Song Dong in Düsseldorf

Song Dong in Düsseldorf

Von Thomas Köster

Zeit und Verlust, Erinnerung und Leere, Trauer und der Trost der Kunst - um diese Themen kreist die Konzeptkunst von Song Dong, die ab Sonntag in der Kunsthalle Düsseldorf zu sehen ist. Im Zentrum: 10.000 Alltagsgegenstände, die die Mutter des Chinesen als Opfer der "Kulturrevolution" manisch sammelte. Wir haben ihn beim Aufbau getroffen.

Song Dong, Kunsthalle Düsseldorf 2015 (Ausstellungsansicht)

Das unwiederbringlich Verlorene am Leben erhalten und die Stellung des Einzelnen in der Gesellschaft ausloten: Das will Song Dong mit seiner Kunst. Mit diesem Konzept wurde er einer der bedeutendsten Installationskünstler Chinas. Auf unserem Bild sitzt Song inmitten seiner Installation "Waste Not", die den Alltag seiner Eltern – und einen Teil seiner eigenen Vergangenheit – anhand von neu gruppierten Gebrauchsgegenständen in Kunst verwandelt.

Das unwiederbringlich Verlorene am Leben erhalten und die Stellung des Einzelnen in der Gesellschaft ausloten: Das will Song Dong mit seiner Kunst. Mit diesem Konzept wurde er einer der bedeutendsten Installationskünstler Chinas. Auf unserem Bild sitzt Song inmitten seiner Installation "Waste Not", die den Alltag seiner Eltern – und einen Teil seiner eigenen Vergangenheit – anhand von neu gruppierten Gebrauchsgegenständen in Kunst verwandelt.

"Waste Not" ist das Endergebnis von 50 Jahren fleißiger Sammelarbeit, die Songs Mutter, ein Opfer der kommunistischen "Kulturrevoluton", nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes 2002 durch einen Herzinfarkt als Überlebensstrategie noch intensivierte. Zeugnis einer in Armut aufgewachsenen Generation, die mit dem Nötigsten auskommen musste. Und deshalb selbst das Überflüssige - oder überflüssig Gewordene - nicht wegschmeißen wollte.

In der in Düsseldorf für den zentralen Raum der Retrospektive penibel strukturierten Gesamtschau werden die Hinterlassenschaften der Verstorbenen zu einer im Raum arrangierten Biografie aus Dingen. Alltag verwandelt sich in Kunst – und umgekehrt. Das Poetische der Installation passt zum tragischen Tod der Mutter: Sie starb 2009 beim Sturz von einer Leiter, als sie versuchte, einen verletzten Vogel zu retten.

"Waste Not" war seit 2005 unter anderem in Peking, New York und Groningen zu sehen. Wo immer die Installation aufgebaut wird, dient sie den Songs auch zur Familienzusammenführung. Beim tagelangen Aufbau helfen alle mit. Unter den wachsamen Augen des Künstlers natürlich, der jedem Objekt letztlich seinen Platz zuweist.

Dadurch, dass die Familie die Objekte ihrer verstorbenen Eltern und der eigenen verflossenen Kindheit ständig berührt und in eine neue Ordnung bringt, leistet sie permanente Erinnerungs- und Trauerarbeit. So, wie die Überführung ihres ärmlichen und vom Tod des Mannes geprägten Alltags in Kunst schon der Mutter Trost spendete. "All diese Dinge aufzubewahren war also sinnvoll", habe sie gesagt, erinnert sich Song Dong. "Oder etwa nicht?"

Zu den Helfern beim Aufbau gehörte auch Songs Frau Yin Xiuzhen (Mitte), die ebenfalls als eine der wichtigsten Künstlerinnen ihres Landes gilt und vor drei Jahren in der Kunsthalle Düsseldorf eine eigene Ausstellung hatte. Für sie und ihren Mann besteht kein Unterschied zwischen Alltag und Kunst: In Peking wohnt das Paar mit der gemeinsamen Tochter inmitten seiner Werke, die auch schon mal als Möbel dienen.

Vermutlich sind diese Polizisten in Songs Wohnung nicht als stumme Diener in Gebrauch. Sie basieren auf einem eher harmlosen Alltagserlebnis des Künstlers im Pekinger Straßenverkehr, das ihm verdeutlichte, wie sehr wir Prinzipien und Gesetze der Ordnungsmacht bereits unhinterfragt verinnerlicht haben. "Policemen" (2000) verleiht diesem "inneren Polizisten" Ausdruck. Nicht von ungefähr haben die Figuren Songs Gesicht. Und: Es gibt noch wesentlich mehr als diese vier.

