Bettina Böttinger: Artikel 6 - Ehe und Familie

Bettina Böttinger: Artikel 6 - Ehe und Familie

Für die Moderatorin Bettina Böttinger ist es ein Unrecht, dass man homosexuellen Paaren unter anderem das Adoptionsrecht verweigert. Sie fordert in ihrem Kommentar zu Artikel 6 die Ehe für alle.

Bettina Böttinger über Artikel 6 - Ehe und Familie

WDR 3 Kultur am Mittag | 23.06.2017 | 04:42 Min.

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Artikel 6 des Grundgesetzes: Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung.

Ein Satz, der sich angenehm liest. Der Staat gewährleistet Schutz. Aber schon drängt sich die Frage auf, wie Ehe im Grundgesetz eigentlich definiert wird. Die einfache Antwort lautet: gar nicht. Nirgendwo steht, dass die Verbindung von Mann und Frau gemeint ist. Mag es für manche immer schon klar gewesen sein, dass zu einer Ehe Mann und Frau gehören und zu einer Familie mindestens ein Kind, so haben sich viele vermeintliche Klarheiten historisch verschoben.

Homosexuellen Paaren wird die Adoption verwehrt

Ich schreibe diesen Beitrag als eine homosexuelle Frau, die eine sogenannte "eingetragene Lebenspartnerschaft" mit einer Frau eingegangen ist. Der Gesetzgeber hat mir allein durch das sprachliche Ungetüm vermittelt, dass ich zwar in ein Standesamt gehen kann und damit die Verpflichtung einer fürsorglichen Verbindung mit Rechten und Pflichten eingehe, aber eine "richtige" Ehe soll das nicht ein. Irgendwo ist doch mal Schluss mit Toleranz und der Forderung nach Gleichstellung.

Diese im Volksmund "Homoehe" genannte Partnerschaft ist eben eine Kopie und nicht das wertvollere Original. Das gilt vor allem für die Adoptionsfrage. Homosexuelle Paare werden als Pflegeeltern umworben, aber die Adoption wird ihnen verwehrt, eine Familie im Sinne des Bürgerlichen Gesetzbuches sollen sie nicht werden können.

Gerade in dieser Woche ist der Antrag der Grünen zur Homo-Ehe gerichtlich abgelehnt worden. Die Grünen wollten eine Abstimmung im Bundestag darüber erzwingen.

Papst Franziskus lehnt homosexuelle Lebensgemeinschaften ab

Ehe und Familie – das sind Begriffe, die in unserem Kulturkreis besonders hoch geschätzt werden, geprägt durch unsere christlich-abendländische Historie. Papst Franziskus, in sozialen Fragen geradezu revolutionär, hat in seinem Schreiben "Amoris Laetitia" bekräftigt, es gebe "keinerlei Fundament dafür, zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen." Ende der Durchsage. Eine religiös begründete Ablehnung, die nicht dazu angetan ist, Diskriminierung und Leid vieler Menschen, die sich zum Christentum bekennen und schwul oder lesbisch sind, zu lindern.

In der Bibel wird Homosexualität an manchen Stellen verurteilt. Wir finden beispielsweise in den Paulusbriefen Belege, in denen er für diese Sünder das Reich Gottes ausschließt. Schön und gut, ist schon länger her, und schrieb er nicht auch, dass die Frau dem Manne untertan sein soll? Können diese zeitbedingten Ansichten heute noch Gültigkeit besitzen? Sind biblische Verbote heute noch zeitgemäß?

Schon 1996 sprach sich die evangelische Kirche in Deutschland in ihrer Schrift "Mit Spannungen leben" für die Segnung homosexueller Paare aus. Im vergangenen Jahr beschloss die evangelische Kirche in Berlin, Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz, die Trauungszeremonie für homo- und heterosexuelle Paare anzugleichen, als dritte Landeskirche in Deutschland. Die Begründung: "Die Bibel kennt den Reichtum der Beziehungsgestaltung zwischen zwei Menschen, sie spiegelt die reichen gottgeschenkten Facetten von Sexualität und Erotik in der Liebe zweier erwachsener Menschen." Auch der designierte CDU-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Daniel Günther, ist aus seiner christlichen Grundüberzeugung für die "Ehe für alle".

 Warum ist die Forderung "Ehe für alle" so wichtig?

Blicken wir zurück. Erst vor 23 Jahren ist der Paragraf 175, der Liebe unter Männern mit Gefängnis bestrafte, abgeschafft worden. Über Jahrhunderte wurden homosexuelle Frauen und Männer verachtet, verfolgt, bestraft. Gerade wenn der Artikel 6 des Grundgesetzes in diesem Schutzversprechen homosexuelle Menschen auch in der Ehe als gleichwertig ansieht, wäre das eine Wiedergutmachung für jahrhundertelange Ächtung.

Man kann fragen, ob angesichts der Tatsache, dass derzeit 65 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht sind, dass uns das Weltklima bedroht, dass die militärischen Konflikte angeheizt werden und der Populismus zunimmt, die Frage nach der "Ehe für Alle" wirklich so dringlich ist. Ich beantworte diese Frage mit einem klaren: Ja. Ein kleiner Schritt, der aber historisch so bedeutsam ist und für unzählige Menschen Unterstützung und Anerkennung bedeutet. Deshalb wäre es gut für unsere Gesellschaft, für die das Grundgesetz die Würde des Menschen als oberstes Gebot ansieht, diesen Artikel an die Realität anzupassen. Lasst uns aus der Kopie, dieser sogenannten Eingetragenen Lebenspartnerschaft, ein gleichwertiges Original machen.  

Unter #Grundgesetz, auf Facebook, Youtube und natürlich im Radio rufen wir Sie zur Diskussion auf. Sollte die Ehe für alle eingeführt werden? Oder gibt es Argumente dagegen? Wir freuen uns auf Ihre Meinung!

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Stand: 23.06.2017, 06:00