder.

An dem Tag kamen wieder viele Menschen auf das Dach des hohen Gebäudes. Viele hatten ihre eigenen Häuser verloren. Fatma war auch dabei. Aber sie guckte mit einem ganz anderen Schmerz auf die übriggebliebene Leere. Nicht nur Möbel, Erinnerungen und Gemäuer waren weg. Fatma hatte ihren Sohn in Sur verloren.

Welches Herz kann so großes Leid ertragen?

Als ich Fatma auf dem Dach traf, erzählte sie mir, dass sie Gündüz vor zehn Tagen in ihrem Dorf beerdigten. "Mein Sohn wurde zweimal umgebettet“, sagte sie. Wo er genau getötet wurde, wusste sie nicht. Sie hatte nur gehört, dass er in Sur von Scharfschützen erschossen wurde. "Genau vor der Tür meiner Tochter gibt es so viel getrocknetes Blut. Alle spazieren darüber. Meinst du, es stammt von Gündüz?“ fragte sie mich. Noch nie hatte ich eine so furchtbare Frage gehört. Es war unerträglich, in ihre weinenden Augen zu gucken. Welches Herz kann so großes Leid ertragen? Ich hatte keine Antwort auf ihre Frage. Ich hatte keine Kraft mehr, nach einer Antwort zu suchen. Ich schwieg und drehte mich um, damit sie die Tränen in meinen Augen nicht sah.

Im Namen der Gewährleistung der öffentlichen Ordnung sind also in neun Städten und 35 Bezirken mindestens 65 mal Ausgangssperren verhängt worden. Mindestens 320 Zivilisten kamen dabei ums Leben, Kinder waren dabei, 75 Kinder. Weder in den Nachrichten noch in den offiziellen Verlautbarungen war je von ihnen die Rede. Die Medien berichteten lediglich von Tausenden toten Terroristen.

Seit einem Jahr berichte ich aus der kurdischen Region über ähnliche Fälle wie den von Gündüz. Aber in der Wahrnehmung der westlichen Türkei sind das nichts als Zahlen. Für die großen Medien in Istanbul ist die Tragödie der Kurden in Ostanatolien nicht annähernd so wichtig wie das Schicksal der Muslime von Myanmar oder den Philippinnen.

Dieses Land ist nicht mehr in der Lage, das Leid zu teilen. Der emotionale Bruch zwischen den Türken und den Kurden könnte nicht größer sein. Er hat sich regelrecht in einen Abgrund verwandelt.

Unser Schicksal hängt nun an den Entscheidungen Erdoğans

Ich berichte für die BBC in London. Wenn ich mir die rassistischen Kommentare unter meinen Nachrichten anschaue, beunruhigt mich der angestaute Hass auf der türkischen Seite. Wie kann jemand in einer westtürkischen Kleinstadt einen anderen Menschen im Osten so hassen - obwohl er ihn noch nie im Leben gesehen hat? Ich kann es einfach nicht begreifen.

Wir hatten das Trauma der Ausgangssperren noch nicht überwunden, da kam der Putschversuch vom 15. Juli. Dann wieder Ausnahmezustand.  Dazu die Dekrete, mit denen das Land seitdem regiert wird, sie werfen unser Leben völlig durcheinander. Unser Schicksal hängt nun an den Entscheidungen Erdoğans. Hunderttausende sind betroffen. Und ich finde, es sind wieder einmal die Kurden, die den höchsten Preis zahlen müssen.

Der Staat hat nach dem Putschversuch weit über 140 unterschiedliche Medien verboten. Es gab ohnehin sehr wenige Zeitungen und Webportale, die aus der Region berichteten. Jetzt sind fast alle verstummt. Tausende von Journalisten sind arbeitslos. Das Schlimmste: Die Gesellschaft büßt ihr Recht auf Information ein.

Die beiden Bürgermeister von Diyarbakır sitzen im Gefängnis

Nach dem Putschversuch begann der Staat auch die Kommunalverwaltungen abzusetzen und die gewählten Bürgermeister zu inhaftieren. Die beiden Bürgermeister von Diyarbakır sitzen jetzt im Gefängnis. Demokratisch gewählte Kommunalpolitiker werden durch Staatsbeamte ersetzt.

Auf diese Weise gingen bereits 32 Kommunen in die Hände der Regierung  über. Am 93. Gründungstag der Republik haben über Zehntausend Beamte ihre Arbeit verloren. Tausende stammen aus der kurdischen Region. Lehrer, Krankenschwester, Ärzte, die seit dreißig Jahren Dienst leisten, wurden mit dem Vorwurf, den Terror zu unterstützen, über Nacht entlassen. Die Zeche des Putschversuches sollen die Kurden zahlen, die seit Jahren in ihren leidgeplagten Städten zu überleben versuchen und um deren Schicksal sich keiner kümmert.

Mein Beruf verlangt mir viel ab. Gerade jetzt, im Jahre 2016, wo Erdoğan auf dem Weg zur Alleinherrschaft ist und ich das Gefühl habe: Das Land  stürzt in einen Abgrund. Der Graben wird immer tiefer. Der Hass auch. Aus Diyarbakır ehrlich und korrekt zu berichten, bedeutet ein nicht einschätzbares Risiko. Meine Sorgen wachsen -  für mich selbst, für meine Familie, für meine Lieben, meine Freunde, meine Stadt und das Land. Ich mache mir große Sorgen. Um  meine Nichte, die vor wenigen Wochen zur Welt kam, um die zweijährige Schirin. Ich will nicht, dass die Zukunft der Kinder wegen der ehrgeizigen Pläne eines wütenden Mannes aufs Spiel gesetzt wird. Wir wollen kein zweites Syrien werden.

Hatice Kamer: Zwischen Türken und Kurden klafft ein Abgrund

WDR 3 Türkei unzensiert | 28.11.2016 | 12:24 Min.

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