Wie viele chinesische Künstler seiner Generation, so wurde auch Song nach kommunistischen Vorgaben akademisch zum Maler ausgebildet. Nach dem Massaker auf dem Tian'anmen-Platz 1989 wandte er sich der in China als progressiv geltenden Installation und Performance zu. Flüchtigkeit spielt auch hier eine zentrale Rolle. 1996 drückte Song dem Fluss namens Lhasa He in Tibet eine Stunde lang mit dem chinesischen Schriftzeichen für Wasser (水) buchstäblich den Stempel auf - mit einer philosophischen Geste.

Für eine andere Performance legte sich Song an Silvester 1996 auf den Tian'anmen-Platz, um mit seinem Atem der zugefrorenen Asphaltdecke eine individuelle Struktur einzuhauchen. Später wiederholte er die Aktion auf der Eisdecke des künstlichen Houhai-Sees nahe der Verbotenen Stadt. In der Sinnlosigkeit der Anstrengung sind die Aktionen eindringliche Dokumente von der Ohnmacht des Einzelnen gegenüber den Zwängen von Staat und Gesellschaft.

Immer wieder schreibt Song auch mit Wasser auf Stein und Papier: unter anderem ein Tagebuch, das sich in der Verflüchtigung Kontrolle und Zensur entzieht. Was in der Jugend ursprünglich dazu diente, bei Kalligrafie-Übungen Papier zu sparen, wird so zu einem subversiven Akt der Kunst. In Düsseldorf sind die Besucher eingeladen, es Song gleichzutun. Sie können mit Wasser aus einem Gefäß, das in den Stein eingelassenen ist, die Steinblöcke beschreiben – und sehen, wie die "Geheimschrift" allmählich verschwindet. Nur die Erinnerung bleibt.

Von der in Kunst und Kopf zumindest teilweise überwundenen Ohnmacht gegenüber höheren Gewalten erzählt auch die Installation "House Doorplates" (1997). Sie versammelt Hausnummern von Gebäuden aus den traditionellen, "Hutong" genannten Pekinger Gassen, die im Zuge einer massiven, staatlich verordneten Stadterneuerung abgerissen wurden. In Düsseldorf hängen sie als imposantes Mahnmal an der Museumswand.

Imposant sind sie auch deshalb, weil Song die Schilder auf kleine Holzkästchen schraubte, in denen sich Nägel und Bauschutt der zerstörten Häuser befinden. Die Objekte werden so zu melancholischen Reliquienschreinen eines traditionellen Lebens, das im Zuge des industriellen Aufstiegs Chinas zu einer ökonomischen Weltmacht allmählich untergeht.

Songs erste Kindheitswohnung in einer Pekinger Hutong – 5,8 Quadratmeter für eine vierköpfige Familie – fiel Modernisierungsmaßnahmen im Rahmen der Olympischen Sommerspiele 2008 zum Opfer. Aus den Erinnerungen seiner Eltern und seiner Schwester hat der Künstler sie in einer ausgedienten Transportkiste nachgebaut: "So kann ich sie überall hin mitnehmen." Das Mao-Porträt war damals Pflicht. So wohnte der "geliebte Führer" immer mit.

"Zum Glück waren meine Eltern sparsame Leute", sagt Song. "So sind viele Gegenstände für meine eigene, tragbare Version unseres kleinen Minihauses erhalten geblieben." So wie die Tagesdecke des Familienbetts. In Düsseldorf liegt darauf ein Buch, das Songs Mutter über das Tröstliche der Verwandlung ihres Alltags in Kunst geschrieben hat. Leider auf Chinesisch.

Die Ausstellung "Song Dong" ist noch bis zum 13. März 2016 in der Kunsthalle Düsseldorf zu sehen. Unglücklicherweise ist der Katalog der Retrospektive nur in englischer Sprache erhältlich. Aber das schmale Booklet mit Erläuterungen des Werks reicht als Vorbereitung auf die Retrospektive völlig aus. Nach der aufschlussreichen Lektüre sprich die tröstliche Kunst Song Dongs für sich.

Stand: 03.12.2015, 14:46 Uhr